bedeckt München 16°

Börsenausblick:Höhere Zinsen

In der vergangenen Woche erhöhte die US-Notenbank Fed erstmals seit 2008 wieder die Zinsen. Entscheidende Frage für 2016 ist, mit wie vielen und wie großen Schritten sie diesen Weg fortsetzt. "Wenn in den USA wieder ein Zins zu verdienen ist, ändern sich die Koordinaten für die Kapitalmärkte", sagt Chefvolkswirt Krämer. Es sei nicht auszuschließen, dass es zu weiteren Abflüssen aus den Schwellenländern und damit zu Turbulenzen auf den Devisen- und Aktienmärkten kommt - wie schon 2013. Die Gefahr eines Zinsschocks hält Krämer allerdings nicht für allzu groß: Gerade in Europa werde die Notenbank weiter eine lockere Geldpolitik verfolgen.

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, sieht auch in den USA keine massive Zinserhöhung, sondern nur ein "Zinswendchen". Die Notenbank Fed könne die Zinsen wegen der schwachen Konjunktur kaum deutlich erhöhen. Die strukturelle Schwäche der US-Wirtschaft sei heute größer als vor Ausbruch der Finanzkrise. Das würde zwar die Risiken verringern, dass die Zinsen deutlich steigen, berge aber langfristig negative Konsequenzen: Die Abhängigkeit vom billigen Geld bliebe erhalten und mit ihr die Gefahr, dass sich Blasen auf den Aktien- und Immobilienmärkten bilden und dass die Industrienationen zu keinem Aufschwung finden, der sich selbst trägt. Die Fehlentwicklung der vergangenen Jahre würde fortgeschrieben.

"Wir werden keine wirkliche Zinswende sehen, auch nicht in den USA, die hoch verschuldeten Staaten würden einen Renditeanstieg ihrer Anleihen nicht verkraften", sagt Halver. Er kann sich nicht vorstellen, dass in den Industrieländern wieder normale Renditen von vier oder fünf Prozent kommen.

Teure Aktien

Die Aktienrally dauert nun schon seit vier Jahren an. Auch für 2015 fällt die Bilanz beim deutschen Börsenbarometer Dax am Jahresende positiv aus, obwohl es im Herbst noch nicht danach aussah. Vereinzelt warnen Ökonomen davor, dass der Börsenboom zum Erliegen kommen könnte, weil die Entwicklung der Unternehmen wegen der schwachen Konjunktur mit dem Anstieg der Kurse nicht Schritt gehalten habe. "Für 2016 haben wir die niedrigsten Erwartungen der vergangenen Jahre", sagt Marco Herrmann von der Münchner Vermögensverwaltung Fiduka. Das Aufwärtspotenzial dürfte zwar anhalten, aber eher gering sein. "Wir finden es angebracht, verhalten optimistisch zu bleiben", sagt Herrmann, schließlich gelte noch mehr als in den Vorjahren, dass es kaum eine Alternative zu Aktien gebe. Dabei seien europäische Aktien mit Blick auf die Bewertung deutlich attraktiver als amerikanische.

Auch für Vermögensverwalter Ehrhardt sind die Aktien im Dax nicht überteuert, sondern durchschnittlich bewertet. Zudem böten sie mit einer Dividendenrendite von 2,8 Prozent in diesem Jahr noch eine relativ gute Verzinsung. "Im Vergleich zu Anleihen sind Aktien für Anleger die bessere Wahl", sagt Ehrhardt.

Illiquide Anleihen

Der weltweit bekannteste Anleihe-Investor versucht es mit einer Metapher: Wenn Panik ausbricht, passen nicht alle durch den schmalen Ausgang, schrieb Bill Gross vor einigen Monaten. Gemeint ist damit der Liquiditätsmangel am Anleihemarkt. Liquidität heißt in diesem Fall, wie leicht Anleger ein Wertpapier zum aktuellen Marktpreis kaufen oder verkaufen können. Weil sich die großen Banken in den vergangenen Jahren aus ihrer Rolle als Zwischenhändler zurückgezogen haben, sind die Handelsbestände vieler Anleihen stark zurückgegangen: Zwar sind deutlich mehr Papiere auf dem Markt, aber das gehandelte Volumen ist seit der Finanzkrise drastisch gesunken.

Die gewachsene Unsicherheit dürfte sich also auch an Anleihemarkt bemerkbar machen. "Die Liquiditätsprobleme bleiben bestehen", sagt Herrmann. "Wenn institutionelle Investoren größere Positionen kaufen oder verkaufen wollen, gelingt das in vielen Fällen nicht mehr." Die Folge: stärkere Schwankungen und das Risiko deutlicher Verluste bei Anleihen, die in den vergangenen Jahren stark im Kurs gestiegen sind. Für Privatanleger, die eher selten direkt Anleihen kaufen, sind die zuletzt recht beliebten Rentenfonds deshalb kaum noch empfehlenswert.

Vermögensverwalter Ehrhardt hält Anleihen für "ziemlich uninteressant", obwohl die EZB sie weiter im großen Stil aufkauft. Der Zins von Staatsanleihen kann dadurch noch weiter fallen, "trotzdem sind sie langfristig eher ein Risiko als eine Chance", sagt er. Und auch die Verzinsung von Unternehmensanleihen sei weniger attraktiv als die Dividendenrendite von Aktien.

© SZ vom 21.12.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite