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Smart Home:Alles im Griff

Türen fangen an, mitzudenken. Forscher arbeiten an selbstreinigenden Klinken und Stahl-Schirmen, die bei Erdbeben aufgehen.

Von Oliver Herwig

In den Zeiten von Smart Home, in denen jedes Teil der Wohnung mitdenkt und mitbestimmt, wie wir nun effektiv zu leben haben, ist die Tür erfrischend einfach, ja geradezu simpel geblieben. Sie lässt sich öffnen und wieder schließen. Dazu gibt es einen Türdrücker und, zumindest bei Haus- und Wohnungstüren, Schloss und Schlüssel. Eventuell sitzt in Augenhöhe noch ein Spion. Natürlich gibt es elektronische Schließsysteme, Transponderschlösser und Türen mit Sensoren inklusive Video-Fernabfrage und ausgefeilten Zutrittsberechtigungen. Doch an der Grundidee hat sich wenig geändert. Türen verbinden drinnen und draußen, Küche und Flur, Gang und Wohnzimmer. Oder trennen einzelne Bereiche. Das ist nur eine Frage der Perspektive.

Mehr als eine Pforte: Vier Projekte widmen sich neuen Ideen

Tür zu, Geschichte tot. Ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Wenn es nach Studierenden der Fachrichtungen Industrial Design und Architektur der TU München geht, hat das eher banale Bauteil eine große Zukunft vor sich. Angeleitet von Moritz Segers gingen sie ans Eingemachte. Der Architekt hatte selbst "schon mit Anforderungslisten für Türen zu kämpfen", wie er sagt: Brand- und Schallschutz sowie Fragen der Gestaltung. Daher wollte er einen Schritt weitergehen. Am Anfang standen ganz banale Fragen: Warum sitzt der Lichtschalter eigentlich immer neben der Tür? Wieso sind Zimmertüren auch in der Wohnung absperrbar? Und warum fehlt dann trotzdem meist der Schlüssel? Oder warum hält man Türen mit Keilen offen? Und was bringen Türschilder eigentlich, wenn man blind ist?

Das nennt sich wohl architektonische Grundlagenforschung. Mit einem Mal wurde ein Standard zu einer Spielwiese für Entdeckungen und Erfindungen. So entstand eine Erdbebenschutztür (praktisch für Japan), die einen stählernen Schirm aufspannt und eine Klinke, die sich automatisch reinigt. Das ist ideal für Krankenhäuser, Büros und Behörden, also überall dort, wo sich viele Menschen die Klinke in die Hand geben und sich die absonderlichsten Krankheiten einfangen - von Husten bis hin zu schweren Infektionen, ausgelöst durch multiresistente Keime. Natürlich gibt es bereits Klinken aus Kupfer. Das antibakterielle Metall braucht aber fast eine Stunde, bis es die Zahl der Bakterien um 90 Prozent verringert, mit Silberionen dauert es sogar noch etwas länger.

Türprojekt

Kluge Lösungen: Eine faltbare Haube schützt die Hausbewohner in Erdbebenregionen vor herabfallenden Teilen.

(Foto: TUM)

Susanne Bürglen, Yi Zheng und Korbinian Peters versuchten mit ihrem Projekt "Hygri" einen neuen Weg: Sie ließen den üblichen Drücker weg und setzten auf einen Ring, der durch einen Kasten rotiert, der ihn ständig desinfiziert. Das ist ziemlich clever und ziemlich praktisch, zumal der Griff nach beiden Seiten nachgibt - und so ganz intuitiv anzeigt, wie man die Tür öffnet. Was genau sich hinter dem System an Mechanik verbirgt, wollten sie dann doch nicht verraten. Sanitärhersteller seien bereits an der Lösung interessiert, und auch Thomas Bade, Geschäftsführer des Instituts für Universal Design, sieht "sehr gute Optionen" für die Studierenden. Der Mitinitiator des Semesterprojekts meint: "Der Markt hungert nach relevanten Lösungen. Multiresistente Keime sind echte Todesengel." Jedes Jahr erkranken Hundertausende an Krankenhausinfektionen, und schätzungsweise bis zu 15 000 Menschen sterben an ihnen. Ein hygienischer Griff an der Tür ist da immer willkommen.

Die Erdbebenschutztür ist ebenfalls ein Menschenfreund. Denn nicht nur winzige Erreger sind der Feind, sondern auch Mega-Erdstöße, wie sie immer wieder in Japan, Kalifornien oder Italien auftreten. Magdalena Müller und Philipp Fink entwickelten eine faltbare Rüstung, die den Türsturz (ohnehin einer der sichersten Orte bei Erdbeben) weiter vergrößert. Das System ist mit einem lokalen Frühwarnsystem verbunden, setzt aber auf Mechanik. Mit einer Hand lässt sich die Haube ausziehen. Das sei eine "fantastische Idee, die selbst als Nachrüstelement für vorhandene Türen und Zargen angeboten werden könnte", schwärmt Peter Bischoff von der Firma Küffner, die das Semesterprojekt begleitet hat.

Türprojekt

Dieser rotierende Griff an Türen tötet Keime ab.

(Foto: TUM)

Neben dem hygienischen Türgriff war für Bischoff die Orientierung sehbeeinträchtigter Menschen über Beacons und Smartphone ein Thema. Dahinter steht "Info Door". Das Team um Dennis Gecaj, Johanna Gieseler, Danqing Huang und Svenja Nevermann hatte die Idee, kleine Sender an und neben Türen zu befestigen, die wiederum genaue Positionsangaben und Informationen über Apotheken, Arztpraxen und öffentliche Gebäude direkt auf Smartphones spielen. Die App soll als einfacher Download bei diversen Online-Plattformen erhältlich sein und durch die Stadt navigieren helfen - bis direkt vor die Haustür. Technisch gibt sich auch "M-Frame", eigentlich Tobias Bahne, Michael Then, Yvonne Cosentino sowie Ioannis Jyftopoulosals. Das System schafft Ordnung rund um den Eingang. Lichtschalter, Türschild und Zugangsregelung werden mit der Türzarge verbunden und bilden einen flexiblen und eindeutigen Baukasten.

Vier Projekte, vier neue Blicke auf die Tür an der Schnittstelle zwischen Architektur und Design, Informationstechnologie und sozialer Teilhabe. Ein echtes Doping für Türen, die bislang nur eher irgendwie dazugehörten. Für Projektleiter Segers jedenfalls tat sich "ein ideales Studienprojekt" auf, bei dem Standards hinterfragt wurden. Auch Türenfachmann Bischoff beeindruckte "die unvoreingenommene Sicht der Studenten auf das Produkt Tür, mit dem wir Fachleute mehr oder weniger betriebsblind täglich umgehen".

Offenbar liegen im Haus noch einige Gestaltungsaufgaben, die einen zweiten Frühling verdient haben, womöglich sind es bald Wasserleitungen und Schornsteine, die völlig neue Seiten zeigen. Die Tür jedenfalls scheint plötzlich ziemlich smart zu sein.

© SZ vom 30.06.2017

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