Süddeutsche Zeitung

Deutschland greift nach der Wall Street:Empörung in Manhattan

Für die Fusion zwischen der Frankfurter und der New Yorker Börse gibt es viele gute Gründe. Aber schwer wird sie dennoch - denn viele Amerikaner sind außer sich.

Markus Zydra und Moritz Koch

Jim Cramer steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. "Die Deutschen kommen", ruft er und reißt die Arme in die Höhe. Hektik ist das Markenzeichen des früheren Hedgefonds-Managers, wenn er wochentags seine Börsenshow auf CNBC moderiert. Doch am Mittwoch wirkt Cramer nicht einfach überdreht. Er wirkt fassungslos. "Werden wir bald die deutsche Fahne vor der wichtigsten, ur-amerikanischsten Immobilie der Stadt sehen?" fragt er. Wenn selbst die Seele des amerikanischen Kapitalismus nicht mehr heilig sei, was dann? Cramer stöhnt: "Alles in diesem Land steht zum Verkauf."

Die Pläne der Deutschen Börse, die New York Stock Exchange (Nyse Euronext) zu kaufen, haben die amerikanische Finanzszene in Aufruhr versetzt. Es geht hier nicht um das Schicksal eines Unternehmens, das den Aufbruch in eine neue Ära der Weltwirtschaft verschlafen hat. Es geht um das Herz der Wall Street, um den Bezugspunkt der Hassliebe, die Amerika mit den Finanzmärkten verbindet.

Da spielt es keine Rolle, dass der Deal noch gar nicht unter Dach und Fach ist. Mittlerweile warnen Experten gar, der Coup könne scheitern. Bereits Ende 2008 hat Reto Francioni, der Chef der Deutschen Börse, mit der Nyse vergeblich über einen Zusammenschluss verhandelt. Börsen sind nationale Symbole, da geht es um Gefühle, weniger um Zahlen. Immer geht es auch um Pöstchen und Standorte. Schon jetzt wird auch die unternehmerische Sinnhaftigkeit der geplanten Fusion in Frage gestellt.

"Wir haben völlig überrascht und mit großer Bestürzung von diesem Fusionsvorhaben erfahren. Wir haben große Vorbehalte gegen das Projekt", sagte ein Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat der Deutschen Börse. Die Stimmung der Mitarbeiter im Unternehmen ist sowieso schlecht, sie leiden unter den ständigen Sparprogrammen.

Mit der Mega-Transaktion würde der weltgrößte Börsenbetreiber entstehen. Die Deutsche Börse soll mit 60 Prozent die Führung übernehmen, der Frankfurter Konzern ist am Markt derzeit 15,6 MilliardenEuro wert, Nyse Euronext kommt auf 9,9 MilliardenEuro. Die beiden Konzerne erhoffen sich durch die Fusion eine Kostenersparnis von 300 Millionen Euro. Vor allem im IT-Bereich soll vieles auf einer einzigen Plattform konzentriert werden.

Aus zwei Monopolisten wird einer

Die Aufsichtsbehörden müssen den Deal, wenn er denn vorliegt, aber erst genehmigen. Manche Experten rechnen mit Problemen, vor allem weil nach der Fusion durch die Deutsche-Börse-Tochter Eurex und die Nyse-Tochter Liffe die mit Abstand weltweit größte Derivatebörse entstehen würde. "Andererseits haben diese beiden Börsen schon jetzt jeweils in ihrem Derivate-Bereich in Europa eine Marktdominanz von 93 Prozent", sagt Richard Burkhardt, Fondsmanager der Bank Mainfirst. "Somit würde die Fusion nur dazu führen, dass aus zwei Monopolisten einer wird."

Ein Börsenchef kurz vor dem Ziel

Aber noch ist es nicht so weit. Schon häufig wurden Fusionen im Börsensektor angekündigt, die dann doch scheiterten. Reto Francioni kennt das Problem. Er wollte die europäische Vierländerbörse Euronext 2006 der Deutschen Börse einverleiben, doch dann schnappte ihm die Nyse die Kontrolle über die Börsen in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris sowie dem Londoner Terminmarkt Liffe weg. Nun aber könnte es Francioni schaffen.

Die Welt hört derzeit von zahlreichen Fusionsplänen im Börsensektor. Singapur und Sydney sowie Toronto und London sind die jüngsten Kandidaten. Immer geht es um Größe, die höhere Umsätze bringen soll. Immer geht es aber auch um Kapital, denn die Technologieinvestitionen sind enorm. Aber das will in New York derzeit niemand hören.

Mag sein, dass der geplante transatlantische Börsenkonzern den Standort New York weiter pflegen will. Mag sein, dass Nyse-Chef Duncan Niederauer den Vorstand des fusionierten Unternehmens leiten soll. Doch was ist das schon im Vergleich zur langen Historie?

Die Geschichte der New York Stock Exchange reicht zurück auf jenen Tag im Mai 1792, als sich zwei Dutzend Broker unter einer Platane im südlichen Manhattan trafen und ihre Kommissionen vereinheitlichten. Die Fotos von der Börse haben sich in das kollektive Gedächtnis Amerikas eingebrannt. Es sind Bilder der Verzweiflung und Bilder des Triumphs, und sie erzählen die Wirtschaftsgeschichte eines ganzen Landes. Doch den Firmen, die an Börsen handeln, ist das egal. "Für Marktteilnehmer ist nicht der Börsensitz von Bedeutung, sondern es geht um Geschwindigkeit, Sicherheit, niedrige Kosten und hohes Umsatzvolumen", sagt Martin Faust, Finanzexperte der Frankfurt School of Finance.

Wie soll das neue Unternehmen heißen?

Manchmal scheitern ambitionierte Fusionspläne ja schon an Details. Auch in diesem Fall ist bereits ein Problem in Sicht, das kaum zu lösen ist. Denn wie soll das neue transatlantische Unternehmen nur heißen? Die Aneinanderreihung der einzelnen Namen zu "Deutsche Börse Nyse Euronext" scheint kaum vermittelbar zu sein. Auch Vorschläge, den Namen zu verkürzen, etwa zu "Deutsche Nyse" oder "Börse Nyse" bergen Konfliktpotential - denn niemand steht gerne an zweiter Stelle.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1058417
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 11.02.2011/weis/aum
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.