Standortverlauf Google verfolgt Nutzer, auch wenn sie explizit widersprechen

Wenn Google-Nutzer den Standortverlauf aktivieren, zeigt die persönliche Zeitachse ein detailliertes Bewegungsprofil.

(Foto: Screenshot)
  • Wenn Google-Nutzer den Standortverlauf ausschalten, speichert das Unternehmen trotzdem Bewegungsdaten.
  • Betroffen sind mehr als zwei Milliarden Menschen, die Android-Smartphones oder iPhones mit Google-Diensten verwenden.
  • Wer das Tracking verhindern will, muss die "Web- und App-Aktivitäten" komplett deaktivieren.
Von Simon Hurtz

In seinem Buch "Per Anhalter durch die Galaxis" beschreibt Douglas Adams, wie geschickt manche Informationen versteckt werden:

"Aber die Pläne lagen aus ..." - "Lagen aus? Ich musste in den Keller runter, um sie zu finden." - "Da werden sie immer ausgelegt." - "Mit einer Taschenlampe." - "Ah, das Licht war wohl kaputt." - "Die Treppe auch." - "Aber die Bekanntmachung haben Sie doch gefunden, oder?" - "Jaja, das habe ich. Ganz unten, in einem verschlossenen Aktenschrank, in einem unbenutzten Klo, an dessen Tür stand: Vorsicht, bissiger Leopard!"

Ähnlich unzureichend klärt Google seine Nutzer auf. Zu diesem Schluss kommt zumindest die Nachrichtenagentur AP: "Google verfolgt Ihre Bewegungen, ob Sie es wollen oder nicht" steht über der Recherche. Das Unternehmen wolle unbedingt wissen, wo sich Nutzer aufhielten und zeichne deren Standort sogar dann auf, wenn sie es explizit untersagen, schreibt Ryan Nakashima.

Google weiß, wo Sie sind

Wer in einer der Google-Apps den Standortverlauf aktiviert, wird fortan überwacht, kann aber auch zusätzliche Funktionen nutzen. Wie das Datensammeln funktioniert - und wie Sie es abstellen. Von Marvin Strathmann mehr ...

Das klingt bedrohlich und ist faktisch korrekt. Tatsächlich sollte Google klarer informieren, wann und wie welche Daten gesammelt und gespeichert werden. Betroffen sind mehr als zwei Milliarden Menschen, die Android-Smartphones oder iPhones mit Google-Diensten verwenden. Auch wenn das Unternehmen Nutzer vielleicht nicht vorsätzlich in die Irre führt, zeigt der Bericht, wie Google Bewegungsprofile seiner Nutzer erstellt. Die meisten dürften davon nichts wissen.

Was wirft AP Google genau vor?

Wenn Nutzer den sogenannten Standortverlauf in ihren Einstellungen deaktivieren, sammelt Google trotzdem weiter Bewegungsdaten. Das geschieht etwa, wenn sich der Wetterbericht automatisch aktualisiert, Nutzer Google Maps öffnen oder eine Suchanfrage eingeben. IT-Sicherheitsforscher der Universität Princeton haben den Bericht bestätigt. Auch auf einem Smartphone der SZ-Redaktion wurden Standortdaten im Google-Konto gespeichert, obwohl die entsprechende Funktion ausgeschaltet war.

Was genau ist der Standortverlauf?

Google selbst beschreibt es so: "Die Orte, die Sie mit Ihren Geräten aufsuchen, werden gespeichert, damit Sie etwa auf personalisierte Karten oder Empfehlungen auf der Grundlage der besuchten Orte zurückgreifen können." So entsteht ein Bewegungsprotokoll, das nur dann Lücken aufweist, wenn man sein Smartphone ausschaltet oder zu Hause lässt. Google-Nutzer können die eigene Zeitachse betrachten und genau rekonstruieren, wo sie vor zwei Jahren Silvester gefeiert oder welche Orte sie in ihrem letzten Urlaub besucht haben.

Wo werden die Daten gespeichert, wenn Nutzer der Standortverlauf abschalten?

Die Daten landen in den "Web- und App-Aktivitäten" des Google-Kontos. Im Gegensatz zum Standortverlauf sind diese standardmäßig aktiviert. Google schreibt: "Ihre Aktivitäten auf Websites und in Apps von Google werden gespeichert, um Ihre Suchvorgänge zu beschleunigen, Empfehlungen zu optimieren und die Nutzung von Maps, der Google-Suche und anderen Google-Diensten zu personalisieren." Aus dieser Beschreibung geht nicht eindeutig hervor, dass Bewegungsdaten im Google-Konto gespeichert werden, wenn Nutzer den Standortverlauf explizit abschalten.

In den "Web- und App-Aktivitäten" speichert Google zum Beispiel Suchanfragen, den Browser-Verlauf und Apps, die Nutzer auf dem Smartphone öffnen. Wer die Funktion deaktiviert, muss in Kauf nehmen, dass bestimmte Google-Dienste schlechter funktionieren. So liefert etwa der Google Assistant dann keine personalisierten Suchergebnisse mehr, und es ist nicht mehr möglich, vergangene Suchanfragen nachzuvollziehen.

Wann und wie informiert Google die Nutzer?

Das Problem ist nicht, dass Google überhaupt Bewegungsdaten erfasst. Wie soll ein Kartendienst sonst funktionieren? Was nützt der Wetterbericht in München, wenn man auf Geschäftsreise in Berlin ist? Kritikwürdig ist vielmehr, dass das Unternehmen die meisten Nutzer im Unklaren darüber lässt, bei welchen Aktivitäten der Standort aufgezeichnet und dauerhaft gespeichert wird.

Einen Hinweis erhält der Nutzer nur, wenn er die standardmäßig aktiven Web- und App-Aktivitäten erst ab- und dann wieder einschaltet. Dann erscheint ein Hinweis: "In den Web- & App-Aktivitäten werden Ihre Aktivitäten auf Google-Websites sowie in Apps und Diensten von Google gespeichert, einschließlich Suchvorgängen, Interaktionen mit Google-Partnern sowie zugehöriger Informationen wie Standort und Sprache." Daraus könnten Nutzer schließen, dass unabhängig vom Standortverlauf Bewegungsdaten aufgezeichnet werden. Transparenz sieht anders aus.

Dieser Hinweis erscheint, wenn Nutzer die "Web- & App-Aktivitäten" erst abschalten und dann wieder aktivieren.

(Foto: Screenshot)

Noch verwirrender ist Googles eigene Hilfeseite. Dort steht: "Wenn Sie den Standortverlauf deaktivieren, werden die von Ihnen besuchten Orte nicht mehr gespeichert." Nutzer müssen also davon ausgehen, dass Google dann nicht mehr erfährt, wo sie sich aufhalten. Das ist nachweislich falsch. Der Standortverlauf ist lediglich weniger detailliert, weil nicht ununterbrochen Bewegungsdaten gesendet werden, sondern nur dann, wenn Nutzer Google-Dienste aufrufen oder diese im Hintergrund aktiv werden.

Wofür nutzt Google die Standortdaten?

Manche Nutzer empfinden es als hilfreich, dass Google ihre Bewegungsdaten speichert. Sie erhalten Empfehlungen für Restaurants in der Nähe oder werden daran erinnert, wo sie ihr Auto geparkt haben. Google nutzt die Informationen aber auch für personalisierte Anzeigen. Wer die "Web- und App-Aktivitäten" aktiviert, erfährt: "Anhand dieser Daten können wir die Nutzung von Google-Diensten personalisieren, z. B. durch schnellere Suchvorgänge, bessere Empfehlungen und nützliche Werbung, ob bei Google oder anderswo."

Unternehmen können ihre Anzeigen zum Beispiel auf bestimmte Standorte beschränken. Ihre Anzeigen werden dann an Geräte ausgeliefert, die sich in einem bestimmten Radius befinden. Für Google ist das eine besonders lukrative Werbeform, da diese Anzeigen teurer sind als gewöhnliche Online-Werbung, die eine breite Zielgruppe erreicht. Das Bewegungsprofil selbst verkauft Google aber nicht, schließlich sind Daten der größte Schatz, den das Unternehmen besitzt.

Wie können Nutzer das Tracking komplett deaktivieren?

Indem sie die "Web- & App-Aktivitäten abschalten". Die Einstellung ist in den Account-Einstellungen versteckt und am einfachsten über diesen Link erreichbar. Dort legen sie den ersten Schalter um, sodass die Schaltfläche "Web- und App-Aktivitäten" ausgegraut ist. Alternativ können Nutzer auch die Einstellungen ihres Smartphone öffnen. Dort gehen sie folgenden Weg: "Google > Google-Konto > Daten & Personalisierung > Web- & App-Aktivitäten". Damit wird die Aufzeichnung jedoch nur pausiert. Um bereits gespeicherte Daten zu löschen, müssen Nutzer die Unterseite "Meine Aktivitäten" aufrufen und in der linken Spalte auf "Aktivitäten löschen nach" klicken oder tippen.

Dieser Vorgang ist aber nicht zu verwechseln mit dem Menüeintrag "Standort", der sich unter "Sicherheit & Standort" in den Einstellungen von Android-Smartphone findet. Dieser bezieht sich ausschließlich auf das jeweilige Gerät, nicht auf das Google-Konto. Dort können Nutzer verhindern, dass ihr Handy Bewegungsdaten sendet, und einzelnen Apps den Zugriff auf diese Daten entziehen. Eine Recherche des US-Magazins Quartz zeigte im vergangenen Jahr jedoch, dass Google auch dann Bewegungsdaten sammelt, wenn Nutzer die Standort-Funktion ihres Geräts deaktivieren. Außerdem funktionieren viele Dienste wie Google Maps dann gar nicht mehr. Sinnvoller ist also, die Protokollierung in den "Web- & App-Aktivitäten" abzuschalten.

Welche Fragen bleiben offen?

Die SZ wollte von Google unter anderem wissen:

  • Welche Google-Apps und Dienste Standortdaten im persönlichen Google-Profil senden und speichern.
  • Wann und wie oft diese Daten gesendet werden und wie detailliert das entstehende Bewegungsprofil ausfällt.
  • Ob Nutzer eine Möglichkeit haben, die Übermittlung von Standortdaten zu unterbinden, ohne Web- & App-Aktivitäten komplett abzuschalten.
  • Ob es möglich ist, die gespeicherten Standortdaten nachträglich gesammelt zu löschen, ohne alle weiteren Nutzerdaten zu entfernen.
  • Wofür die gespeicherten Bewegungsdaten genutzt werden und welche personalisierte Werbung damit geschaltet wird.

Google hat auf diese Fragen bislang nicht geantwortet. Wir ergänzen den Artikel, sobald uns nähere Informationen vorliegen.

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