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IT-Sicherheit:Wie ein russischer Abgeordneter zum Direktor einer IT-Security-Firma in Deutschland wurde

Eine neue Generation ¿Äì Die Zukunft der deutsch-russischen Partnerschaft

Robert Schlegel im Jahr 2010, als er noch in der Duma, dem russischen Parlament, saß und sich als engagierter Befürworter von Internetzensur einen Namen machte.

(Foto: picture-alliance/Eventpress)
  • Robert Schlegel war Sprecher des Putin-Jubelvereins Naschi, der sich mit Cyber-Angriffen auf die Websites anderer Staaten brüstete.
  • Als russischer Abgeordneter engagierte er sich für Netzzensur.
  • Heute besitzt Schlegel die deutsche Staatsbürgerschaft und arbeitet als ranghoher Mitarbeiter beim IT-Security-Unternehmen Acronis in München.

In Washington oder Berlin konnte sich noch kaum jemand vorstellen, wie ein Angriff russischer Hacker auf einen Staat aussehen könnte, als im April 2007 plötzlich die Internetauftritte des estnischen Parlaments und des Staatspräsidenten nicht mehr erreichbar waren. Auch Banken und Medien in dem baltischen Staat waren von den Attacken betroffen, die sich über Wochen hinzogen.

Vorausgegangen war ihnen ein Streit um die Verlegung eines sowjetischen Heldendenkmals in der Hauptstadt Tallinn. Die meisten Esten betrachten die Sowjetarmee als Besatzer, eine russischsprachige Minderheit will sie weiter als Befreier feiern - und randalierte. Bei den Protesten kam ein Mensch ums Leben, Dutzende wurden verletzt, Hunderte festgenommen. Es waren die größten Unruhen seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Zwei Jahre später bekannte sich ein Funktionär der vom Kreml gelenkten Jugendorganisation "Naschi" zu den Cyber-Angriffen. Man habe "dem estnischen Regime eine Lehre erteilt".

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Naschi ist zwar längst nicht mehr aktiv, aber der Film, den die Agit-Abteilung der Organisation nach den Unruhen in Estland ins Netz gestellt hat, ist heute noch bei YouTube abrufbar. "Alle Staaten tragen Masken", doziert eine Stimme aus dem Off zum Beginn des halbstündigen Videos: "In der heutigen Zeit kommt es darauf an, demokratisch und aufgeklärt zu wirken, für Toleranz und Meinungsfreiheit einzutreten." Doch in Wahrheit sei all das nur Fassade. Zu sehen ist, wie die Gesichter westlicher Staats- und Regierungschefs sich zu fratzenartigen Masken verzerren, dann kreisen die Masken mit Dollarzeichen um eine Freiheitsstatue in den Farben der US-Flagge.

"Bereits seit 1000 Jahren wollen sie uns vernichten"

Die Ereignisse in Estland hätten das wahre Gesicht der Staaten gezeigt, die Russland fälschlicherweise für seine Freunde gehalten hätte: "Diese alten, trockenen Gesichter mit dem zynischen Lächeln der Inquisitoren sind uns wohl bekannt", sagt der Sprecher, unterlegt von dramatischer Musik. "Bereits seit 1000 Jahren wollen sie uns vernichten. Und über 1000 Jahre ist ihnen das nicht gelungen. Deshalb sind sie sehr wütend. Und immer wieder aufs Neue müssen wir sie vor sich selbst retten. Aber statt uns dafür zu danken, spucken sie uns jedes Mal ins Gesicht. Aber damit ist jetzt Schluss."

Die Stimme, die hier über vermeintliche westliche Vernichtungspläne referiert und die Randale von Tallinn als Heldentat feiert, gehört einem Mann, den damals auch in Russland nur wenige kannten: Robert Schlegel. Der damalige Pressechef der Naschi-Bewegung machte in den folgenden Jahren eine steile Karriere als Abgeordneter im russischen Parlament. In dieser Funktion setzte er sich dafür ein, unabhängige Medien und Blogger in Russland strafrechtlich zu verfolgen. Gleichzeitig knüpfte Schlegel Kontakte in die deutsche Politik - erst zur CDU, später zur AfD.

