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USA:Auferstehen aus Ruinen

Eine Stadt im Bau. Im Vordergrund ist ein Teilstück der Little Caesars Arena zu sehen. Daneben soll ein Einkaufszentrum entstehen.

(Foto: Jeff Kowalsky/AFP)

Nach Jahren des Niedergangs herrscht in Detroit Aufbruchsstimmung. Viele sanierte Gebäude verheißen ein trendiges Leben. Vom neuen US-Präsident Trump erhofft sich die alte Autostadt einen Aufschwung.

Make America great again: Donald Trumps Wahlkampfslogan ist wie gemacht für Detroit. Die US-Autometropole an der kanadischen Grenze hat von Aufstieg bis Verfall alles erlebt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt in Michigan zu einem führenden Industriezentrum. Mehr als 1,8 Millionen Menschen machten Detroit 1950 zur Großstadt. Viele Bewohner arbeiteten in den Fabriken der "Big Three": General Motors, Ford und Chrysler. Entsprechend dicht wurde die Innenstadt am Ufer des breiten Detroit River bebaut: Mit einem typischen Ensemble von Bürohochhäusern glich die Boomtown vielen Geschäftszentren in Nordamerika. Das ist Geschichte. Die Bevölkerungszahl hat sich zwar nach einem Tief von 680 000 Einwohnern im Jahr 2013 auf mittlerweile 713 000 wieder etwas erholt. Doch der jahrzehntelange Abstieg hat tiefe Wunden hinterlassen. Viele leer stehende Häuser wurden abgerissen. Die einst so stolze Skyline hat zahlreiche Lücken.

Was ist in Detroit passiert? Das fragen sich auch viele Mitglieder der Demokratischen Partei. Sie konnten nicht verhindern, dass große Teile der Arbeiterschaft ins Lager der Republikaner wechselten. Dabei war es Präsident Obama, der General Motors nach dem Bankrott 2009 durch staatliche Interventionen rettete. Als Obama sein Amt antrat, befand sich die US-Wirtschaft im freien Fall, die Arbeitslosenrate lag bei knapp zehn Prozent. Heute sind nur noch halb so viele Menschen ohne Job. Doch das hilft den Fließbandarbeitern in Detroit nur bedingt. Viele Arbeitsplätze gingen in der Krise verloren und kamen nie zurück. Das hat mit dem Strukturwandel zu tun, aber auch mit der Macht der Gewerkschaften und veralteten Werkstandorten. Seit den 1980er-Jahren entstanden neue Fabriken im Umland des Tri-County (Macomb, Oakland, Wayne). Alternativ wanderten sie in die US-Südstaaten mit relativ zahmen Gewerkschaften wie Alabama ab - oder gleich nach Mexiko.

Jetzt träumen manche in Detroit von der Rückkehr zu alter Größe, auch die Immobilienbranche. Amerikas neuer Präsident will schließlich in den kommenden Jahren eine Billion US-Dollar in die Modernisierung von Amerikas Straßen, Schienen, Telekommunikations- und Stromnetze investieren, womit Hunderttausende neue Jobs entstehen sollen - Jobs für Menschen, die konsumieren und wohnen werden und Steuern zahlen. Den Abfluss von Arbeitsplätzen nach Mexiko will Trump zudem mit aller Macht stoppen. In den USA werden etwa 3,3 Millionen Autos mehr verkauft, als im Lande produziert werden. Ein Großteil der Fahrzeuge kommen aus dem NAFTA-Nachbarland. Sondersteuern sollen diese Importe künftig teurer machen als heimische Ware. Im August des vergangenen Jahres versprach Trump der Autometropole ein glänzendes Comeback: "Detroit - the Motor City - will come roaring back", sagte er bei einem Wahlkampfauftritt vor dem Detroit Economic Club. Mit lautem Auspufflärm werde Detroit also zurückkommen.

Nirgends werden sich Erfolge der neuen Regierung besser messen lassen als hier

Der neue Präsident sieht in der Stadt "den lebendigen Beweis für das gescheiterten Wirtschaftsprogramm der Demokraten". Ob die Rückbesinnung auf Amerikas "Old Economy" dem "Rostgürtel" nachhaltig helfen wird? Die Industrieregion im Nordosten der USA wurde wie keine andere zum Zentrum der Stahlverarbeitung - und gilt heute als großer Verlierer der Globalisierung sowie Digitalisierung. Nirgends werden sich die Erfolge der neuen Regierung besser messen lassen als in Detroit. Die schon fast abgeschriebene Stadt rückt also wieder ins Rampenlicht.

