Reeder Stolberg der Veruntreuung verdächtig Eine Spende, die nicht ankam

Es ist großes Verwirrspiel um Spenden aus einer TV-Gala: Der Reeder Niels Stolberg soll Gelder veruntreut haben, die Tsunami-Opfern helfen sollten. Nun ermitteln die Staatsanwälte.

Von Kristina Läsker und Ralf Wiegand, Bremen

Seit März ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen gegen den einstigen Chef der insolventen Reederei Beluga Shipping, Niels Stolberg. Die Fahnder verdächtigen den Gründer der Bremer Schifffahrtsfirma des Betrugs und der Bilanzmanipulation. Er und 13 weitere Manager sollen die Bücher mit Scheinumsätzen frisiert haben, um Renditevorgaben eines Investors zu erfüllen. Am Mittwoch spitzte sich die Lage zu. Nun ermitteln die Staatsanwälte in einer weiteren heiklen Angelegenheit: Stolberg soll Geld für ein Waisenhaus in Thailand veruntreut haben. "Von der Spende ist nur ein Teilbetrag angekommen", sagte Staatsanwalt Frank Passade.

Der ehemalige Chef der Beluga-Reederei, Niels Stolberg, soll Spendengelder veruntreut haben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Fokus stehen Ereignisse vom November 2009. Damals sendete der Fernsehsender RTL eine Spendengala, um Geld für die gemeinnützige Beluga School for Life in Thailand einzutreiben. Damit sollte ein neues Schulgebäude gebaut und betrieben werden. Niels Stolberg hatte das gemeinnützige Projekt selbst 2005 gegründet, um verwaisten Kindern nach dem Tsunami 2004 zu helfen. Eine Bedingung für den TV-Spendenmarathon war es, dass Stolbergs Firma Beluga Shipping das Ganze mit einer Startspende von 500.000 Euro unterstützt. RTL sammelte durch die Gala zusätzlich mehr als eine halbe Million Euro von privaten Spendern ein.

"Nur 148.000 Euro in Thailand angekommen"

Die Staatsanwälte argwöhnen nun, dass Stolbergs eigene Spende wesentlich niedriger als eine halbe Million gewesen sei. Tatsächlich seien zunächst 500.000 Euro von Beluga Shipping an RTL und von da aus auf die Konten der Beluga School for Life geflossen. Doch schon wenig später wurde der Betrag wieder auf ein Beluga-Konto zurückgebucht. Nur Teile des Geldes seien endgültig im Waisenhaus gelandet, so Passade: "Es sind nur 148.000 Euro in Thailand angekommen." Die restlichen 352.000 Euro wären demnach also - anders als versprochen - nie nach Thailand geflossen. Anders verhält es sich mit Spenden der Zuschauer. Diese wurden komplett überwiesen.

Niels Stolberg hatte diesen Vorwurf stets bestritten. Damit will man meinen Ruf endgültig zerstören", sagte Stolberg im April der Süddeutschen Zeitung und verwies auf ein Gutachten, das die Frankfurter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Consul GmbH erstellt hat. Alles eine Intrige seiner Gegner also? Im Auftrag des Unterstützerkreises der Beluga School for Life hatten die Prüfer den Geldfluss rund um die Spendengala untersucht und "keine konkreten Anhaltspunkte für Verfehlungen bei der Verwendung von Spendengeldern" gefunden, so Stolberg.

Dieser gutachterliche Freispruch erleichterte die prominenten Mitglieder des Unterstützerkreises, vor allem den UN-Sonderbeauftragten für Sport, Willi Lemke. Der frühere Bildungs- und Innensenator der Hansestadt hatte sich mächtig für Stolberg ins Zeug gelegt und dessen Thailand-Projekt in seiner Rolle als UN-Vertreter sogar persönlich besucht. Dank des Gutachtens seien die Vorwürfe gegen Stolberg "ohne Wenn und Aber vom Tisch", sagte er damals. Dass Lemke sich dennoch im Sommer aus dem Unterstützerkreis zurückzog, habe allein zeitliche Gründe gehabt. Stolberg beruft sich noch heute auf das Gutachten von April: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst", sagte er am Dienstag der Agentur dpa.

Die Beluga School for Life wird inzwischen von einer Übernahmegesellschaft als Hanseatic School for Life von Hamburg aus weitergeführt. Mit Stolberg stehe man in Kontakt, sagte Geschäftsführerin Silke Hoppe der SZ. "Es war ihm völlig egal, wie der Name der Schule ist und wo die Gesellschaft ihren Sitz haben würde. Hauptsache, den Kindern wird geholfen." Die Finanzierung sei auf mehrere Spender verteilt und bis Ende 2013 gesichert. Ob die jetzigen Betreiber Ansprüche an Stolberg stellen würden, wenn sich der Verdacht der Untreue bestätigt, beantwortete Hoppe mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht.

Aufstieg und Niedergang des schillernden Unternehmers Stolberg sind beispiellos in der Schifffahrtsbranche. 2006 noch Unternehmer des Jahres, hat er nun Privatinsolvenz beantragt. Seine frühere Firma ist binnen eines Monats in sich zusammengefallen. Obwohl sie für 2009 noch Umsätze über 415 Millionen Euro ausgewiesen hatte und zuletzt knapp 600 Angestellte beschäftigte. 2010 war alles aus den Fugen geraten: Stolberg, der damals akute Liquiditätsprobleme hatte, holte den Finanzinvestor Oaktree ins Boot.

Im Oktober wurden die Verträge unterzeichnet. Oaktree erwarb 37,5 Prozent der Anteile - für nur 9,5 Millionen Euro. Dafür steckte der Investor 165,5 Millionen Euro Fremdkapital ins Unternehmen. Später übernahmen die Investoren die Mehrheit. Als sie sich in die Bücher vertieften, wurden sie jedoch misstrauisch - im Frühjahr erstatteten sie Anzeige, weil sie die Bilanz für frisiert hielten. Ob Stolberg letztendlich angeklagt wird, bleibt unsicher. Ein Ende der Ermittlungsverfahren sei nicht absehbar, sagte Staatsanwalt Passade.