Merkel und Sarkozy beim Euro-Krisengipfel:Stille Sportfreunde

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Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy demonstrieren bei ihrer Pressekonferenz Geschlossenheit und sprechen vom "Wir" statt vom "Ich". Von wegen deutsch-französischer Streit! Viel zu sagen haben sie allerdings nicht - und bei der entscheidenden Frage weicht die Kanzlerin aus.

Caroline Ischinger, Brüssel

Im französischen Pressesaal des Europäischen Rats steht die Luft, die Journalisten fächern sich mit ihren Hausausweisen und Notizblöcken Luft zu. Dicht an dicht stehen sie hier, seit mehr als einer Stunde warten sie auf Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die noch mit den Staats-und Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer beim Dessert sitzen. Warum das bloß so lange dauert, fragen sich die Reporter. Denn der eigentliche schwierige Teil dieses Gipfels, das Treffen der Euro-Länder über die Ausweitung des Rettungsschirms, soll ja erst nach dem Mittagessen beginnen.

Als Merkel und Sarkozy schließlich mit eineinhalb Stunden Verspätung die kleine Tribüne im Pressesaal betreten, brandet unter den Journalisten Applaus auf. Die deutsch-französische Führung grinst sich fragend an. Womit sie diese Begrüßung verdient haben? "Dieser Applaus gilt der Tatsache, dass die Pressekonferenz beginnt, bevor der Sauerstoff in diesem Saal völlig verbraucht ist. Und weniger uns", stellt die Kanzlerin ganz richtig fest.

Die Führungsqualitäten des deutsch-französischen Duos waren in den vergangene Tagen nämlich weniger auf Bravo- als auf Buhrufe gestoßen, nachdem aus dem bereits verschobenen Gipfeltreffen kurzerhand ein Doppelgipfel wurde, weil sich Merkel und Sarkozy nicht einigen konnten, wie die Schlagkraft des EFSF erhöht werden soll.

Bei ihrer Pressekonferenz demonstrieren die beiden dann Geschlossenheit, nicken sich immer wieder zu, sprechen vom "Wir" statt vom "Ich". Von wegen deutsch-französischer Streit! Die Probleme seien einfach sehr komplex und kompliziert, betonen beide. "Frankreich und Deutschland sprechen mit einer Stimme", sagt Sarkozy.

Viel zu sagen hatten sie allerdings noch nicht. Fortschritte konnten sie zumindest schon für Gespräche der Finanzminister über die Rekapitalisierung der Banken verkünden. Auch in den Verhandlungen, wie der Rettungsschirm ESFS ausgeweitet werden soll, scheint man einer Einigung näher zu kommen.

Es seien noch zwei Varianten auf dem Tisch, beide würden die Europäische Zentralbank nicht enthalten, betonte Bundeskanzlerin Merkel. Das hatte Paris zunächst gefordert. Der endgültigen Lösung müssten aber alle Euro-Länder zustimmen, betonte Sarkozy. "Das ist Teamwork", sagt der französische Präsident.

Unklarheit gibt es jedoch weiterhin darüber, wie der geplante Schuldenschnitt für Griechenland ausfallen soll. Sarkozy sagt, man müsse mit den privaten Gläubigern eine "freiwillige Lösung" finden. Die Bundeskanzlerin weicht aus.

Sollte es zu keiner Einigung kommen, wären andere Varianten denkbar, sagte der Vertreter eines großen Euro-Landes. Die Verhandlungen mit den Banken liefen während des Gipfeltreffens weiter. Bis zum Mittwoch, wenn sich die Regierungschefs erneut in Brüssel treffen, soll eine Einigung mit den Gläubigern erzielt werden.

Die Euro-Länder stehen unter hohem Zeitdruck, denn Griechenland kann seine Schulden kaum noch bezahlen. Nur wenn auch private Gläubiger "einen großen Beitrag" leisteten, könne das Land von 2020 an überhaupt wieder allein wirtschaften, schreiben die Inspektoren der Troika in ihrem Bericht zur Schuldentragfähigkeit Griechenlands.

Echter Sportsgeist

Zudem benötige Athen deutlich mehr an Finanzhilfe, als noch im Juli veranschlagt wurde. Damals gingen die Inspektoren von 109 Milliarden Euro aus, inzwischen beziffern sie den zusätzlichen Bedarf auf 252 Milliarden Euro - vorausgesetzt, die Spar- und Reformprogramme greifen und die Wirtschaft erholt sich.

Falls sich jedoch die Reformen weiter hinzögen, die Erlöse aus dem Verkauf von Staatseigentum deutlich geringer als geplant ausfielen und die Unternehmen nicht konkurrenzfähig wirtschafteten, könnte sich dieser Fehlbetrag auf 444 Milliarden Euro erhöhen. Die Inspektoren empfehlen deshalb einen Abschlag von 50 bis 60 Prozent auf den Nennwert griechischer Anleihen.

"Wir haben noch Stunden der Verhandlungen vor uns", erklärte Präsident Sarkozy zum Ende der Pressekonferenz. Und kam noch auf die Rugby-Weltmeisterschaft zu sprechen, bei der das französische Team gerade gegen Neuseeland verloren hat, für das Sarkozy trotzdem voller Lob war. Ein zweiter Platz sei trotzdem toll, bekräftigte die Bundeskanzlerin. Ein echter Sportsgeist, so sollte wohl die Botschaft lauten, herrscht hier in Brüssel.

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