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Wildtiere in der Stadt:Wehe, wenn das Wildschwein kommt...

Wildschwein

Wildschweine gelten als intelligent und sehr anpassungsfähig. Und sie wissen offenbar, welche Vorteile Städte zu bieten haben - genauso wie Füchse, Marder und Waschbären.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Vögel oder Eichhörnchen finden viele toll, bei wilden Tieren hält sich die Begeisterung in Grenzen. Versicherungen kommen nicht für Schäden auf. Mieter können aber Schutz verlangen.

Von St. Hoenig

Riesige Steinwüsten, viel Verkehr und Lärm - unsere Großstädte scheinen kein Lebensraum für Wildtiere zu sein. Doch dieser erste Anschein trügt: Wildschweine, Rehe, Marder, Waschbären und Füchse suchen in den Grüngürteln der Städte vermehrt Unterschlupf und Nahrung. "Aufgrund der guten Lebensbedingungen treten hier einige Wildtierarten sogar in höheren Dichten auf als im ländlichen Bereich", sagt Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Berlin. In der seit Jahren bei Wildschweinen besonders beliebten Hauptstadt musste im vergangenen Sommer eine Rotte sogar in einer Grünanlage im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf erschossen werden. Schätzungen zufolge sollen mehrere Tausend Wildschweine durch Berlin streifen, doch laut Wessel gibt es keine verlässlichen Zahlen. Das Problem aber ist gravierend.

Durch die Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft verschwanden diverse Lebensräume. Moore und Auen wurden trockengelegt, Wasserläufe begradigt. "Diese massiven Eingriffe führten zu einer Abwanderung in die grünen Bereiche der Städte", erklärt Wessel. Hinzu komme alljährlich der sogenannte Futterschock. Denn wenn die Maisfelder im Herbst abgeerntet seien, fänden Wildtiere dort weder Futter noch Deckung. Auf der Suche nach Rückzugsflächen gebe ihnen die Stadt Zuflucht.

"Wildschwein, Marder, Waschbär und Fuchs haben zudem gelernt, dass es sich von Komposthaufen in Gärten, Mülltonnen oder draußen stehenden Näpfen mit Hunde- und Katzenfutter gut leben lässt", nennt Lars Friman vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Berlin eine weitere Ursache. "Aus falscher Tierliebe werfen einige Gartenbesitzer zuweilen auch Essensreste über den Zaun, um die vermeintlich hungernden Wildtiere zu füttern", sagt der Experte.

"Wildschweine sind sehr intelligent und sehr anpassungsfähig", sagt Wildbiologe Michael Petrak, Leiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung des Landes Nordrhein-Westfalen in Bonn. In Berlin zum Beispiel seien Wildschweine mit Frischlingen schon auf den Mittelstreifen von Autobahnen gesichtet worden, ohne einen Unfall zu verursachen. Wildsauen kümmerten sich hervorragend um ihre Jungen, von denen durch den Klimawandel immer mehr durch die wärmeren und kürzeren Winter kämen. Wildschweine lernten zudem sehr schnell, wo Menschen seien, die sie füttern wollen.

Hausbesitzer sollten Gartentore unbedingt verschlossen halten, empfehlen Fachleute

Eine weitere Ursache für das Ausweichen von Wildtieren, besonders Wildschweinen, in den städtischen Raum, ist laut Petrak der dort fehlende Jagddruck. Gegen Wildschweine helfe nur, das jeweilige Grundstück einzuzäunen und die Tiere nicht zu füttern. Auch gegen Jagdmaßnahmen mit Augenmaß spreche wenig, was aber manche Großstädter ablehnten. Bei der Anlage eines wildschweindichten Zaunes ist es wichtig, auf eine stabile Manschette zu achten, die sich in den Boden eingraben lässt. Nur so könnten Wildschweine diese nicht aushebeln und nicht in den Garten gelangen, erläutert der Nabu Berlin. Hausbesitzer sollten Gartentore und -zufahrten unbedingt verschlossen halten. Wildschweine könnten in Gärten sogar Hunden gefährlich werden.

"Anders ist das bei Rehen", sagt Petrak. Diese würden häufig von Hunden zu Tode gehetzt. Gegen Rehe, die vor allem gern Rosenknospen fressen, könnten sich Rosenliebhaber ebenfalls nur durch Einzäunen und Nicht-Füttern schützen.

