NSA-Abhöraffäre:Nutzen oder Zwangsvorstellung?

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Nur ist es so, dass dies die Mehrzahl der Deutschen offenbar nicht erschüttert. Das Vergnügen an Facebook, die Lust, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein, hat nicht nachgelassen. Nach wie vor gibt es keine Vorlesung, in der nicht etliche Handys vibrieren; und rar sind die Fünfzehnjährigen, die es ertragen, zehn Minuten oder gar noch länger von aller Elektronik abgeschnitten zu sein.

Da entsteht mancher Nutzen: Notrufe, Warnungen, Lebenszeichen. Doch spielen nicht auch zwei Zwangsvorstellungen hinein? Die eine: Alles, was wir über Handy, Smartphone, Notebook verbreiten, sei der Verbreitung dringend bedürftig. Neunzig oder mehr Prozent davon aber blieben früher ungesagt und ungeschrieben, ohne dass die Menschheit daran erstickt wäre. Zum Zweiten: Eine Kommunikation mit weniger als Lichtgeschwindigkeit sei nicht mehr zumutbar - alles ist wichtig und eilig, schließlich ist es mir gerade eingefallen! Und wenn ich in Unterzeismering einen Fluch ausstoße, möchte er doch bitte noch in derselben Sekunde auch in Australien vernehmbar sein.

Das Spielzeug ist faszinierend, die Grenze zur Spielsucht kaum scharf zu ziehen. Das legt die Frage nahe: Könnte es nicht sein, dass ein Stückchen der Besessenheit von diesem Zauberzeug bis in die Kreise derer aufgestiegen ist, die sich nun über die Allgegenwart der Geheimdienste entrüsten? Ja: Wenn Angela Merkel telefoniert, kann sie binnen einer Minute Informationen austauschen, auf die sie früher vielleicht eine Stunde hätte warten müssen oder einen halben Tag. Niemand bestreitet, dass dies manchmal dringend oder von Vorteil ist.

Einer liest immer mit

Nur lautet die Gegenfrage: wirklich immer? Nichts kann mal eine Stunde warten? Nimmt die Kanzlerin jemals die Güterabwägung vor, wie sich die Dringlichkeit der Mitteilung zum Risiko des Abgehörtwerdens verhält? Wie oft würde das Wohl der Deutschen, der Wirtschaft, des Euro gefährdet, wenn sie nicht binnen Minuten reagierte? Sollten wir sie vielleicht wissen lassen, dass wir es durchaus ertragen würden, mal zwei Stunden lang nicht von ihr regiert zu werden?

Die totale Verschlüsselung wird es nicht geben, auf sie zu warten uns nicht weiterbringen. Gewiss, da wird jetzt die Quantenkryptografie entwickelt; wer sich einschaltet, verändert zwangsläufig die Abfolge der Lichtzeichen und verrät dadurch: Einer liest mit. Bisher sind dafür Glasfaserkabel nötig, größere Entfernungen werden sich frühestens in fünf Jahren überbrücken lassen. Und noch immer hat der eine Sprung der Technik den nächsten provoziert. Über kurz oder lang wird die rasende Entwicklung der Computer alle Versuche überrennen, sie zu überlisten. Und selbstverständlich werden alle Geheimdienste auf der Lauer liegen, sich des jeweils jüngsten Fortschritts zu bemächtigen.

Was tun? In manchen Wirtschaftsunternehmen ist es längst üblich: Was vertraulich bleiben soll, wird keinem elektronischen Medium anvertraut. Dazu gelegentlich über die eigene Hörigkeit stutzen. Ließe sich dieses Computerwesen nicht zuweilen ignorieren, stundenweise? Mit einer anderen allgegenwärtigen Erfindung haben wir das auch geschafft: Mehr als acht Stunden täglich benutzen wir das Auto selten.

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