Süddeutsche Zeitung

Smartphone-Markt: Microsoft und RIM:Steve Ballmer als Blackberry-Retter

Jahrelang führte RIM mit seinen Blackberrys den Markt der Smartphones an, heute ist die Konkurrenz stärker. Nun soll ein Rivale aushelfen: Microsoft bringt seine Dienste auf das Geschäftshandy - und überrascht damit selbst Branchenkenner.

L. Köhler und J. Kuhn

Noch immer gelten Blackberry-Smartphones als Inbegriff der Businessgeräte, die vielen Geschäftsleuten das Arbeiten und die Kommunikation außerhalb des Büros ermöglichen. Doch die Konkurrenz duch Apples iPhone und die Geräte mit Googles Android-Betriebssystem bereitet dem Hersteller Research in Motion (RIM) Kopfzerbrechen: Zuletzt hatte RIM seine Gewinnprognose für das erste Quartal um elf Prozent gesenkt.

Um nicht weiter an Boden zu verlieren, hat das kanadische Unternehmen auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz Blackberry World in Orlando, Florida, nun zwei Retter vorgestellt.

Einer davon heißt Steve Ballmer und kommt vom Konkurrenten Microsoft: Der Unternehmenschef kündigte bei einem Überraschungsauftritt auf der Konferenz an, dass Blackberry-Smartphones künftig die Suchmaschine Bing sowie den Kartendienst von Microsoft übernehmen. Bislang stellte Google diese Dienste zur Verfügung.

Desweiteren kündigte Ballmer an, künftig "einzigartig" in Blackberry-Dienste zu investieren. Den Anfang wird ein Online-Speicher für die Smartphone-Nutzer machen, den Microsoft bald zur Verfügung stellen möchte.

Die Ballmer-Ankündigung sorgt in der Branche für Verwunderung: Mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone 7, das künftig auch auf Nokia-Smartphones installiert sein wird, befindet sich Microsoft in direkter Konkurrenz zu RIM.

Schmales Blackberry als zweiter Trumpf

Sein Betriebssystem macht dem Blackberry-Hersteller bereits länger Sorgen: Mit Blackberry 7 veröffentlicht das Unternehmen nun ein Update seines Mobilsystems. Dies wird auf dem neu vorgestellten Smartphone Blackberry Bold 9900 vorinstalliert sein. Das mit 10,5 Millimetern bisher schmalste Blackberry ist der zweite Retter, den RIM ins Rennen schickt.

Das Gerät bietet mit seinem 2,8 Zoll großen Touchscreen und der altbekannten QWERTZ-Tastatur, sowie einer 5-Megapixel-Kamera für HD-Aufnahmen auf der Hardware-Seite Altbewährtes. Das neue Betriebssystem soll dafür sorgen, dass der 1,2 Gigahertz schnelle Prozessor von Qualcomm mit 768 MB Arbeitsspeicher das Gerät schneller macht.

Integrierter Nahfeldchip

Neu ist der NFC-Chip (Near Field Communication), mit dem es zukünftig möglich sein soll, mit dem Handy zu bezahlen oder Tickets der Bahn zu kaufen. In der neuesten Android-Version ist diese Technik bereits integriert und auch im nächsten iPhone soll ein NFC-Chip verbaut sein.

Auf der Software-Seite wurde an den für Business-Phones sehr wichtigen Sicherheitsfeatures gefeilt. Mit Blackberry Balance steht eine Funktion bereit, die es ermöglicht, wichtige Firmendaten strikt von den privaten Daten zu trennen. Damit soll die Gefahr gebannt werden, dass sensible Informationen aus Versehen durch Apps in Netzwerken wie Facebook oder in privaten E-Mails landen.

Kann RIM die Firmenkunden halten?

Die kleinen Verbesserungen können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das neue Blackberry einen Haken hat: Das Update des Betriebssystems ist wohl eines der letzten - langfristig werden Blackberry-Smartphones das QNX-System nutzen. Dieses wurde für das jüngst veröffentlichte Playbook-Tablet entwickelt und soll beispielsweise zukünftig auch Flash-Inhalte darstellen. Gerüchten zufolge kann es zumindest beim Playbook künftig auch Android-Apps ausführen.

Eine Aufrüstung der aktuellen Blackberrys auf QNX wird allerdings nicht möglich sein. Käufer dürften sich also durchaus überlegen, ob sie mit der Anschaffung eines neuen RIM-Smartphones warten. Kritiker bemängeln, dass das neue Blackberry 7 ein Schattendasein fristen könnte und RIM weiter den Anschluss zu Android und Apples iOS verlieren wird.

Die Sorge, dass Käufer auf andere Betriebssysteme ausweichen, ist berechtigt. RIM gab letzten Freitag eine deutliche Gewinnwarnung aus. Und die Zahlen zeigen, dass in den USA Kunden lieber ein neues Smartphone mit Android Betriebssystem kaufen.

RIM hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwölf Jahren 150 Millionen Blackberrys verkauft, 15 Millionen davon im vergangenen Quartal. Zum Vergleich: Nokia verkauft pro Quartal mehr als 100 Millionen Geräte, Apple im ersten Quartal des Jahres 8,5 Millionen iPhones.

Weil Apple allerdings auch mit anderen Produkten erfolgreich ist und zudem mit iTunes ein eigenes Ökosystem an seine Hardware gekoppelt hat, will RIM seinen Geschäftskundenbestand mit allen Mitteln verteidigen: Zukünftig möchte das Unternehmen eine plattformübergreifende Lösung für Firmen anbieten, um mobile Endgeräte unabhängig ob iOS, Android oder Blackberry OS verwalten und absichern zu können. Dazu hat RIM die Münchner Firma Ubitexx gekauft, die bereits jetzt eine übergreifende Lösung für Apple und Google Smartphones anbietet.

Verkaufsargument entzogen

Bald könnten dann System-Administratoren mit RIMs Serversoftware die verschiedenen Endgeräte in der Firma verwalten, aus der Ferne steuern und gegebenenfalls sperren und löschen, zum Beispiel im Falle eines Verlustes. Zwar werden einige Funktionen der Software weiterhin nur auf Blackberrys funktionieren, der Trend scheint jedoch klar.

Das Blackberry Bold 9900 dürfte deshalb ebensowenig als Retter taugen wie die Integration von Microsoft-Diensten. Entscheidend wird sein, ob Geschäftskunden dem guten, wenn auch durch diverse Zugeständnisse an Ermittlungsbehörden angegriffenen Ruf vertrauen, den RIM hinsichtlich der Kommunikationssicherheit genießt - und mögliche Produkte auch plattformübergreifend kaufen.

Auf der Hardware-Seite wird der Erfolg des QNX Systems über Wohl und Wehe des Unternehmens entscheiden. So bleibt die Frage, ob den im Sommer erscheinenden Geräten mit dem alten Betriebssytem bereits jetzt ein Hauptverkaufsargument entzogen wurde.

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