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Social Media:Warum wir unsere Daten zurückfordern müssen

Facebook CEO Mark Zuckerberg vor dem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses.

(Foto: Mandel Ngan/AP)

Warum können Nutzer verschiedener Plattformen nicht miteinander kommunizieren? Warum kann man Daten nicht von einem Dienst zum anderen mitnehmen? Ein Plädoyer.

Gastbeitrag von Ruben Verborgh

Der Einfluss von Internet-Riesen wie Facebook und Google auf unsere Gesellschaft wird seit einiger Zeit debattiert. Nach anhaltender Kritik haben verschiedene große Technologie-Unternehmen eilig Schritte unternommen, die bis vor Kurzem undenkbar erschienen. Reddit, Youtube, Twitch, Twitter, Snapchat und Facebook haben in den letzten Wochen neue Maßnahmen umgesetzt, um Hassbotschaften und Fake News zu bekämpfen. Diese Veränderungen sind ein klares Zeichen dafür, dass die unregulierte Web-Politik der Vergangenheit angehört. Die heftige öffentliche Debatte geht jedoch über die strukturelle Unzulänglichkeit der Online-Wirtschaft hinaus, hin zum Kontrollverlust der Nutzer über ihre eigenen Daten.

In der Frühzeit des Internets waren Computer direkt miteinander verbunden. Daten wurden auf eigenen Festplatten gespeichert. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts änderte sich die digitale Kommunikation zu einem zentralisierten System, bei dem Speicherung und Austausch von Informationen über Server und Plattformen einiger weniger Technologie-Unternehmen erfolgen. Milliarden Menschen sind so für den Informationsaustausch untereinander von einigen Marktführern abhängig. Beim jetzigen Geschäftsmodell haben diese Unternehmen die vollständige Kontrolle über unsere Daten. Dies hat zu Marktverzerrung und fehlendem Wettbewerb geführt.

Die Marktführer tun alles, um ihre Macht zu erhalten

Prinzipiell muss eine Zentralisierung kein Problem darstellen. Es gibt gute Gründe, Menschen auf einer einzigen Plattform miteinander zu verbinden. Eine Navigations-App wie Waze nutzt denkbar große Datenmengen und bietet umfassende Funktionen. Gelegentlich möchte man als Nutzer eben die einfachste und verlässlichste Option. Das ändert sich jedoch, wenn wir nicht mehr frei entscheiden können, welche Plattform wir nutzen möchten, wie im Fall von sozialen Netzwerken.

Die aktuellen Marktführer tun alles, um ihre Macht zu erhalten und die Einführung neuer Social-Media-Plattformen zu verhindern. Das Netzwerk zu wechseln ist so gut wie unmöglich, da wir unsere Nachrichten, Fotos und Kontakte nicht zu einer anderen Plattform mitnehmen können. Wir haben nicht nur keine Kontrolle über unsere eigenen Daten. Auch die Kommunikation von einem Netzwerk zu einem anderen ist ausgeschlossen. Eigentlich ist dies unlauterer Wettbewerb. Dies ist ein Problem sowohl für neue Akteure, die den Markteintritt planen, als auch für die Nutzer.

Ruben Verborgh

Ruben Verborgh arbeitet am Forschungszentrum IMEC im belgischen Löwen, am Massachusetts Institute of Technology und als Professor für Webtechnologie an der Universität Gent.

(Foto: Rechte frei)

Warum ist es beispielsweise möglich, eine Telefonnummer zu behalten, wenn man den Anbieter wechselt, aber nicht, unsere Daten für die Nutzung in einer anderen App abzurufen? So wie wir Freunde an-rufen können, die bei einem anderen Telefonanbieter sind, sollten wir ungeachtet der installierten Kommunikations-App miteinander kommunizieren können dürfen.

Die Konzerne, die jetzt den Markt dominieren, haben keinen Grund, ihre Plattformen zu verändern. Hat Facebook im letzten Jahrzehnt je seinen Newsfeed wirklich im Sinne der Nutzer verbessert? Wenn, dann nur, um mehr Kontrolle zu bekommen. Solange unsere Daten bei diesen Unternehmen eingesperrt sind, werden diese weiterhin zögern, Datenschutzprobleme oder ethische Bedenken wie Fake News angemessen anzugehen. Denn neue Initiativen, die im Gegensatz zu den Etablierten politische Auswirkungen ihrer Plattform berücksichtigen oder Nutzerdaten nicht für Werbezwecke einsetzen, haben auf dem derzeitigen Markt nicht die geringste Überlebenschance.

Washington kämpft gegen die Digitalkonzerene mit dem Kartellrecht des 20. Jahrhunderts

Um das entstehende Machtungleichgewicht zu korrigieren, müssen wir unsere Daten zurückholen. Gemeinsam mit dem Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, arbeite ich an digitalen Datentresoren, die es ermöglichen werden, unsere Daten sicher zu speichern und Informationen mit Kontakten zu teilen, die eine andere Plattform verwenden. Diese Art von Lösungen wird uns nicht nur vor großen Datenlecks schützen. Auch Innovationen von unabhängigen App-Entwicklern werden wieder möglich sein.

Die Kritik an dominanten Technologie-Unternehmen nimmt unterdessen weiterhin zu. Trotz neuer Anpassungen der Richtlinien werden strukturelle Probleme nicht angemessen aufgegriffen. Politische Werbung ist immer noch nicht transparent. Fake News können immer noch verbreitet werden. Filterblasen sorgen für mehr Polarisierung als je zuvor. Wenn wir jedoch Lösungen für diese Probleme finden wollen, ist die Dezentralisierung des Internets erforderlich. Letztlich ist nicht ein einzelnes soziales Netzwerk die Ursache für das Kernproblem, sondern die Hyperzentralisierung von Daten und Nutzern, und folglich von Macht. Der erste Schritt zu einer Lösung ist, jedem Einzelnen die Kontrolle über seine eigenen Daten zurückzugeben.

Am vergangenen Mittwoch verhörte der US-amerikanische Kongress Mark Zuckerberg in einem möglicherweise historischen Kartellverfahren. Auch die CEOs von Amazon, Google und Apple mussten sich wegen der problematischen Auswirkungen ihrer Marktdominanz rechtfertigen. Obwohl die Lösung dieser Probleme für jedes Unternehmen einen anderen Ansatz erfordert, ist klar, dass es Zeit für einen Paradigmenwechsel ist. Werden wir als Gesellschaft das Internet wieder als Gemeingut betrachten, das folglich offen und frei sein sollte, oder legen wir die Zukunft unseres digitalen Lebens in die Hände weniger datenmächtiger Konzerne?

Leider haben sich die Gesetzgeber dabei zu stark auf die Fusions- und Übernahme-Strategien konzentriert und zu wenig darauf, dass Nutzer ihre Daten nicht kontrollieren können. Washington wendet ein Kartellrecht des 20. Jahrhunderts auf den digitalen Markt an. Ein großer Teil der politischen Debatte wird von Vorschlägen bestimmt, die Konglomerate der Technologie-Unternehmen zu zerschlagen. Dabei wird die Kernfrage übersehen: Wer soll unsere digitalen Informationen kontrollieren? Den Nutzern ihr Recht, diese Daten zu kontrollieren, zurückzugeben, wäre der effizienteste Weg, die Konkurrenz zu beleben und faire Bedingungen zu schaffen.

© SZ vom 04.08.2020

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