Gütezeichen Fünf Fallen in Siegeldschungel

Siegel, bei denen Sie vorsichtig sein sollten:

Die meisten Siegel, die mit dem Wort "ohne" anfangen

"Ohne Geschmacksverstärker", "ohne künstliche Aromen", "ohne Zusätze" - auch wenn solche Aussagen in Form eines seriös wirkenden Label daherkommen: Sie sind kein Gütezeichen, sondern lediglich Rezepturangaben. Es ist zwar davon auszugehen, dass sie korrekt sind, sagt Saphir Robert, Projektleiterin des Portals Label-online. Doch wie so oft in der Lebensmittelwerbung stimmen sie meist nur aufgrund von haarspalterischen Definitionen.

Verzichtet ein Hersteller auf den Geschmacksverstärker Natriumglutamat, ersetzt er ihn sehr häufig durch Hefeextrakt, was praktisch auf das Gleiche hinausläuft. Und Aromen sind oftmals nicht so natürlich, wie Verbraucher annehmen. Steht etwa "natürliches Aroma" auf der Verpackung, muss das Aroma nur aus irgendetwas Natürlichem entstanden sein, das können auch Sägespäne sein. "Verbraucher sollten also in jedem Fall zusätzlich noch die kleingedruckte Zutatenbeschreibung auf der Produktverpackung lesen", rät Robert.

So durchschauen Sie Etikettenschwindel

"Light", "gut für das Immunsystem", "regional": In der Parallelwelt der industriell hergestellten Nahrung hat kaum eine Formulierung die Bedeutung, die der Laie sich vorstellt. Viele Ausdrücke sind mehr oder weniger ausgeprägte Mogeleien. Ein Etiketten-Dolmetscher für Ihre Einkäufe. Berit Uhlmann mehr ...

Anders liegt der Fall beim "Ohne Gentechnik-Siegel". Die Verbraucherinitiative hält es für empfehlenswert, denn es ist ein staatlich kontrolliertes Siegel, das erst nach umfassenden Kontrollen vergeben wird. Allerdings ist der Ausdruck "frei von Gentechnik" relativ zu sehen: Fleisch, Eier oder Milch mit diesem Siegel können auch von Tieren stammen, die innerhalb bestimmter Fristen mit gentechnisch verändertem Futter gefüttert werden.

Siegel, die mit der Kontrolle ihrer Ware werben

"Geprüfte Qualität", "kontrollierter Anbau": Solche Siegel sollen besondere Qualität suggerieren und werben doch nur mit Selbstverständlichkeiten. "Welche Lebensmittel kommen denn unkontrolliert auf den Markt?", kommentiert Harald Seitz vom öffentlich geförderten aid-Infodienst für Ernährungsthemen.

In diese Richtung gehen auch Prüfsiegel, wie etwa das Zeichen des Instituts Fresenius. "Sie bedeuten in der Regel, dass die Firma ihr Qualitätsmanagement ausgelagert hat", sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern. Entsprechend geht die Prüfung meist nicht über das gesetzlich Vorgeschriebene hinaus oder aber der Verbraucher erfährt die Kriterien nicht.

Siegel, die einfach nur eine hohe Qualität behaupten

"Premium", "Goldstandard", "Unsere Besten", "Gutes von XY". Das sind schlichte Werbebotschaften, die nie überprüft werden.

Auch manches amtlich wirkende Siegel aus dieser Kategorie ist zweifelhaft. So vergibt die Lebensmittel Zeitung das Label "Top-Marke" schlicht an die 100 bestverkauften Produkte in verschiedenen Kategorien. Ob aber wirklich die Qualität oder aber ein findiges Marketing der Grund für den Verkaufserfolg war, bleibt unklar. Etwas aussagekräftiger ist das "Produkt des Jahres"-Siegel der Zeitschrift Lebensmittel-Praxis. Es wird aufgrund von Verbraucher-Umfragen vergeben. Die Produkte wählt jedoch die Zeitschrift selbst aus.

