Ein Plädoyer gegen Weihnachtspäckchen Nein, danke

Lohnt es sich überhaupt, Weihnachtspäckchen zu verschenken? Keineswegs! Wer jetzt einkauft, handelt ineffizient.

Von Simone Boehringer

Unternehmen und Familien haben ähnliche Probleme - insbesondere vor Weihnachten: Selbst erstellte immaterielle Vermögensgegenstände zählen nicht, wie es im Buchhalter-Jargon heißt. Auf gut Deutsch: Firmen dürfen weder das Know-how langjähriger Mitarbeiter noch ihr gutes Betriebsklima als Vermögenswerte bilanzieren. Und Familien fällt es schwer, Zeit, Muße und Besinnlichkeit wertzuschätzen, wenn die Bilanz unterm Christbaum nicht stimmt. "Mama, warum bringt das Christkind dir und Papa eigentlich nichts?", fragten die Töchter bei der Bescherung im vergangenen Jahr. Sechsjährige haben verständlicherweise Probleme mit der Erklärung. Wer jedoch nicht mehr ans Christkind glaubt, wohl aber an ein paar ökonomische Binsenweisheiten, hat vielleicht ein offenes Ohr.

Vor Weihnachten sind viele Waren teurer als in den Wochen danach. Wer Anschaffungen für Heiligabend macht, bezahlt zu viel.

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Erstens: Vor Weihnachten sind viele Waren teurer als in den Wochen danach. Wer also Anschaffungen für Heiligabend macht, bezahlt zu viel. Und wer unter Druck einkauft, was vor den Feiertagen regelmäßig passiert, hat nicht mal Zeit, Preise und Qualitäten zu vergleichen, geschweige denn Schnäppchen zu ergattern.

Zweitens: Wenn alle kaufen, kann das schnell zum Kaufrausch ausarten. Als es zum Beispiel Anfang Dezember in München stark schneite, wollten viele Eltern schon zum Nikolaus Schlitten kaufen, anstatt bis Heiligabend zu warten. Die Nachfrage kulminierte binnen weniger Tage. Und je weniger Schlitten in den Schaufenstern standen, desto mehr Menschen verspürten offenbar den Drang, auch noch schnell einen Schlitten zu kaufen. "Am Ende gingen sogar unsere gelben Bobs weg, die anfangs keiner wollte", freute sich eine Verkäuferin. Wir haben noch einen roten gekriegt, für sündhaft teure 70 Euro!

Drittens: Wer kauft, wenn alle kaufen, läuft Gefahr, in eine Preisblase zu geraten. Gewiefte Anleger investieren deshalb, wenn die Kurse am Boden sind. Auch im realen Leben konnte man in der Finanzkrise schon früh wieder zugreifen. Möbel, Autos, Waschmaschinen - vieles war nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 um wenigstens ein Drittel günstiger zu bekommen als zuvor. Wahrscheinlich waren Weihnachtseinkäufe nie preiswerter zu erledigen als vor zwei Jahren. Das Problem dabei: Wer die neuen Möbel bereits Ende Oktober angeliefert bekam, machte sich lächerlich mit dem Argument, das sei schon mal für Weihnachten.Dabei ist ein solch antizyklischer Großeinkauf wie Weihnachten und Ostern auf einmal.

Viertens: Je mehr Geschenke jemand auf einmal bekommt, desto weniger kann er ein weiteres wertschätzen. Ökonomen sprechen hier vom abnehmenden Grenznutzen jeder weiteren Einheit. Wer nach einer halben Stunde Auspacken immer noch nicht mit der Bescherung fertig ist, muss fast eine Liste schreiben, was er überhaupt von wem bekommen hat. Besonders Kinder sind schnell erschlagen von der Flut an Präsenten. Sie beschäftigen sich dann meist ernsthaft mit einem oder zweien, den Herzenswünschen eben.

Fazit: Schenken ja, oft und gerne, aber bloß nicht zu den Anlässen, an denen alle zur gleichen Zeit dasselbe vorhaben. Denn wer in der Herde kauft, handelt hochgradig ineffizient. Wer indes darauf verzichtet, hat gleich zwei Dinge erreicht: Er spart Geld und gewinnt Zeit - ein Gut, das in unserer Gesellschaft zu einem der knappsten Güter geworden ist. Bilanzieren kann man die gewonnene Freiheit vom Schenkungszwang auch, zumindest gedanklich - als Nichtschenkungsabkommen zwischen den Familienmitgliedern. Angesetzt wird der Gesamtwert der letzten Schenkungsorgie. Der wird jährlich fortgeschrieben mit der Inflationsrate. Wer es sich leisten kann, finanziert davon später einen Herzenswunsch - wenn die Herden-Shopper gerade beim Umtausch-Schalter stehen. Oder man spendet, an Menschen, die höchstens ein Paket zu Weihnachten bekommen.