Dabei hatte die New York Times schon im vergangenen Jahr die Auferstehung vom städtischen Ruin gefeiert. Detroit wurde auf den neunten Platz der US-Metropolen gewählt. 2013 musste die Stadt offiziell Bankrott erklären. Mit rund 17 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten und Einnahmen von lediglich zwei Milliarden Euro pro Jahr konnte sie ihre Schuldenlast nicht mehr tragen. Ursachen waren vor allem die Deindustrialisierung und Entvölkerung des eigentlichen Stadtgebiets. Wer konnte, zog den Arbeitsplätzen hinterher ins Tri-County. Während 1950 um die 1,1 Millionen Menschen in den Vororten lebten, sind es heute drei Millionen. Was blieb, ist eine der größten und ärmsten schwarzen Gemeinden innerhalb der USA.

"Mehr als 80 Prozent der Bewohner von Downtown sind Schwarze. Die meisten von ihnen sind arbeitslos, 30 Prozent der Menschen leben in echter Armut", hält Robin Boyle fest. Der Professor für urbane Studien und Stadtplanung an der Wayne State University sieht die Ursache auch in der schlechten Vernetzung mit dem Umland: "Detroit ist die dezentralisierteste Stadt der USA", so Boyle. Ford habe beispielsweise 46 000 Arbeitsplätze im Umfeld der Stadt, aber nur 1500 Angestellte in der City. "Das Problem des Arbeitsmarkts haben wir nicht gelöst", beklagt der Professor. Die Weißen aus der Mittelschicht hätten sich seit den Rassenunruhen in den 60er-Jahren zunehmend in die Vororte zurückgezogen. Dadurch ergebe sich ein eklatantes Bildungsgefälle: "Im Stadtgebiet haben nur elf Prozent der Bewohner einen Hochschulabschluss (Bachelor). Im zwei Flugstunden entfernten Minneapolis liegt die Quote dagegen bei 45 Prozent."

Die City lockt mit attraktiven Lofts: Das zieht die gut gebildete, weiße Elite an

Immer wieder wird das Comeback von Detroit beschworen. Doch an den grundlegenden Problemen hat sich kaum etwas geändert. In einer Volksabstimmung haben sich die Bewohner des Wayne County gerade gegen die Einführung eines Schnellbusnetzes zwischen Detroit und den Vororten entschieden. In vielen südamerikanischen Großstädten hat sich das bahnähnliche System mit eigenen Fahrspuren bewährt, um die Arbeitskräfte aus den Vororten in die Citys zu bringen. In Detroit sollte es das Gegenteil bewirken: die Menschen ohne Auto mit den Fabriken im Umland verbinden.

Die Aktivistin Jeanette Pierce von der Detroit Experience Factory hält die Abstimmung für einen Beweis von Rassismus. Aufgeben will sie ihr geliebtes Motown dennoch nicht. Seit 2006 hat sie mit Kollegen 90 000 Menschen in "Nachbarschafts-Touren" durch Downtown Detroit geführt. Begeistert erzählt Pierce von 160 Restaurants und Cafés in der "Altstadt", die mit "Hudson's Store" einst auch das größte Warenhaus der USA beheimatete. 1998 wurde das 160 Meter hohe Gebäude an der zentralen Woodward Avenue nach jahrelangem Leerstand gesprengt.

Darüber, ob sich Detroit von seinem Siechtum erholen wird, gehen die Meinungen auseinander. Es gibt viele Geschichten von Start-ups und neuen Investoren. Marc Hudson, Mitbegründer von Rocket Fiber, arbeitet zum Beispiel daran, die städtische Infrastruktur neu zu vernetzen: "57 Prozent der Bewohner von Detroit haben keine feste Netzverbindung, nicht einmal eine Telefonleitung." Ein Glasfasernetz soll nun junge Firmen in die Innenstadt locken. Noch immer geht die Schere bei den Arbeitsplätzen auseinander: Auf der einen Seite die schlecht bezahlten Servicejobs für Leute ohne Hochschulabschluss. Und auf der anderen Seite die neue, junge und meist weiße, gebildete Elite. Für sie sind die vielen frei stehenden Lofts ein Schlaraffenland. Überall werden die hundert Jahre alten Bürogebäude mit hohen Decken saniert. Das neue Detroit verspricht ein trendiges urbanes Leben ohne die Raumnot von New York. Doch die beginnende Gentrifizierung hat denselben Effekt wie überall auf der Welt: Die Mieten verdoppeln sich nach der Renovierung, und die neuen Bewohner verdrängen die alten. Womöglich sieht so das "roaring comeback" aus, wie es sich Donald Trump vorgestellt hat.