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Altersprüfung:Ausweispflicht verunsichert britische Porno-Fans

Britische Pornokonsumenten müssen sich bald ausweisen.

(Foto: Charles/Unsplash)
  • Um den Jugendschutz zu verbessern, sollen britische Besucher von Pornoseiten ab dem 15. Juli ihr Alter nachweisen.
  • Die Webseiten arbeiten dafür mit Verifikationsdiensten zusammen, die für die Registrierung Pass oder Führerschein verlangen.
  • Kritiker warnen, dass dadurch hochsensible Datenbanken entstünden. Zudem ließen sich die Sperren leicht umgehen.

Am 15. Juli könnte der Internetverkehr in Großbritannien einbrechen. An diesem Tag soll dort eine Regelung zur Altersverifikation bei Pornoseiten im Netz in Kraft treten. Um erwachsenen Menschen beim Sex zuzusehen, müssen Nutzer aus Großbritannien dann nachweisen, dass sie selbst 18 Jahre oder älter sind. Der Effekt dürfte spürbar sein: Schätzungen im Netz gehen davon aus, dass pornografische Inhalte zehn bis 30 Prozent des gesamten Online-Verkehrs ausmachen. Die Pornoindustrie warnt deshalb in Anspielung auf ein weiteres umstrittenes Projekt der britischen Politik vor einem bevorstehenden "Sexit".

Die Regierung begründet das Gesetz mit dem Jugendschutz. 2015 hatte eine Studie in Großbritannien für Aufregung gesorgt, wonach jeder zehnte der 12- bis 13-Jährigen befürchtete, pornosüchtig zu sein. Jedes fünfte befragte Kind gab damals an, schon pornografische Inhalte gesehen zu haben, die es schockiert hätten. Die zuständige Digitalministerin Margot James sagte der BBC, gerade jüngere Kinder würden immer wieder versehentlich auf Pornoseiten landen.

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Beschlossen hatte die Regierung die Filter bereits 2017 im Rahmen des Digital Economy Acts, die Einführung wurde jedoch mehrfach verschoben. Die zuständige Ministerin James sagte, die Verschiebung sei notwendig gewesen, um den notwendigen Ausgleich zwischen Datenschutz und Jugendschutz zu schaffen. Das sei mit der nun geplanten Regelung gelungen, Mitte Juli soll das System starten und dabei helfen, Großbritannien zum laut James "sichersten Online-Ort der Welt zu machen". Großbritannien sei das erste Land auf der Welt, dass die verpflichtende Altersverifikation für den Konsum von Online-Pornovideos einführe.

Verifikationsdienstleister als Porno-Türsteher

Die Betreiber von Online-Pornoplattformen sollen dazu mit Verifikationsdienstleistern zusammenarbeiten. Marktführer bei Online-Pornografie ist das Unternehmen Mindgeek. Wie die meisten anderen Pornoseiten-Betreiber ist auch Mindgeek ziemlich diskret, was seine Verbindungen zur Pornografie betrifft. Per Selbstbeschreibung ist das Unternehmen "führend in Webdesign, Webdevelopment und SEO". Der einzige Hinweis auf die Verbindung zur Pornoindustrie sind die unglaublich hohen Zahlen auf der Firmenwebseite. 115 Millionen Besucher verzeichnen die Mindgeek-Seiten demnach jeden Tag, sie dort drei Milliarden Werbeanzeigen zu sehen bekommen. Nirgends wird explizit erwähnt, dass es sich dabei um weltweit beliebte Sex-Seiten wie Pornhub, Redtube und Youporn handelt.

Um über 18-jährigen Bewohnern von Großbritannien weiterhin Zugang zu diesen Seiten zu gewähren, nutzt Mindgeek etwa die Technik "AgeID" zur Altersverifikation: Wer vom 15. Juli an eine von Mindgeeks Webseiten ansurft wird auf die AgeID-Seite umgeleitet, um einen Nutzer-Account anzulegen. Dann muss der Nutzer sein Alter nachweisen; über sein Kreditkartenunternehmen, seinen Mobilfunkanbieter, Reisepass oder Führerschein. AgeID selbst bekommt dann lediglich die Information, ob der Account verifiziert wurde oder nicht, so soll der Datenschutz gewährleistet werden. Alternativ sollen Kunden einen Zugang zu Pornoseiten auch in Kiosken erwerben können.

Ausgenommen von der neuen Regel sind Seiten, auf denen weniger als ein Drittel der hochgeladenen Inhalte pornografisch sind. Twitter und ander Social-Media-Seiten können also auch weiterhin ohne Altersnachweis genutzt werden, auch wenn Kinder dort ebenfalls auf Pornos stoßen können.

Kritiker sagen, das System sei auch sonst ziemlich leicht auszuhebeln: Jugendliche könnten sich einen Pornopass über das Mobiltelefon oder die Kreditkarte der Eltern zulegen. Noch leichter allerdings lässt sich der britische Pornofilter mit einem Virtual Private Network (VPN) umgehen. Die Software leitet Internetanfragen über ausländische Server um. Für die angesteuerten Pornowebseiten sieht es dann so aus, als käme der Nutzer aus Singapur, Schweden oder den USA - und nicht aus Großbritannien. Genutzt wird solche Technik zum Beispiel in der Türkei, wo Upload und Konsum von Pornografie teils mit Gefängnisstrafen bestraft wird, und in China, wo die Regierung nicht nur Pornoseiten zensiert.

Warten auf das erste Datenleck

Jim Killock von der britischen Verbraucherschutzorganisation Open Rights Group sieht vor allem die Datenschutzfrage nicht gelöst. Mit dem neuen Gesetz seien in Zukunft Pornoseitenbetreiber für den Schutz privatester Daten von Millionen Briten verantwortlich, sagte Killock der britischen BBC. Zwar gebe es für die Altersverifikationsdienste einen neuen Datenschutzstandard, der sei für die Unternehmen allerdings freiwillig.

Nicht alle Pornoseiten werden Mindgeeks System AgeID verwenden. Dessen Konkurrent Xhamster etwa hat angekündigt, mit dem Anbieter 1Account zusammenzuarbeiten. So entsteht ein Flickenteppich verschiedener Altersverifikatoren, manche vergleichsweise sicher, andere weniger. Verbraucherschützer Killock warnt: Ein Datenleck sei nur eine Frage der Zeit. Informationen über die sexuellen Vorlieben von Millionen Briten könnten so in den Händen von Hackern landen. Dass Daten bei den Seiten von Mindgeek nicht immer sicher sind, haben mehrere Datenlecks gezeigt. So wurden 2016 800.000 Kontoinformationen von zahlenden Kunden der Pornoseite brazzers.com gestohlen, Nach der neuen Ausweispflicht könnte ein solches Leck auch Nutzern kostenfreier Angebote drohen.

20 Prozent wollen Online-Pornos wegen der Alterssperre aufgeben

Digitalministerin James gibt zu, dass Jugendliche die Sperren möglicherweise umgehen könnten und dass es einen absoluten Schutz gegen Datenlecks nicht geben könne. Priorität habe allerdings der Schutz jüngerer Kindern.

Und was halten die Betroffenen selbst von der neuen Regelung? Laut einer Umfrage, die die Seite Xhamster.com selbst durchgeführt hat, glauben rund 35 Prozent der Seitennutzer, dass das Gesetz teilweise funktionieren wird. Das dürften diejenigen sein, die vorhaben, die Regeln zu respektieren. In der Überzahl sind allerdings - wenig überraschend - die Gegner. Immerhin 60 Prozent sind demnach der Auffassung, dass das Gesetz keinen Effekt haben wird. 40 Prozent geben an, sie würden VPN verwenden, um das Gesetz zu umgehen. Immerhin 20 Prozent der Befragten haben angekündigt, den Konsum von Online-Pornos dann aufzugeben. Ob sie das Ernst meinen, werden die Seitenbetreiber am 15. Juli herausfinden.

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