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Soziales Netzwerk für Muslime:Facebook halal

Harmonie und Frieden bewahren, islamische Werte und die Einheit der muslimischen Gläubigen stärken: Das will Salamworld.com erreichen, ein Netzwerk für Muslime. Im Juni geht die Facebook-Alternative ans Netz. Wie werden Muslime auf die gesäuberten Seiten von Salamworld reagieren?

Sonja Zekri

Es ist ja nicht so, als sei da nichts, als hätte das Internet Muslimen nichts zu bieten. Per Online-Versand könnten Muslime zum Beispiel den "Amira-Hidschab" bestellen, zweiteilig, Länge des Kopftuchs unter dem Kinn 40 Zentimeter, Preis knapp sieben Euro. Oder eine Kinder-Abaja für Mädchen bis zehn Jahre, das Schwarz des Überwurfs bestickt, Maßanfertigung, gut 22 Euro.

Salamworld

Salamworld-Logo (Archiv-Screenshot): Netzwerk für die Einheit der muslimischen Gläubigen.

(Foto: Screenshot: Salamworld.com)

Online-Fleischereien bieten Fleisch an, das nach islamischen Vorschriften geschlachtet wurde, also "halal" (zulässig), ein Prinzip, das in Frankreichs Wahlkampf ein Thema war. Scheichs bieten spirituelle Anleitung, Koranexegese, Anweisungen zum Fasten, es geht um Wohltätigkeit, Erziehung, auch Online-Fatwas: "Sind Krabben für Muslime erlaubt?" Nein. "Sind Lebensversicherungen zugelassen?" Wenn es vom Gesetz vorgeschrieben ist, ja.

Die Rolle von Facebook und Twitter für die arabische - das heißt meist die muslimische Region - beschäftigt Tagungen und Proseminare. Doch wozu um Himmels Willen brauchen Muslime "Salamworld"?

Auf der Welt gibt es 1,7 Milliarden Muslime. 300 Millionen davon nutzen das Internet. 150 Millionen besuchen soziale Netze. "Aber leider wird kein einziges davon von Muslimen gemacht", sagt Jawus Selim Kurt, PR-Direktor des Hauptquartiers in Istanbul, der SZ. Diese Lücke will "Salamworld" schließen - als globales soziales Netzwerk auf der Basis islamischer Prinzipien, will ein Forum für Muslime - und interessierte Nicht-Muslime sein -, "Harmonie und Frieden" bewahren, moralische, also: islamische Werte stärken und die Einheit der muslimischen Gläubigen, der Umma.

Mitte Juli, zum Ramadan, dem großen islamischen Fasten- und Feiermonat, geht die Seite ans Netz. In drei Jahren sollen 50 Millionen Muslime von Indonesien bis Amerika auf salamworld.com Podcast-Predigten herunterladen und Reisepakete für Pilger, Stadtführer mit Hinweisen auf die nächste Moschee und theologische Fernstudien.

Neben dem Hauptquartier in Istanbul gibt es Büros in Ägypten und Russland. Der Hauptfinanzier Abdul Wahid Nijasow sei ein kasachischer Unternehmer, erklärt Kurt, andere Finanziers stammten aus Russland und der Türkei, sagt Kurt. Anfangs soll in acht Sprachen kommuniziert werden, in Englisch natürlich, auf Arabisch, in Türkisch, auch Urdu und Russisch. Weitere Sprachen sollen folgen.

Die Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, jene sentimentale, oft auch politische aufgeladene Vorstellung einer ozeanischen Einheit aller Gläubigen, die an den Grenzen von Kultur und Sprache so oft zerschellt, weil ein DJ in Istanbul mit einem afghanischen Taliban eben doch nichts gemeinsam hat, diese Umma soll wenigstens Online zusammenfinden - in der geschützten Welt von "Salamworld".

Pornos und Terror werden gefiltert

Pornografie, Terroraufrufe, Menschenrechtsverletzungen werden gefiltert, Chats moderiert, die Gemeinschaften sind aufgerufen, anstößige Inhalte zu melden oder gleich zu entfernen. Nur: Was heißt anstößig? Und wirkt auf junge Menschen in konservativen Ländern wie Ägypten oder drastisch gegängelten Gesellschaften wie Saudi-Arabien nicht gerade die Aussicht verlockend, im Internet zu plaudern, zu flirten, alles das, was im realen Leben so schwierig oder sogar verboten ist?

"Wir sind ja keine Moschee", sagt PR-Manager Kurt, "wir üben keine Zensur aus, und selbstverständlich wird auch bei uns jene Atmosphäre der Freiheit herrschen, die die Nutzer anderer sozialer Netze schätzen."

Es wird also möglich sein, Videos hochzuladen, auch Fotos, aber nicht mit Nackten: "Jede Freiheit auf der Welt hat Grenzen", sagt Kurt.

Ein Netz für fromme Familien?

Berichte über Salamworld zitieren eine Online-Studie des Internet-Giganten Google, der zufolge im sturzkonservativen, islamischen Pakistan mehr als anderswo der Suchbegriff "sex" eingegeben wird. Wo Sex-Shops und Prostitution verboten sind, steigt offenbar die Bedeutung des Internets als Mittel der Triebabfuhr.

Ob tatsächlich junge Muslime im russischen Kaukasus, Algerien und Malaysia millionenfach auf die gesäuberten Seiten von Salamworld strömen oder ob es doch eher ein Netz ist für fromme Familien, die ihren Kindern - wie im Westen - Jugendgefährdendes ersparen wollen, wird sich zeigen.

Das Projekt selbst jedenfalls scheut vor Vergleichen mit Facebook zurück - da sehe man keine Konkurrenz -, muss aber schon deshalb mit hohen Nutzerzahlen operieren, weil es sich eher als Shopping-Mall denn als politische Plattform begreift: "Wir sind ein kommerzielles Projekt, wir unterstützen keinerlei politische Ideen", so Kurt. Die Unterstützung sei beachtlich, das Interesse mit bereits jetzt 100.000 registrierten und erwartungsvollen Nutzern groß. Und selbst wenn es mit der Einigung der Online-Umma nicht sofort klappt - als Marketing-Gedanke ist es sicher halal.

© SZ vom 16.04.2012/str

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