Süddeutsche Zeitung

Nachrichtenquellen:Darum sollten Sie RSS nutzen

  • RSS ist ein Dateiformat, mit dem Nutzer Blogeinträge oder neue Artikel von Nachrichtenseiten abonnieren können.
  • Nur wenige Menschen kennen und nutzen RSS.
  • Die Technik ermöglicht es Nutzern, ihren Nachrichtenkonsum selbständig zu bestimmen, während bei Facebook Algorithmen Inhalte sortieren.

Von Simon Hurtz

Meinen letzten Liebesbrief habe ich in der sechsten Klasse geschrieben. Als ich fertig war, habe ich ihn dreimal durchgelesen und dann in Stücke zerrissen. Jetzt versuche ich es erneut mit einem Liebesbrief - mit zwei entscheidenden Unterschieden: Meine Verehrung gilt einer Technologie, und die Adressaten sind meine Leser.

Drei Buchstaben haben es mir angetan: RSS. Sie stehen für Really Simple Syndication oder Rich Site Summary. Fast alle großen Webseiten bieten sogenannte RSS-Feeds an, die sich mit RSS-Readern abonnieren lassen. Sobald sich der Inhalt der Seite ändert, erzeugt das einen Eintrag im Feed. Wenn etwa auf SZ.de ein neuer Artikel erscheint, taucht dieser auch in der RSS-Struktur auf.

Das klingt banal, aber ich kann mir kein Leben ohne RSS vorstellen. Das liegt auch an meinem Beruf: Als Journalist muss ich viele Quellen im Blick behalten und Informationen möglichst effizient verarbeiten. Dafür sind RSS-Feeds unersetzlich. Doch ob Medienmensch, Ärztin oder Friseur - jeder, der sich für Nachrichten interessiert, regelmäßig Online-Medien besucht oder Blogs liest, spart mit RSS Klicks und ist besser informiert.

Die Technologie gilt als nischig und nerdig, dabei ist es ganz einfach. Sie brauchen nur zwei Dinge: eine Webseite, die RSS unterstützt, und einen Reader, in dem Sie die Feeds sammeln und lesen. In der Bildergalerie am Artikelende erkläre ich kurz, wie Sie RSS-Feeds finden, und gebe eine Übersicht empfehlenswerter RSS-Reader. Wenn Sie die Nachrichten von SZ.de, Zeit Online und Spiegel Online verfolgen wollen, müssen Sie nicht mehr jede Seite einzeln aufrufen und nachsehen, ob es Neues gibt. Stattdessen empfangen Sie die Texte gebündelt in Ihrem RSS-Reader. Genauso ist es möglich, einzelne Ressorts oder Autoren zu abonnieren.

RSS stammt aus dem vergangenen Jahrtausend, ist also ein Dinosaurier des Internets. Immer wieder wird dem Format das Schicksal dieser Tiere prognostiziert: Aussterben aus nicht endgültig geklärten Umständen. Die Rolle des mutmaßlichen Meteoriten übernimmt dabei ein beliebter Bösewicht, der angeblich auch schon Myspace, den Journalismus und den demokratischen Diskurs auf dem Gewissen hat: Facebook.

RSS lebt, und es erfreut sich bester Gesundheit

Nutzer seien zu bequem, um sich ihre Nachrichten selbst zusammenzusuchen und informierten sich lieber in sozialen Medien, schreibt etwa Fabian Scherschel bei Heise und folgert: "RSS ist tot, und das ist eine Schande" Es sei zu kompliziert, nicht für den Alltagsgebrauch normaler Menschen konzipiert. "Fake-News-Schleudern" ersetzten dieses demokratische Werkzeug für informierte Web-Bürger, sein Ableben sei "wohl unausweichlich".

Scherschel hat mit einer Sache Recht: Der Tag, an dem der letzte RSS-Feed verschwindet und der letzte RSS-Reader dicht macht, wäre ein trauriger. Ich bezweifle aber, dass dieses Schicksal bereits beschlossene Sache ist. Im Gegenteil: RSS lebt, und es erfreut sich bester Gesundheit.

Ende Juli kündigte Mozilla an, den eingebauten RSS-Reader aus dem Firefox-Browser zu entfernen. Ausgerechnet ein Unternehmen, das sich schon immer als Unterstützer des freien, dezentralen Webs gesehen hat, verabschiedet sich von einem Format, das wie kein anderes für das offene Netz steht. Was nach einem Sargnagel klingt und wohl auch Anlass für Scherschels Abgesang war, ist bei genauerem Hinsehen kein Grund zur Panik. 99,9 Prozent der Firefox-Nutzer hätten diese Funktion ohnehin nie verwendet, schreibt Tech-Blogger Martin Brinkmann bei ghacks.net.

