Süddeutsche Zeitung

SXSW-Festival:Eine Rede, um das Silicon Valley in die Sinnkrise zu stürzen

Ein 30 Jahre alter Afroamerikaner hält die erste große Rede auf der Technik-Messe SXSW - und stellt die Branche radikal in Frage.

Casey Gerald hat auf Jesus gewartet. "Auf das Ende der Welt, so wie wir sie kennen", wie er es formuliert. Am 31. Dezember 1999 stand er in einer Kirche in Texas, Teil einer christlichen Gemeinde, die fest davon überzeugt war, dass Jesus erscheinen würde und er mit seiner Oma anschließend direkt in den Himmel aufsteigen würde. Doch Jesus kam nicht - und Gerald wurde tief in seinem Glauben erschüttert.

So beginnt der 30-Jährige seine Rede, die er in den vergangenen Wochen an drei Orten gehalten hat, die allesamt für eine bestimmte Art des amerikanischen Denkens stehen. An der Harvard-Universität, auf der Bühne der bedeutenden Ideenkonferenz TED in Vancouver und nun als Eröffnungsredner der Technik-Messe "South by Southwest" in Austin. Überall dort herrscht der tiefsitzende, sehr amerikanische Glauben daran, dass Antworten auf die drängenden Fragen der Gesellschaft entweder durch technischen oder aber ökonomischen Fortschritt - also: den Markt - gelöst werden können.

Dieser Heilsversprechung schließt sich Gerald nicht an. Seine Rede, die er vor 2000 Menschen hält, trägt den Titel: "Das Evangelium des Zweifels". Insgesamt werden mehr als 34 000 Besucher zur Technik-Messe SXSW erwartet, mehr als 1000 Diskussionsrunden wird es geben. Ein Großteil der Redner wird von der Bühne aus über die heilsbringende Wirkung von Technologie sprechen; als Katalysator für das gute Leben. Die Webseite Fusion hat diesen blinden Glauben zum Anlass genommen, um ihn in Form eines Gedichtes zu karikieren. Jede Zeile des Gedichts ist dem Programm entnommen.

Gerald hielt die erste große Rede, noch vor US-Präsident Obama

Die SXSW-Redner sprechen gerne von "disruption", einen Umbruch, herbeigeführt durch die Digitalisierung. Genau in diesem Umfeld hält Gerald die erste große Rede, noch vor US-Präsident Barack Obama. Er definiert damit den Ton - und entscheidet sich für einen Weckruf. Er will das Silicon Valley in eine Sinnkrise stürzen.

"Es ist möglich, dass die Antworten, die wir haben, falsch sind", sagt Gerald nun. "Es ist ebenfalls möglich, dass wir die falschen Fragen stellen." Gerald spricht nicht vom Umbruch, sondern lieber von seinen Zweifeln. "Denn das führt zu einer Frage: Wie kann es sein, dass wir über all diese Macht verfügen, aber die Menschen immer noch derart leiden?" Gerald spricht über die Wasserkrise in der Industriestadt Flint in Michigan - anderthalb Jahre haben die Bewohner bleihaltiges Wasser trinken müssen, während die Behörden wegschauten. Es folgt eine weitere Frage: "Wie kann es sein, dass wir Glasfaserkabel verlegen können, aber keine Wasserrohre?"

Die IT-Industrie pickt sich Probleme, die sie lösen will, so der Unterton. Schnelles Internet ist gut für das Geschäft, das Vergiften der eigenen Bürger, die in struktureller Armut leben, lässt sich nicht so leicht in einen business case verwandeln. Also wird dieser Fall der Politik überlassen. Mit dieser Herangehensweise sei das Silicon Valley nicht in der Lage, die Gesellschaft grundlegend zu verändern. All die Heilsversprechen entpuppen sich als Marketing-Gag.

