Soziale Netzwerke:Nocun wirbt für offene Standards - wie bei E-Mails

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Natürlich könne man davon träumen, dass eines Tages das nächste große soziale Netzwerk die digitale Kommunikation retten werde, "aber es ist nicht wahrscheinlich, dass das über Nacht passiert", sagt Nocun. Sie wirbt deshalb für eine Alternative: Diaspora. Das ist der Name eines dezentralen Netzwerks.

Diaspora hat keine zentrale Basis, seine Server, auch Pods genannt, sind auf der ganzen Welt verteilt. Jeder Nutzer wählt einen Pod aus, auf dem seine Daten gespeichert werden, und kann mit allen anderen Menschen im Diaspora-Netzwerk kommunizieren, egal in welchem Pod sie angemeldet sind. Es ist möglich, das Netzwerk anonym zu nutzen. Im Gegensatz zu Facebook ist die Software von Diaspora komplett frei, Nutzer können den Quellcode verändern.

"Ihr glaubt vielleicht, dass es naiv ist, von offenen Standards bei Netzwerken zu träumen", beschwört Nocun den Saal, "aber wir haben alle E-Mail-Adressen und es ist völlig egal, welchen Provider wir oder jemand anderes benutzt - weil E-Mail ein offener Standard ist." Würde E-Mail heute entwickelt, gäbe es vermutlich nur einen großen Provider - so wie Facebook in der Welt der sozialen Netzwerke. "Doch Facebook ist nicht in dieser Lage, weil es besser ist als alle anderen, sondern wegen der Marktdynamik und aus Glück", sagt Nocun. Für viele Menschen sei das Unternehmen das Internet, weil Facebook alles bereitstelle, was sie brauchten - nur keine Freiheit und keinen Datenschutz.

Nocuns Aufruf am Ende des Vortrags lautet deshalb: "Unterstützt eure Version von einer besseren Welt." Es sei ein politischer Akt, alternativen Code zu schreiben und so zu zeigen, wie unsere Kommunikations-Welt aussehen solle.

Nocun bekleidet zwar aktuell kein politisches Amt, aber das heißt nicht, dass sie verlernt hat, politische Reden zu halten. Ihr Vortrag auf dem 32c3 ist ein Appell an die Kreativität, an den Kampf Davids gegen Goliath: "Wir müssen Alternativen wie Diaspora unterstützen! Und wir müssen den Markt verändern, der immer wieder geschlossene Systeme hervorbringen wird, damit die besten Ideen gewinnen können!"

Für diesen Appell gibt es wohl kein besseres Publikum als einen Raum voller Hacker. Nun muss Nocun es nur noch mit der Bequemlichkeit von mehr als einer Milliarde Facebook-Nutzern aufnehmen.

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