Traditions-Siegel

"Nach alter Tradition", "Nach bewährter Tradition": Solche Siegel kommen altehrwürdig daher, doch oft steht nicht einmal dabei, worauf genau sich die Tradition bezieht oder wie lange es sie schon gibt. Egal, wie retro die Verpackung erscheint, Verbraucher sollten die Zutatenliste lesen, empfehlen die Verbraucherzentralen auf dem Beschwerdeportal Lebensmittelklarheit.de. Oft genug tauchen dann E-Nummern oder sehr komplizierte Zutaten auf, die man nicht wirklich als traditionell bezeichnen kann.

Eine Ausnahme ist das GTS-Siegel der EU: Es steht für die "garantiert traditionelle Spezialität" und gewährleistet, dass eine gleichbleibende Herstellungsmethode verwendet wird. Mozzarella trägt beispielsweise häufig dieses Zeichen - und zeigt zugleich dessen Schwachstelle. Ob er nämlich von der erfahrenen kampanischen Molkerei oder irgendwo in Nordeuropa hergestellt wird, ist für das Siegel völlig egal.

Das Bauernhof-Siegel

"Hof Landglück", "Gut Fröhlichkeit", "Bauer Gutmensch": Etwas in der Art drucken sich auch große Konzerne gerne aufs Etikett. Ebenso erfunden wie die eben genannten Namen sind meist auch die Höfe, mit denen sich Produkte bisweilen schmücken. Und selbst wenn es den Hof mit dem romantischen Namen gibt, sagt das nichts über die Qualität der Produkte aus.

Solche Label suggerieren eine nichtindustrielle, traditionelle Landwirtschaft. Die Verbraucherzentralen bemängeln: "Aus unserer Sicht sollten Firmennamen, Produktbezeichnungen und Abbildungen keine Produktionsweise vermitteln, die weit an der Realität vorbeigeht. Beispielsweise kann irrtümlich der Eindruck entstehen, die Tiere für Milch- oder Fleischwaren hätten auf der Weide gestanden."

Linktipp: Wer Genaueres über einzelne Label wissen möchte, kann sich unter Label-online informieren.

Die Recherche zu Landwirtschaft und Ernährung: Kein Fressen ohne Moral

"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns (künftig) ernähren?" Das wollten unsere Leser in der vierten Runde unseres Projekts Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Beiträgen beantworten wir diese Frage.

  • Fleisch Petrischale Luxus ist, seine Wurst selbst zu machen

    Kochen wir bald selbst im Restaurant an der Ecke? Ernährungsexpertin Hanni Rützler will herausfinden, wie wir in Zukunft essen. Im Interview erzählt sie von Apps, die Bauernmärkte finden, kuratiertem Essen und wozu Bananenschalen dienen können.

  • Dem Erdbeerjoghurt auf der Spur

    Welche Wege haben Milch, Obst und Zucker hinter sich, wenn sie im Fruchtjoghurt landen? Verbraucher werden mit der Frage nach dem Ursprung von Lebensmitteln meist alleine gelassen. Eine Suche nach der Herkunft des Erdbeerjoghurts.

  • Niederkaufungen T Unser Stall, unser Baum, unser Beet

    Wie viel sind Lebensmittel wert? Die Mitglieder der Kommune Niederkaufungen sagen: weit mehr als Autos oder Urlaub. Sie haben ihre Maßstäbe verändert, auch wenn es Geld kostet und anstrengend ist. Ein Besuch bei Menschen, die besonders leben und essen.

  • Foodsharing Recherche Fressen und Moral Geteiltes Essen ist halber Müll

    Wenn ich übriggebliebenes Essen wegwerfe, dann immer mit schlechtem Gewissen. 82 Kilogramm Lebensmittel entsorgt jeder von uns pro Jahr. Die Online-Plattform Foodsharing will Abhilfe schaffen. Wie klappt das mit der Müllvermeidung? Ein Selbstversuch.

