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Prognose:Übertreibt der Krebsbericht der WHO?

Weltkrebstag - Krebskrankheiten

Der Anstieg der Krebsfälle ist auch auf verbesserte Diagnosen zurückzuführen. Etliche Tumore werden deutlich früher erkannt.

(Foto: dpa)
  • In ihrem aktuellen Krebsbericht prognostiziert die WHO einen Anstieg der jährlichen Tumorerkrankungen bis 2040 um bis zu 100 Prozent.
  • Das WHO-Krebsforschungsinsitut IARC in Lyon spricht hingegen von deutlich niedrigeren Zahlen und betont Fortschritte in Forschung und Behandlung.
  • Lückenhafte Daten zu Therapieerfolgen, sozioökonomischen und demografischen Entwicklungen erschweren eine konkrete Vorhersage.

Beeindruckende Zahlen stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem neuen Krebsbericht vor. Im Jahr 2040 sei demnach weltweit mit jährlich 29 Millionen neuen Tumorerkrankungen zu rechnen. Dies würde einen Anstieg um 62 Prozent gegenüber 18,1 Millionen Fällen im Jahr 2018 bedeuten. Naturgemäß beruhen solche Prognosen auf mathematischen Modellen, die über den langen Zeitraum von 20 Jahren mit großer Unsicherheit behaftet sind. Wohl deshalb werden in ähnlichen WHO-Publikationen mal 27 Millionen, mal 37 Millionen neue Fälle genannt.

Welche Zahlen auch stimmen, sie belegen nicht, dass Tumore bedrohlicher werden. Vielmehr lässt sich ein Teil des prognostizierten Anstiegs mit zwei Phänomenen erklären: Fast überall steigt die Lebenserwartung und der größte Risikofaktor für Krebs ist das Alter. Zwar bekommen auch Kinder und junge Erwachsene Krebs, allerdings seltener. Mit fortgeschrittenen Jahren sind Mutationen häufiger, Körperzellen entarten und werden Ausgangspunkt für bösartige Tumore. Da körpereigene Reparaturen im höheren Alter nicht mehr so gut funktionieren, entsteht leichter Krebs. Ein weiterer Grund für den Anstieg sind genauere Diagnosemethoden. Deshalb werden etliche Tumorarten früher erkannt. Dies ist für Patienten nicht zwangsläufig von Vorteil, da immer öfter auch langsam wachsende, harmlose Krebsvarianten entdeckt werden, die keiner Therapie bedürfen, aber Patienten unnötig verunsichern.

Etwa jede vierte Krebserkrankung geht auf das Rauchen zurück

"In den vergangenen 50 Jahren haben wir erhebliche Fortschritte in der Erforschung, Vorbeugung und Behandlung von Krebs gesehen" sagt Elisabete Weiderpass, Direktorin des WHO-Krebsforschungszentrums IARC in Lyon. "Todesfälle durch Krebs wurden verringert, sodass die Wahrscheinlichkeit, früher an Krebs zu sterben, in reichen Ländern zwischen 2000 und 2015 um 20 Prozent gesunken ist - in ärmeren Ländern allerdings nur um fünf Prozent."

Die WHO prognostiziert, dass sich bis 2030 jährlich sieben Millionen neue Krebsfälle verhindern ließen. Dazu müsste der Tabakkonsum sinken, der für 25 Prozent aller Tumorerkrankungen verantwortlich ist. Impfungen gegen Hepatitis B und HPV würden Leberkrebs und Gebärmutterhalskrebs verringern. Ließe sich der steigende Anteil Übergewichtiger in Ländern mit geringem Einkommen senken, wäre weniger Krebs durch Adipositas die Folge.

Der Krebsbericht der WHO legt auf 152 Seiten detailliert Hochrechnungen vor und warnt an einer Stelle, dass im Jahr 2040 nicht nur 29, sondern gar 37 Millionen neue Krebsfälle zu erwarten sind, ohne zu belegen, wie diese Zahl zustande kommt. Die Forscher erklären die enorme Spanne mit lückenhaften Daten und der Unsicherheit, wie demografische Entwicklung, sozioökonomischer Fortschritt und medizinische Therapieerfolge weltweit verlaufen. Wer eine politische Agenda verfolgt, Alarmismus schüren oder Mittel zur Krebsforschung einwerben will, wird die Aussage "WHO warnt vor Verdopplung der Krebsfälle von 18 auf 37 Millionen" wohl begrüßen.

Redlicher wäre es zu betonen, dass auch die dezentere Prognose von 29 Millionen neuen Tumoren jährlich von vielen Unwägbarkeiten begleitet ist. Der 613 Seiten lange zeitgleich erschienene Bericht des IARC prognostiziert für 2040 gar "nur" 27 Millionen neue Krebsfälle. Dass Forscher Trends anders gewichten und unterschiedliche Modellrechnungen bevorzugen, kommt vor. Die WHO und ihr Krebsforschungszentrum IARC sollten sich in dieser heikle Frage allerdings nicht widersprechen und um gleich zehn Millionen Fälle auseinanderliegen.

© SZ vom 06.02.2020
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