Seit seinem Ausscheiden aus der russischen Staatsduma im Oktober 2016 war es still geworden um Robert Schlegel. Keine Auftritte mehr in den Talkshows des Staatsfernsehens, auf seinem Twitter-Account mit mehr als 70 000 Abonnenten wurden alle Tweets gelöscht. Dort stellt sich der einstige glühende Patriot und Kämpfer gegen angebliche westliche Doppelmoral nun als "Ex-Politiker", "tolerant" und "Kosmopolit" vor. Dass er auf Instagram seit dem Frühjahr immer wieder Fotos von bayerischen Landschaften veröffentlicht, hat einen Grund: Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung hat Schlegel im Frühjahr dieses Jahres die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. Seitdem arbeitet er in München als "Director of Strategic Projects and Operations" in der Deutschland-Zentrale des internationalen IT-Security-Unternehmens Acronis.

Dass so manch russischer Politiker oder Mitarbeiter der staatlichen Medien in der Heimat dazu aufruft, dem verdorbenen und verlogenen Westen die Stirn zu bieten, gleichzeitig aber die Kinder auf britische Internate schickt, das ist eher die Regel als die Ausnahme. Dass aber ein Mann ranghoher Mitarbeiter eines Software-Unternehmens in Deutschland wird, der noch vor wenigen Jahren eine Organisation vertreten hat, die Cyber-Angriffe auf die Regierungen organisiert hat und dabei wohl kaum ohne die Hilfe des russischen Geheimdienstes ausgekommen sein dürfte - das ist ein einmaliger Vorgang.

Von etwa 1500 Acronis-Mitarbeitern sind mehr als 500 in Russland beschäftigt

Weltweit vertrauen Tausende Unternehmen der Software und den Sicherheitsdienstleistungen von Acronis, auf ihrer Website wirbt das Unternehmen mit Kunden wie Audi, BASF und der Deutschen Bank. Seit 2018 pflegt die Firma strategische Partnerschaften mit Microsoft und Google. Auch der Bund stattete laut Ausschreibungen einige Abteilungen mit der Acronis-Backupsoftware "True Image" aus, was ein Mitarbeiter der Bundes-IT gegenüber der Süddeutschen Zeitung bestätigte. Acronis bewirbt seine Produkte mit dem Satz: "Schützen Sie Ihre Daten, Applikationen und Systeme vor böswilligen Bedrohungen".

MOSCOW RUSSIA NOVEMBER 17 2016 Sergei Belousov founder and general director at Acronis Softwar

Der gebürtige Russe Sergei Beloussov, Gründer des internationalen Software-Unternehmens Acronis, der Schlegel nach München geholt haben soll.

(Foto: imago)

Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung teilte ein Unternehmenssprecher mit, Schlegel habe "zu keinem Zeitpunkt Zugang zum Quellcode von Acronis Produkten oder zu Servern mit Kundendaten" gehabt. Gleichwohl werde die Sicherheitsabteilung Schlegels Einstufung für den Zugang zu Daten überprüfen.

Gegründet hat Acronis der gebürtige Russe Sergej Beloussov. Der heute 48-Jährige hat seine Heimat Mitte der Neunzigerjahre verlassen, um von Singapur aus das IT-Unternehmen aufzubauen. Seit 2001 hat der Multi-Millionär die Staatsbürgerschaft des asiatischen Stadtstaates. Seit einer Finanzierungsrunde im September 2019 ist Acronis mehr als eine Milliarde Dollar wert. Der Firmensitz liegt im schweizerischen Schaffhausen, dort will der Firmenchef eine Privat-Universität eröffnen, das Schaffhausen Institute of Technology. Von etwa 1500 Acronis-Mitarbeitern sind nach SZ-Informationen mehr als 500 in Russland beschäftigt - vor allem Software-Entwickler. Acronis ließ diese Zahlen auf Anfrage unkommentiert. Ein bedeutender Teil der Kunden sitzt in den USA.