Füchse wiederum ernähren sich hauptsächlich von Mäusen und anderen Kleintieren. "Aber auch der Komposthaufen im Garten und draußen aufgestelltes Tierfutter sind für den Fuchs attraktiv", sagt Friman. Wer keinen Fuchs im Garten haben wolle, solle diese Futterquellen verschließen. Vielfach wird der Fuchs auch mit Krankheiten wie Fuchsbandwurm in Verbindung gebracht. "Das sind Horrorvisionen, um ein Bejagen zu rechtfertigen", sagt Friman. Exkremente von Füchsen seien aber für kleine Kinder gefährlich und müssten entsorgt werden. Des Weiteren halten sich nach Einschätzung des Nabu die gesundheitlichen Risiken im Rahmen: Die vom Fuchs übertragene Tollwut gelte in Deutschland als ausgerottet. Die ebenfalls beim Fuchs vorkommende Staupe und Räude sei für den Menschen zwar unangenehm, aber eher für Hunde gefährlich. Dagegen könnten regelmäßige Impfungen des Hundes helfen.

Marder sind schon seit jeher Kulturfolger des Menschen. "Sie bevorzugen für ihr Versteck die oberen Stockwerke, speziell den Dachboden, und richten dort oft enorme Schäden an", sagt Jürgen Eylert, der bei der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung in Bonn für kleinere Tiere zuständig ist. "Krabbelgeräusche und Poltern auf dem Dachboden sind Anzeichen für einen Marderbefall im Haus". Auch Kot- und Urinspuren sowie Überreste von Aas deuteten auf den ungebetenen Gast hin.

Auch Hundehaare können einen Marder nicht vom Haus fernhalten

Manche halten Lebendfallen für eine gute Lösung. Aus Sicht von Eylert gewährleistet das Fangen der Tiere aber keinen langfristigen Erfolg, da entweder ein neuer Marder das freigewordene Revier besetzt oder der vertriebene Marder sogar lange Strecken zurücklegt, um in sein Zuhause zurückzukehren. Es sei auch nicht bewiesen, dass "Hausmittel" wie Hundehaare oder Urin anderer Tiere gegen Marderbefall helfen. Auf Dauer lässt sich nach Ansicht des Experten ein Marder im Haus nur vermeiden, wenn sein Schlupfloch gefunden und verschlossen wird.

Waschbären verbreiten sich erst seit den 1940er-Jahren in Deutschland, heißt es beim Nabu Berlin. Ursprünglich wurden die aus Nordamerika stammenden Tiere aus der Familie der Kleinbären als Pelzlieferanten in Europa eingeführt. Als Folge undurchdachter Freilassungen haben sich die Waschbären rasch verbreitet. Sie kommen heute hauptsächlich in den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin vor. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Landkreis Kassel (Hessen). Ähnlich wie die Marder suchen Waschbären gerne ruhige Rückzugsräume auf Dachböden und Gartenlauben. Auch hier hilft nur: Schlupfloch finden und verschließen, meint Eylert.

Wildschweine, Füchse, Marder und Waschbären gelten rechtlich als "herrenlos", sie unterliegen dem Jagdrecht. Wühlen Wildschweine die Gärten von Privatleuten um, müssen weder Jäger noch die Jagdgenossenschaft für den Schaden aufkommen. Diese zahlen nur, wenn die Schäden in jagdbaren Gebieten entstehen. Wohngebiete gehören nicht dazu. "Auch Versicherungen zahlen nicht für solche Wildtierschäden, da haben Hausbesitzer dann einfach Pech gehabt", sagt Christian Ponzel vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin.

"Mieter dagegen müssen es nicht hinnehmen, dass Wildschweine in den Garten eindringen", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund in Berlin. Hierzu gebe es mehrere Urteile. "Mieter können verlangen, dass der Vermieter auf eigene Kosten ausreichende Schutzvorkehrungen trifft und zum Beispiel einen stabilen Zaun errichtet", erklärt Ropertz. Das habe zuletzt im Dezember 2015 das Landgericht Berlin in einem Urteil bestätigt (AZ 67 S 65/14). In diesem Fall sei ein Vermieter zum Handeln verurteilt worden, nachdem einige Mieter auf dessen Grundstück mehrfach von Wildschweinen belästigt worden waren. Die Mieter hätten auch die Miete mindern dürfen. Gerechtfertigt war nach Auffassung des Landgerichts eine Mietminderung von zehn bis 20 Prozent.

© SZ vom 28.04.2017
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