  • Raubtier Fleischessen Weniger Fleisch, mehr Mitgefühl

    Menschen sind an den Fleischkonsum angepasst. Und Tiger haben auch kein Mitleid mit ihrer Beute. Wieso habe ich dann Gewissensbisse, wenn ich ein Schnitzel esse? Gerade weil ich ein Mensch bin. Und es ist besser, auf das Mitgefühl zu hören als auf den Gaumen. Ein biologistisches Plädoyer für den Fleischverzicht.

  • Hiltl vegetarische Metzgerei "Die Zürcher haben extrem emotional reagiert"

    Er führt laut Guinness-Buch das älteste vegetarische Restaurant der Welt. Nun hat Inhaber Rolf Hiltl die erste fleischlose Metzgerei in der Schweiz eröffnet. Ein Gespräch über vegetarische Riesengarnelen und veganen Sonntagsbraten.

  • Schlaraffenland ist heute

    Nie waren Lebensmittel so sicher, schmackhaft und gesund wie heute. Doch im Zeitalter der Fertiggerichte und Skandale verklären viele Menschen eine Vergangenheit, die es so niemals gab.

  • Zeigt her eure Einkäufe

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    Wer glaubt, er erwirbt mit Siegeln automatisch ein reines Gewissen, irrt. Bei Öko-Fleisch, -Gemüse oder -Obst sind Gut und Böse nicht immer klar voneinander zu unterscheiden. Und je mehr man hinterfragt, desto verwirrender kann es werden. Ein Selbstversuch.

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    Ratten, Dreck, Keime: Kontrolleure finden Verstörendes in Gaststätten. Wer gegen Vorschriften verstößt, dürfen die Bürger aber nicht wissen. Wieso ist Deutschland Transparenz-Entwicklungsland und was bringen Restaurant-"Smileys" in anderen Ländern? Zeit, über Pranger zu reden.

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    In der EU werden kaum genmanipulierte Pflanzen angebaut. Dennoch ist Grüne Gentechnik in Supermärkten omnipräsent. Die fehlende Transparenz ist politisch gewollt.

  • Tomaten Gemüse Lebensmittel Die Recherche "Der Preiskampf findet da statt, wo die Masse ist"

    Tomaten sind das meistverkaufte Gemüse in Deutschland. Entsprechend sensibel reagieren die Kunden, wenn die Preise in den Wintermonaten steigen. Welche Kosten bei Produktion und Transport entstehen und warum es ganz einfach ist, gute und günstige Tomaten zu kaufen.

  • Agraratlas Wo sich Deutschlands Schweine ballen

    Wo werden die meisten Schweine gehalten? Wie viel Bio wird in Ihrer Gegend angebaut? Und wo schuften die meisten Saisonarbeitskräfte auf den Feldern? Der Agrar-Atlas gibt Antworten.

  • "Die Tiere fühlen sich wohl"

    Was ist Massentierhaltung? Geflügelzüchter Michael Häsch hat uns mit Kamera in seinen Stall im bayerischen Dietramszell gelassen. Selbstverständlich ist das nicht. Manche Bauern fürchten, Tierschützer würden ihren Stall niederbrennen. Häsch sagt: "Bei mir muss keiner einbrechen, die Leute müssen nur klingeln."

  • Bye-bye, Bio

    Die Bio-Branche boomt und Johann Glockner war dabei. Seit kurzem kommt aus den Eutern seiner Kühe keine Bio-Milch mehr, obwohl sich in seinem Stall kaum etwas ändert. Warum? Eine Spurensuche im Grenzland zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft.

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    Öko-Landwirtschaft erscheint als Inbegriff des Guten. Hohe Erwartungen veranlassen Menschen, Bio-Produkte aus Gründen zu kaufen, die zweifelhaft oder schlicht unrealistisch sind. Was an Bio ist wirklich besser?