Ein Russland-Bezug - besonders in die Politik - kann nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Hackern aus Moskau heikel sein. 2015 hatte das US-Heimatschutzministerium nach einem Hacker-Skandal Produkte der russischen Anti-Viren-Firma Kaspersky Lab von sämtlichen Behörden-Computern verbannt. In der boomenden IT-Branche Russlands versucht man daher, sich möglichst unabhängig und neutral zu präsentieren.

Laut Informationen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, war es Beloussov selbst, der Schlegels Versetzung nach München in die Wege leitete. Auf Nachfrage äußerte sich Beloussov dazu nicht. Zuvor hatte Schlegel in Moskau für das Unternehmen gearbeitet. Als Nachfahre einer wolgadeutschen Familie war es für den 34-Jährigen nur eine Formalie, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Mit Anfang 20 hatte Schlegel eine private Fernsehakademie abgeschlossen, dann startete er bei der frisch gegründeten Naschi-Bewegung durch: Er wurde ihr Sprecher und später "Kommissar" der Organisation. Er baute das Studio "Belyj Swjet" auf, das Propagandavideos im Geist der Putin-Jugend produzierte. 2007 zog er mit 23 Jahren als jüngster Abgeordneter ins Parlament ein.

Ein "ganz gewöhnlicher Mann mit einer außergewöhnlichen Lebenserfahrung"

In der Duma machte er sich bald als engagierter Befürworter von Internetzensur einen Namen: 2008 brachte er ein Gesetz auf den Weg, nach dem Medien geschlossen und Blogger strafrechtlich belangt werden sollten, wenn sie "verleumderische Nachrichten" verbreiten, eine bewusst vage Formulierung, um Kritiker zum Schweigen bringen zu können. Der Entwurf kam zwar nicht durch das Parlament, aber schon wenig später landete Schlegel auf der Liste der "Nachwuchskader unter der persönlichen Patronage des Präsidenten", damals noch Dmitrij Medwedew.

Als der liberale Sender Doschd 2012 ausführlich über die Proteste gegen den Ämtertausch zwischen Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew berichtete, rief Schlegel die Staatsanwaltschaft auf den Plan: Sie sollte untersuchen, ob der Sender vom Ausland finanziert wird. Im gleichen Jahr unterstellte er auch Michail Gorbatschow, ein vom Ausland bezahlter Agent zu sein.

Das alles soll nun der Vergangenheit angehören. Mit den Recherchen der SZ konfrontiert, präsentiert sich Schlegel als geläuterter Mann: Er sei "enttäuscht von der Politik", seine Ansichten hätten sich "sehr geändert", nun sei er "ein ganz gewöhnlicher Mann mit einer außergewöhnlichen Lebenserfahrung", erklärte er am Freitag per E-Mail.

Der Stand des Software-Unternehmens Acronis auf der Messe Cebit 2017 in Hannover. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in der Schweiz.

(Foto: Alexander Tolstykh/mauritius images)

Den Agitationsfilm zu den Unruhen in Tallinn tut Schlegel als Jugendsünde ab: "Vielleicht war ich naiv und dumm. Aber ich habe nichts Illegales getan." Er bestreitet von den Cyber-Angriffen, mit denen sich seinerzeit der Naschi-Chef brüstete, gewusst zu haben. Auch mit der Organisation von Trollen, die gegen Bezahlung pro-russische und anti-westliche Kommentare auf den Websites von USA Today, der New York Post, der Los Angeles Times, FOX News, CNN, BBC und der Huffington Post hinterließen, habe er nichts zu tun gehabt. Dabei veröffentlichte eine russische Hackergruppe 2014 Mails aus Schlegels Postfach, in denen er einen Mitarbeiter für derlei Pläne lobt: "Ich bin froh, dass du das vorschlägst", antwortet er diesem am 5. Mai 2014. Der Mitarbeiter beziffert die Kosten mit 15 Rubel pro Kommentar: "Sascha hat Leute, hat er gesagt."

Zwei Jahre später wurde Schlegel in den Parteivorstand von Einiges Russland aufgenommen. Dort sollte er sich besonders um die internationalen Kontakte kümmern. Noch kurz bevor Schlegel 2016 aus der Staatsduma ausschied, traf er sich in Berlin mit Markus Frohnmaier, dem damaligen Vorsitzenden der vom Verfassungsschutz beobachteten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative und heutigen Bundestagsabgeordneten. Frohnmaier bestätigte später Berichte, wonach die beiden eine Zusammenarbeit der Jungen Alternativen mit der Partei-Jugendorganisation von Einiges Russland erörtert hätten. Ein Bündnis sei aber nicht zustande gekommen. In einem Strategiepapier, das nach Recherchen von Spiegel, ZDF und BBC vor der Bundestagswahl 2017 im Kreml kursierte, heißt es, Frohnmaier werde als Bundestagsabgeordneter "unter absoluter Kontrolle" Moskaus stehen. Heute erklärt Schlegel, er habe als Abgeordneter "stets für den Dialog geworben, unter anderem mit Deutschland".

Was genau heute die Aufgabe von Schlegel im Münchner Büro der Softwarefirma Acronis sein soll, darüber rätseln auch Mitarbeiter des Unternehmens. Er habe mit seinen internationalen Verbindungen Lobbyarbeit für neue Standorte leisten sollen, besonders in Osteuropa, heißt es aus Mitarbeiterkreisen. Er selbst beteuert, der Schwerpunkt seiner Arbeit liege in Bildungsprojekten der Acronis Cyber Foundation und "in der Kommunikation mit dem öffentlichen Sektor".

In den in der Münchner Landsberger Straße gelegenen Geschäftsräumen fiel Schlegel allerdings nicht gerade durch diplomatisches Geschick auf: Seine Tätigkeiten bestanden unter anderem in der Vereinbarung eines Treffens mit Schaffhausener Lokalbehörden bezüglich des dortigen Universitäts-Projekts. Der Termin platzte, wofür Schlegel den Vertreter eines Schaffhausener Standortförderungs-Unternehmens in einer wütenden Mail verantwortlich machte. Beloussov - offensichtlich besorgt um die Zukunft seines Universitäts-Projekts - ermahnte Schlegel daraufhin zu einem gemäßigteren, europäischen Gepflogenheiten entsprechenden Ton.

"Ich möchte, dass meine Kinder in Deutschland aufwachsen"

Dass ihnen ein Mann mit dieser Vergangenheit an die Seite gestellt wird, hatte auch bei Mitarbeitern in München und Schaffhausen Unverständnis ausgelöst. Der ehemalige Sprecher einer Organisation, die sich für Cyber-Angriffe auf andere Staaten rühmte, arbeitet in führender Position in einer IT-Firma, der deutsche Behörden und Unternehmen vertrauen sollen? Robert Schlegel, der kritische Journalisten und Gorbatschow als Agenten bezichtigte und westliche Politiker als Betrüger, lebt plötzlich selbst im einst verteufelten Westen? "Ich möchte, dass meine Kinder in Deutschland aufwachsen, als Teil der Kultur und des Volkes, zu dem sie gehören", erklärt er seinen Umzug.

Dass der Unternehmerverband "Delowaja Rossija" ihn bis heute auf seiner Website in seiner Position bei Acronis als Vorstandsmitglied führt, erklärt Schlegel mit einem Versäumnis. Der Wirtschafts-Ableger der Kreml-Partei Einiges Russland hatte auch in diesem Jahr wieder einen prominenten Gast auf seinem Jahrestreffen: Wladimir Putin. Er sei dort inzwischen ausgetreten, beteuert Schlegel, bei keiner Partei oder anderen Organisation mehr Mitglied.

Auf die Recherche der Süddeutschen Zeitung reagierte Acronis am Freitag prompt und stellte Schlegel vorerst vom Dienst frei. "Wir haben entschieden, die Kanzlei Freeh, Sporkin & Sullivan LLP in Washington mit einer internen Untersuchung zu beauftragen", teilte ein Unternehmenssprecher mit. Die Ergebnisse dieser Untersuchung würden dem Aufsichtsrat vorgelegt. Danach werde entschieden, ob Robert Schlegel weiter beschäftigt wird.

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