"Wir sitzen hier in diesem Raum und verkörpern ein Evangelium, dass daran glaubt, dass der Markt uns retten wird. Wir sind willens, diesen Glauben zu verfolgen - manchmal um jeden Preis. Dabei lassen wir Millionen Menschen in Armut zurück", sagt Gerald. Für Gegenden, deren Bewohner in Armut leben, sei die beste Lösung nicht, mehr Programmierer vor Ort zu holen.

Gerald ist ein Aushängeschild des amerikanischen Traums

Gerald spricht in einem sehr ruhigen Tonfall und steht damit im Kontrast zu jenen aufgedrehten Persönlichkeiten, die sich selbst gerne als Marke bezeichnen und entsprechend werbend (sprich: laut) auftreten. Gerald predigt ebenfalls, wenn auch ruhiger. Seine Reden sind auswendig gelernt, aber so vorgetragen, als ob er nicht vor 2000 Menschen auftritt, sondern im Einzelgespräch. Er setzt Pausen, die genau so lange dauern, dass die Worte nicht verhallen, sondern vom Publikum verarbeitet werden können.

Gerald ist ein Aushängeschild des "amerikanischen Traums". Schwierige Kindheit, verlassen von Vater und Mutter, arme Verhältnisse, zu Hause überfallen und eine Waffe an den Kopf gehalten bekommen. Von der Wohnung der religiösen Großmutter aus schaffte er es an zwei Elite-Universitäten. Zuerst studierte Gerald in Yale. "Mein erstes Jahr war eines der schwierigsten in meinem Leben", sagte er kürzlich im Interview mit dem Magazin Texas Monthly. "Ich tauchte dort auf mit Klamotten, die zwei Nummern zu groß waren. Vor Yale hatte ich nie erkannt, wie arm ich war."

Partys in New York, Zweifel in Harlem

Gerald arbeitete für Obama und an der Wall Street. Anschließend studierte er an der Harvard Business School und gründete ein Projekt, dessen Mitglieder die Aufgabe hatten, durch Amerika zu reisen, um das Wissen der erfolgreichen Geschäftsführung an kleinere Unternehmensgründer weiterzugeben. Seine Erfolgsstory führte ihn zu New Yorker Partys, wo sich Multimilliardäre gegenseitig für ihre guten Taten auf die Schulter klopfen.

Ein paar Tage später sei er knapp 50 Straßen weiter nördlich gewesen, in Harlem, und habe von achtjährigen Mädchen gehört, die ihr Hab und Gut stets in einem Rucksack mit sich herumschleppen, damit es ihnen nicht im Obdachlosenheim geklaut wird. Erneut eine Frage: Wie kann das sein?

Die Suche nach dem "sozialen Erwachen"

All seine Erfolge und Erfahrungen beschreibt Gerald als verschiedene Formen des Glaubens - an die Wirtschaft, die Politik - von denen er ebenfalls abgefallen ist, ähnlich wie Ende 1999. Was bleibt, sind seine Zweifel: "Sie werfen ein kleines Licht in die Dunkelheit unseres Lebens und unserer Welt. Sie bringen uns dazu, unsere Stimme zu erheben, zu flüstern, zu schreien oder einfach nur zu sagen: "Es muss einen anderen Weg geben".

Nach seiner Rede wird ihm während einer Fragerunde entgegnet, dass er es sich mit seiner Haltung auch einfach mache, also Kritik zu äußern und keine konkrete Lösung parat zu haben. Gerald antwortet mit Studien der Harvard-Professorin Rebecca Henderson (über diese Studie spricht er ausführicher hier).

Diese hatte moderne kapitalistische Gesellschaften untersucht und herausgefunden, dass radikale Lösungen (etwa das Ende der Sklaverei in den USA) nur dann passierten, wenn es in der Gesellschaft zu einem "sozialen Erwachen" kam. Was nötig ist, um dieses Erwachen herbeizuführen? "Die Harvard-Professorin sagte mir, dass sie es nicht weiß.".

Das Silicon Valley wird, so lässt sich die Rede von Gerald zusammenfassen, wohl kein Teil dieser Antwort sein.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2904368
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.