bedeckt München 26°

Deutschland greift nach der Wall Street:Empörung in Manhattan

Für die Fusion zwischen der Frankfurter und der New Yorker Börse gibt es viele gute Gründe. Aber schwer wird sie dennoch - denn viele Amerikaner sind außer sich.

Markus Zydra und Moritz Koch

Jim Cramer steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. "Die Deutschen kommen", ruft er und reißt die Arme in die Höhe. Hektik ist das Markenzeichen des früheren Hedgefonds-Managers, wenn er wochentags seine Börsenshow auf CNBC moderiert. Doch am Mittwoch wirkt Cramer nicht einfach überdreht. Er wirkt fassungslos. "Werden wir bald die deutsche Fahne vor der wichtigsten, ur-amerikanischsten Immobilie der Stadt sehen?" fragt er. Wenn selbst die Seele des amerikanischen Kapitalismus nicht mehr heilig sei, was dann? Cramer stöhnt: "Alles in diesem Land steht zum Verkauf."

Deutsche Börse und NYSE Euronext bereiten Fusion vor

"Werden wir bald die deutsche Fahne vor der wichtigsten Immobilie der Stadt sehen?", fragt sich Ex-Banker Jim Cramer fassungslos. Halb so wild, wie unser Bild der Nyse vom 24. September 2008 zeigt: alles schon mal dagewesen.

(Foto: dpa)

Die Pläne der Deutschen Börse, die New York Stock Exchange (Nyse Euronext) zu kaufen, haben die amerikanische Finanzszene in Aufruhr versetzt. Es geht hier nicht um das Schicksal eines Unternehmens, das den Aufbruch in eine neue Ära der Weltwirtschaft verschlafen hat. Es geht um das Herz der Wall Street, um den Bezugspunkt der Hassliebe, die Amerika mit den Finanzmärkten verbindet.

Da spielt es keine Rolle, dass der Deal noch gar nicht unter Dach und Fach ist. Mittlerweile warnen Experten gar, der Coup könne scheitern. Bereits Ende 2008 hat Reto Francioni, der Chef der Deutschen Börse, mit der Nyse vergeblich über einen Zusammenschluss verhandelt. Börsen sind nationale Symbole, da geht es um Gefühle, weniger um Zahlen. Immer geht es auch um Pöstchen und Standorte. Schon jetzt wird auch die unternehmerische Sinnhaftigkeit der geplanten Fusion in Frage gestellt.

"Wir haben völlig überrascht und mit großer Bestürzung von diesem Fusionsvorhaben erfahren. Wir haben große Vorbehalte gegen das Projekt", sagte ein Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat der Deutschen Börse. Die Stimmung der Mitarbeiter im Unternehmen ist sowieso schlecht, sie leiden unter den ständigen Sparprogrammen.

Mit der Mega-Transaktion würde der weltgrößte Börsenbetreiber entstehen. Die Deutsche Börse soll mit 60 Prozent die Führung übernehmen, der Frankfurter Konzern ist am Markt derzeit 15,6 MilliardenEuro wert, Nyse Euronext kommt auf 9,9 MilliardenEuro. Die beiden Konzerne erhoffen sich durch die Fusion eine Kostenersparnis von 300 Millionen Euro. Vor allem im IT-Bereich soll vieles auf einer einzigen Plattform konzentriert werden.

Aus zwei Monopolisten wird einer

Die Aufsichtsbehörden müssen den Deal, wenn er denn vorliegt, aber erst genehmigen. Manche Experten rechnen mit Problemen, vor allem weil nach der Fusion durch die Deutsche-Börse-Tochter Eurex und die Nyse-Tochter Liffe die mit Abstand weltweit größte Derivatebörse entstehen würde. "Andererseits haben diese beiden Börsen schon jetzt jeweils in ihrem Derivate-Bereich in Europa eine Marktdominanz von 93 Prozent", sagt Richard Burkhardt, Fondsmanager der Bank Mainfirst. "Somit würde die Fusion nur dazu führen, dass aus zwei Monopolisten einer wird."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB