Reden wir über Geld: Christine Bortenlänger "Ausreden zur Frauenquote habe ich satt"

SZ: Hm, versetzen wir uns in den Alltag einer Börsenchefin: Können Sie wegen eines Kindergeburtstags Termine absagen?

Bortenlänger: Ja, natürlich! Ich finde auch, dass Mitarbeiter zur Einschulung oder mal zu einer Geburtstagsfeier gehen sollen. Das sind wichtige Ereignisse im Leben der Kinder. Es muss auch voll Berufstätigen möglich sein, sie zu erleben.

SZ: Sie sind als Frau in einem Topjob die Ausnahme. Sind Sie für eine Quote?

Bortenlänger: Ich war lange dagegen. Inzwischen bin ich für eine Frauenquote in Aufsichtsräten. Wir reden seit mehr als zehn Jahre darüber, dass mehr Frauen in Führungspositionen gehören. In dieser Zeit hat sich praktisch nichts getan. Ich habe einfach die dauernden Ausreden satt. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, gut ausgebildete Frauen nicht zu befördern...

SZ: ... weil die Kerle es nicht wollen.

Bortenlänger: Ich glaube gar nicht, dass das immer eine bewusste Ablehnung der Kandidatinnen ist. Das hat mehr mit Rollenbildern zu tun. Der Herr Abteilungsleiter stellt eben wieder einen Herrn als Abteilungsleiter ein. Die Rollen sind so klar verteilt wie bei einer Grillparty.

SZ: Wie meinen Sie das?

Bortenlänger: Wenn unsere Freunde ein Fest organisieren, kommt unweigerlich die Frage: Wer steht am Grill und wer backt die Kuchen? Bei den Kuchen gucken alle die Frauen an.

SZ: Und was machen Sie?

Bortenlänger: Ich grille lieber.

SZ: Und was macht dann Ihr Mann?

Bortenlänger: Der weiß, dass ich grillen will.

SZ: Haben Sie gedacht, dass Sie zehn Jahre an der Spitze der Börse durchhalten?

Bortenlänger: Ich hatte nicht die Sorge, dass man mich gleich wieder rausschmeißen würde. Aber ich dachte auch nicht in Zeiträumen, sondern in Aufgaben.

SZ: Was haben Sie noch vor?

Bortenlänger: Zum Jahresende werden wir einen Terminmarkt für Emissionsrechte und eine Warenbörse einführen. Überleben werden nur Regionalbörsen, die Trends setzen. Aktien- und Rentenhandel reichen nicht.

SZ: Wie viele der heute sieben deutschen Börsen gibt es in zehn Jahren noch?

Bortenlänger: Weniger als sieben. Aber mehr als eine. In den neunziger Jahren hatten Experten prognostiziert, dass bis heute nur eine übrig bleibt. Ha!

SZ: Als Sie anfingen, gab es die Euphorie um die vermeinliche New Economy. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Bortenlänger: Auch ich habe damals den Traum gelebt, dass wir ein Land der Gründer werden, der innovativen Erfinder, die uns lange Zeit viel Wachstum bringen. Der Traum war richtig, aber manche Ausprägung in der Realität eine Täuschung.

SZ: Haben Sie sich damals verzockt?

Bortenlänger: Ich hatte nur ein bisschen Geld angelegt in Aktienfonds und höchstens zweitausend D-Mark verloren.

SZ: Klingt vorsichtig.

Bortenlänger: Einmal kam eine alte Dame zu mir, nachdem ich einen Vortrag gehalten hatte. Die war bestimmt weit über achtzig. Sie war völlig entsetzt, dass ich zur Vorsicht riet. Sie hatte gerade die Hälfte Ihres Vermögens in Techologiewerte angelegt. Verkehrte Welt!

SZ: Sie selbst haben da ja mehr Glück gehabt. Vieles in Ihrer Karriere war vom Zufall geleitet, sagen Sie. Glauben Sie an Schicksal?

Bortenlänger: Auf jeden Fall. So einen Weg kann man nicht planen. Man kann ihn aber mit Begeisterung und Überzeugung gehen, dann ist einem das Schicksal vielleicht auch eher gewogen, als wenn man mit sich und der Umwelt hadert.