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Corona-Impfung in den USA:Vor dem Algorithmus sind nicht alle gleich

FDA S COVID-19 VACCINE AUTHORIZATION Illustration - On December 11, 2020, the U.S. Food and Drug Administration issued

Um sicherzustellen, dass auch jeder impfwillige Einwohner die nötige Dosis erhält, ist das Gesundheitsministerium der USA eine Partnerschaft mit dem Datamining-Unternehmen Palantir eingegangen.

(Foto: David Himbert/imago images)

In den USA entscheidet ein Algorithmus, wer zuerst an den Corona-Impfstoff kommen darf. Die ersten Erfahrungen damit sind niederschmetternd.

Von Michael Moorstedt

Der Corona-Impfstoff ist da, wird nun alles gut? Auch wenn "Querdenker"-Demos anderes vermuten lassen, gilt für die meisten Menschen hierzulande das Wort der Ständigen Impfkommission - es sind wohlwollende Halbgötter in Weiß, die vorgeben, wer und wann eine Spritze bekommen darf oder zumindest sollte.

In den USA geht man andere Wege. Um sicherzustellen, dass auch jeder impfwillige Einwohner die nötige Dosis erhält, ist das dortige Gesundheitsministerium eine Partnerschaft mit dem Datamining-Unternehmen Palantir eingegangen. Die Firma entwickelt eine Software-Plattform, die über die Verteilung der Ressourcen und die Logistik entscheidet. Das System solle "einfach, fair und gerecht" sein, so der Projektleiter. Wie genau es funktioniert, weiß man nicht.

Wahrscheinlich wäre die Wahl jedes anderen Unternehmens besser geeignet gewesen. Palantir hat nicht gerade die beste Erfolgsbilanz, was soziale Gerechtigkeit anbelangt. Unter anderem wurde das Unternehmen dafür bekannt, den US-Einwanderungsbehörden mit rechtlich fragwürdigen Methoden bei der Suche nach illegalen Immigranten zu helfen. Die Befürchtung ist nun, dass der Einsatz von intransparenten Algorithmen bestehende Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem weiter zementieren könnte.

Algorithmen bevorzugen weiße gegenüber nicht-weißen Patienten

Das ist keine theoretische Skepsis. In einer im vergangenen Jahr im Fachjournal Science veröffentlichten Studie untersuchten die Autoren zehn Algorithmen, die im US-Gesundheitssystem eingesetzt werden. Alle von ihnen bevorzugten weiße Patienten gegenüber Kranken mit anderer Hautfarbe. Das liegt nicht nur an den Daten, mit denen das System gefüttert wird. Sondern auch an falschen Annahmen der Programmierer und einer falschen Modellierung der Welt. Die Entwickler gingen davon aus, dass Menschen, die mehr Geld für Gesundheitsvorsorge ausgeben, automatisch kränker seien und folglich mehr Unterstützung benötigen würden. Tatsächlich ist es jedoch so, dass die Gruppe, die mehr ausgibt, auch mehr ausgeben kann, weil sie mehr Vermögen besitzt und deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit weiß ist. Als Ergebnis weist der Algorithmus schwarzen Menschen mit der gleichen Erkrankung weniger Zuzahlungen zu als weißen Patienten.

Eine hauptsächliche Anziehungskraft von Algorithmen bestehe darin, dass sie es den Mächtigen erlauben, unpopuläre Ergebnisse, für die sie üblicherweise selbst geradestehen müssten, auf Blackboxes zu schieben, kommentierte der Tech-Kritiker Roger McNamee kürzlich auf Twitter. Von einer Blackbox spricht man dann, wenn die Entscheidungsvorgänge innerhalb eines Computerprogramms für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind. Die vermeintlich neutrale Mathematik dient also nicht nur der automatisierten Entscheidungsfindung, sondern auch der Verschleierung von Verantwortung.

Stanford-Algorithmus ignoriert Ärzte

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Berichte, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Soziodemografie durch die Entscheidungen eines Algorithmus benachteiligt wurden. Nun sollen sollen sie also einer undurchsichtigen Formel ihr Leben anvertrauen. Das könnte die grassierende Wissenschaftsskepsis noch verstärken. Auch am Universitätsklinikum von Stanford entscheidet ein Algorithmus, wer den Impfstoff schnell und wie bekommt und wer warten muss. Wochenlang arbeiteten Medizinethiker und Epidemiologen an dem besten Programm. Eine Rolle bei der Zuteilung spielten unter anderem das Alter sowie die Häufigkeit von Covid-Infektionen in dem entsprechenden Tätigkeitsfeld.

Ausgerechnet die Ärzte, die am häufigsten in der Corona-Intensivpflege eingesetzt waren und damit auch die größte Exposition zu infizierten Patienten hatten, wurden von dem vermeintlich so fairen und unabhängigen Programm ignoriert. Gerade mal sieben von insgesamt 1300 durften sich eine der ersten 5000 Impfdosen spritzen lassen. Ein Großteil des Vakzins ging an Verwaltungsangestellte oder an Mediziner, die ihre Sprechstunde hauptsächlich via Zoom abhalten. So war es nicht verwunderlich, dass die Ärzte zu einem Pressetermin, bei dem öffentlichkeitswirksam geimpft werden sollte, mit Protestschildern und erbosten Slogans wie "F.ck the Algorithm!" erschienen.

© SZ/beg, mxm
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