bedeckt München 32°

Fernwärme:Sonne ins Netz

Bisher gibt es hierzulande nur wenige solarthermische Großanlagen, die Fernwärme liefern. Neue Gesetze machen das nun attraktiver.

Von Ralph Diermann

Wer in Ludwigsburg oder Kornwestheim die Heizung aufdreht, holt sich jetzt ein wenig Sonnenwärme ins Haus: Vor wenigen Wochen haben die örtlichen Stadtwerke auf einer Freifläche vor den Toren von Ludwigsburg Deutschlands größte Solarthermie-Anlage in Betrieb genommen. Die insgesamt 1088 Kollektoren liefern Wärme für ein Verbundnetz, das große Teile der bei Stuttgart gelegenen Kommunen versorgt. Im Sommer deckt die Anlage samt Speicher den Wärmebedarf der angeschlossenen Haushalte und anderer Verbraucher oftmals allein. In den übrigen Jahreszeiten unterstützt die Solarthermie die übrigen Erzeugungsanlagen im Netz, darunter mehrere Blockheizkraftwerke.

Wärmekonzepte wie dieses sind hierzulande noch sehr selten. Deutschlandweit gab es bis Ende 2019 nur rund dreißig Solarthermie-Anlagen, die Wärme in ein Fern- oder Nahwärmenetz einspeisen, hat das Forschungsinstitut Solites ermittelt. Davon befinden sich allein zehn in Baden-Württemberg. Die installierte Gesamtleistung liegt bei gerade einmal gut fünfzig Megawatt. "Der Anteil der Solarwärme am Fernwärmeumsatz ist heute noch vernachlässigbar gering", sagt Solites-Experte Thomas Pauschinger.

Doch das ändert sich nun langsam. Mehr als vierzig Großanlagen sind derzeit in Bau, Planung oder Vorbereitung, hat Solites gezählt. Pauschinger rechnet damit, dass sich die installierte Leistung bis Ende nächsten Jahres bundesweit auf 150 Megawatt verdreifachen wird.

Ist die Wärmeversorgung klimafreundlicher, muss weniger stark gedämmt werden

Bauherren wird das freuen: Je klimafreundlicher die Wärmeversorgung ist, desto weniger dick müssen sie laut Gebäudeenergiegesetz ihre Häuser dämmen. Etwa 15 bis 20 Prozent des Wärmebedarfs lässt sich in einem typischen Wärmenetz auf das Jahr gerechnet solarthermisch decken. Installieren die Versorger neben den Kollektoren auch große isolierte Wassertanks als Wärmespeicher, können sie diesen Anteil auf bis zu fünfzig Prozent und mehr steigern. Solche Speicher nehmen im Sommer überschüssige Wärme aus den Kollektoren auf und halten sie, bis sie im Herbst oder Winter gebraucht wird.

Das wachsende Interesse der Versorger an der Solarthermie hat mehrere Gründe. So verteuert der CO₂-Preis, der ab dem kommenden Jahr für fossile Brennstoffe gezahlt werden muss, die Erzeugung von Wärme in Erdgas-Blockheizkraftwerken. "Da der CO₂-Preis in den Folgejahren stetig steigt, wird die Solarthermie in Wärmenetzen immer attraktiver", erläutert Matthias Sandrock, der Geschäftsführer des auf die Energieversorgung spezialisierten Beratungsunternehmens Hamburg Institut.

Zudem sieht die Anfang Juli verabschiedete Novelle des Gesetzes zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWKG) vor, dass der Bund die Erzeugung von Wärme in einer großen Solarthermie-Anlage, einer Großwärmepumpe oder einer Tiefengeothermie-Anlage mit einem sogenannten Erneuerbare-Energien-Bonus fördert. "Bislang war das KWKG ein Hindernis für die Einbindung von Solarthermie in Wärmenetze, da es auf fossile Brennstoffe ausgerichtet war. Der neue Bonus schafft nun deutlich bessere Bedingungen für klimafreundliche Technologien", so Sandrock. Für eine echte Wärmewende in den Netzen reichen CO₂-Preis und KWKG-Novelle allein allerdings nicht aus, meint der Experte. "Wir brauchen noch weitere Lenkungsmaßnahmen, etwa eine Erneuerbare-Energien-Quote für die Fernwärme", sagt Sandrock. Sie würde Versorger verpflichten, einen gewissen Prozentsatz der gelieferten Wärme aus regenerativen Quellen zu produzieren.

Die Kollektoren brauchen viel Platz. Und der ist in den meisten Städten schwer zu finden

Mittelfristig kommt den Technologien für grüne Fernwärme auch zugute, dass das Klimaschutzgesetz der Bundesregierung große Kommunen verpflichtet, bis Ende 2023 einen kommunalen Wärmeplan aufzustellen. Ziel ist es, die Städte zu bewegen, Wärmenetze auszubauen und klimaschonende Versorgungskonzepte für Quartiere zu entwickeln.

Gegenüber Wärmepumpen und der Tiefengeothermie hat die Solarthermie dabei allerdings einen großen Nachteil: Die Kollektoren brauchen vor Ort viel Platz. Und der ist rar in den meisten Städten. Gerade Großstädte weisen die wenigen noch freien Flächen lieber für den Wohnungsbau oder für Gewerbegebiete aus. Das schränkt das Potenzial für die Solarthermie mancherorts stark ein.

© SZ vom 01.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite