Spotify-Chef:Das beste Argument ist Geld

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Zwei Milliarden Dollar habe Spotify an die Musik-Industrie ausgeschüttet. Das teilt der Chef in einem Blogbeitrag mit - und fordert Künstler wie Taylor Swift dazu auf, dankbar zu sein.

Von Hakan Tanriverdi

Es geht um Zahlen - und deshalb beginnt Daniel Ek seine Verteidigung mit einer besonders beeindruckenden Zahlen. Zwei Milliarden US-Dollar, schreibt er im hauseigenen Blog des Musik-Streamingdienstes Spotify, so viel habe der Dienst an Lizenzgebühren an Labels ausgezahlt. Ek muss es wissen, er ist Spotify-Chef, und er legt gleich noch eine Zahl nach: Taylor Swift habe im Jahr 2013 sechs Millionen Dollar erhalten - und zwar bevor die Sängerin und Songwriterin sich dazu entschieden hat, ihr Album von Spotify zu nehmen. In einem Interview sagte sie, die Bezahlung für ihre Musik sei unfair.

Eks Wortmeldung im Blog seiner Firma kann man als Reaktion auf Swifts Äußerung lesen und sie zeigt auch: Nett zu sein ist Vergangenheit. Anstatt weiterhin zu versuchen, Taylor Swift mit selbst erstellten Playlisten zu ködern, ändert Ek nun die Strategie: Spotify, sagt er - und damit Streaming allgemein - sei die Zukunft. Labels und Künstler sollten Firmen wie seiner dankbar sein.

Swift ist nur eine Künstlerin, dazu kommen Aloe Blacc, Thom Yorke, The Black Keys, Amanda Palmer: In den vergangenen Jahren haben sich unzählige Künstler über Streaming-Angebote geärgert. Für ihre Musik bekommen sie nicht einmal Centbeträge, lautet ihr Vorwurf. Wird ein Song ein einziges Mal gestreamt, wirft das im Ergebnis einen Betrag ab, der mit 0,00 beginnt. Das ist nicht Nichts, aber verdammt nah dran. Das Album von Swift hingegen, als Download oder als CD, kostet zwischen zehn und 13 Euro. Spotify verliert diesen Vergleich. Warum also sollten Labels dankbar sein?

Spotify will das ganz große Rad drehen

Das Argument von Streaming-Diensten versteht man erst, wenn man sich die besagten zwei Milliarden Dollar Lizenzgebühren anguckt. In den ersten vier Jahren kamen 500 Millionen Dollar zusammen, die nächsten 500 allein im vergangenen Jahr. 2014 sind es nun eine Milliarde an Ausschüttungen. Das heißt: Spotify verdoppelt seine Umsätze in immer kürzeren Abständen. Start-up-Gründer nennen dieses Phänomen gerne "skalieren". Wer das ganze große Rad drehen will, der wird für die ersten Runden viel Kraft aufwenden müssen, doch dann dreht es sich immer schneller. Im Beispiel Spotify sind das die Nutzerzahlen, die kontinuierlich steigen. Mittlerweile sollen es 50 Millionen Nutzer sein, ein Viertel davon zahlt monatlich Geld.

Spotify macht da weiter, wo iTunes aufgehört hat. Der Konsument rückt in den Mittelpunkt. Ging es früher noch darum, ein Musikalbum als Gesamtkomposition zu begreifen, ignorierte Apple diesem Wunsch der Künstler. Wozu "1989" von Taylor Swift kaufen, wenn nur ein Song angehört wird? Spotify argumentiert nun: Wenn nur ein Song gefällt, warum nur einmal bezahlen lassen? So entstehen sprichwörtlich One-Hit-Wonder. Der aktuell erfolgreichste Song auf Spotify kommt von Avicii und trägt den Titel "Wake me Up" . Er wurde 200 Millionen Mal angehört. Selbst wenn die Beträge mit 0,00 anfangen, die Zahl am Ende lautet: 1,2 Millionen Dollar.

Spotify ersetze Raubkopien

Ek betont, dass sein Dienst exakt an jener Stelle Geld liefert, an der sich die Industrie seit Jahren abmüht. Spotify ersetze Raubkopien. Statt gar nichts zu bekommen, gebe es nun eben Milliarden. Doch die Argumentation von Ek überzeugt nicht. Mit der gleichen Logik kann und wird argumentiert, dass Streaming-Dienste für einbrechende Download-Zahlen verantwortlich sind.

Warum ein Album für zehn Euro kaufen, wenn es für das gleiche Geld ein Monatsabo mit 20 Millionen Songs gibt? In seinem Beitrag widerspricht Ek und bezeichnet es als Mythos, dass Streaming-Dienste für wegbrechende Downloads verantwortlich seien - aber die bloße Existenz von Spotify ist das beste Gegenargument. Der Dienst zielt schließlich darauf ab, das Prinzip des bezahlten Downloads abzuschaffen.

In einer Welt der Buch-, Film- und Musik-Flatrates werden die Debatten zwar von Hollywood- und Popstars geführt, sie kaschieren aber das eigentliche Problem. Wer kein Superstar ist, verliert. Wenn Taylor Swift sich nach ihren Sensations-Verkäufen zu einem späteren Zeitpunkt dazu entscheiden sollte, doch wieder Lust auf Spotify zu haben, werden ihre Songs entsprechend angeboten, angehört, entlohnt. Wenn die Klickzahlen entscheiden, hat der Mainstream die besseren Argumente. Gerade Spotify zeigt das deutlich: Von den 20 Millionen Songs wurden vier Millionen kein einziges Mal angehört.

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