Der Facebook-Meteorit ist noch nicht eingeschlagen

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Berufsbedingt kenne ich viele Menschen, die RSS-Feeds lesen. Kein einziger von ihnen abonniert sie über den Web-Browser. Stattdessen verwenden sie spezialisierte Dienste wie Feedly, Inoreader oder The Old Reader, die eigene Apps und Webseiten dafür anbieten. Im Frühjahr stellte die Wired die drei Unternehmen vor und sprach mit den Gründern. Uns geht es prächtig, sagten sie, wir wachsen. Ein paar Monate später erhielt die Tagesschau die gleiche Antwort, und auch auf SZ-Anfrage heißt es: Keine Sorge, der Facebook-Meteorit ist noch nicht eingeschlagen.

"Ich kann es auch nicht richtig erklären", sagte Dave Winer der Wired. Der Programmierer hat mehrere wichtige Web-Technologien mitentwickelt, darunter RSS. Angesichts des "Missbrauchs", den die Technologie erfahren habe, hätte er Schlimmeres befürchtet. Damit meint er unter anderem Google. Vor fünf Jahren stellte das Unternehmen den Google Reader ein, zu diesem Zeitpunkt das beliebteste Werkzeug, um RSS-Feeds zu lesen. Die Nutzer waren kurz wütend - wanderten dann aber nicht zu Facebook ab, sondern suchten sich Alternativen. Binnen 48 Stunden meldeten sich damals mehr als eine halbe Million Menschen bei Feedly an, mittlerweile nutzen mehr als 15 Millionen Menschen den Dienst.

Facebook ist wie eine Kantine, RSS wie selbst kochen

Das Versprechen sozialer Netzwerke lautet: Wir zeigen dir, was dich wirklich interessiert. Wir nehmen dir alle Entscheidungen ab und sortieren die Inhalte für dich. Welche Kriterien unsere Algorithmen dafür nutzen, muss dich nicht kümmern. Vertrau uns einfach.

Für die breite Masse scheint das zu passen. Mehr als 2,2 Milliarden Menschen nutzen Facebook, der personalisierte Newsfeed hat maßgeblich zum Erfolg des Netzwerks beigetragen. Auch Twitter ist längst von der ursprünglich chronologisch sortierten Timeline abgerückt. Jetzt entscheiden Algorithmen, was für die einzelnen Nutzer angeblich relevant ist, und welche Tweets zuerst angezeigt werden.

Facebook ist wie eine Kantine: Indem Sie bestimmten Seiten folgen und Ihre Freunde selbst auswählen, können Sie zumindest die Grundzutaten Ihres Medienmenüs selbst bestimmen. Sie haben die Wahl zwischen Fleisch, Vegetarisch und Salat. Manchmal schmeckt es, manchmal ist es versalzen. Wer RSS-Reader nutzt, kocht selbst: Er weiß genau, was in den Topf kommt, und kann jeden Tag neu entscheiden, worauf er Lust hat.

In sozialen Medien dominieren Wut und Empörung

Das macht mehr Mühe, und viele Menschen gehen lieber essen. Doch Facebook ist kein Sternekoch. Immer wieder übertreibt es das Netzwerk mit dem Chili: Bei politischen Themen dominieren Wut und Empörung - die Algorithmen reagieren auf Interaktion, und Menschen liken und teilen vor allem Inhalte, die sie emotional berühren. Das Ergebnis serviert täglich der Dienst 10000 Flies, der die Artikel mit den meisten Facebook-Interaktionen sammelt. Es ist ein dystopisches Paralleluniversum in dem es vor angeblich kriminellen Ausländern wimmelt, regelmäßig werden Falschmeldungen zehntausendfach geteilt.

Das hat auch Facebook gemerkt und zeigt seit Anfang des Jahres weniger Links zu Online-Medien im Newsfeed an. Urlaubsfotos von Freunden statt Nachrichten von Journalisten, Hochzeiten und Katzen statt Flüchtlinge und Klimawandel.

Das muss nicht schlecht sein. Als soziales Netzwerk, das Menschen verbindet, ist Facebook groß geworden. Als globale Plattform, auf der Menschen sich über das Weltgeschehen informieren, ist es in die Krise geraten. Zum Glück gibt es gute Alternativen. RSS ist die beste, die ich kenne.

Korrektur: Eine frühere Version des Artikels bezeichnete RSS fälschlicherweise als Web-Protokoll. Tatsächlich handelt es sich um ein Dateiformat.

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