Unendliche Weiten, beinahe wörtlich. 18 Trillionen Planeten mit eigener Atmosphäre, Tieren, Pflanzen, Mineralien. Auch nur einen kleinen Teil des computergenerierten Universums von "No Man's Sky" - einem neuen Spiel für Playstation 4 und PC - zu sehen, ist eine Lebensaufgabe. Anstelle eines Spieletests reisen SZ-Autoren durchs Weltall - und protokollieren ihre Erfahrungen im Tagebuch.
Tag 3:
Matthias Huber: Jetzt will mich No Man's Sky also auch noch zum intergalaktischen Einbrecher machen! Die Tür einer Minifabrik, die ich auf dem Planeten Tolungamanji gefunden habe, ist nämlich fest verschlossen. Ungewöhnlich, gibt es doch im Umkreis mehrerer Millionen Kilometer weder Nachbarn noch Fabrikmitarbeiter, die heimlich unerlaubte Wochenendschichten schieben könnten. Andererseits: Hinter der Tür soll das Rezept warten, mit dem ich selbst Antimaterie herstellen kann. Das ist wahrscheinlich selbst in dieser eisigen Einöde (-41 Grad Celsius, sonst aber recht idyllisch) Grund genug, um Einbrecher anzulocken. Einbrecher wie mich.
Um die Tür aufzubrechen, rüste ich mein Multitool per Bolzenschneider-Laser zu einer Waffe um und ballere auf die Stahltür. Es dauert nicht lange, bis das Magazin leer ist - und mich drei wütende Wächterdrohnen umkreisen, die mich ihrerseits mit Laserstrahlen beschießen. Wie geht jetzt Nachladen? Umständlich drücke ich im Inventar herum, während ich weiter beschossen werde, und wehre mich dann. Lange dauert das Spiel so aber nicht: Spätestens der zur Verstärkung der Drohnen gerufene Kampfroboter macht mit mir kurzen Prozess. Wurde allerdings auch höchste Zeit, mich von der ersten Generation meiner Spielfigur zu verabschieden. Ein tiefsinniges Zitat von Steven Spielberg steht auf dem Bildschirm. Und dann: "Tod durch Laserstrahl". Das bezieht sich auf meine Figur, nicht auf Spielberg.
Beim zweiten Versuch finde ich heraus, dass das auch wesentlich einfacher geht: Die Viereck-Taste des Playstation-Controllers lädt das nächste Magazin nach, erst wenn der ganze Energievorrat - mehr als 400 Schuss - verbraucht ist, muss man sich durch das Inventar klicken. Hat man das einmal kapiert, macht der Kampf sogar Spaß: Der sorgfältige Einsatz von kurzen Jetpack-Boosts, gepaart mit kurzen Feuersalven - hier versteckt sich hinter der meditativen Oberfläche von No Man's Sky tatsächlich eine brauchbare Actionspiel-Mechanik. Die Wächterdrohnen haben jedenfalls gegen meine Overwatch-gestählten Daumen und Zeigefinger keine Chance.
Matthias Kistler: Ich bin erst zwei Tage später als meine Weltraumkollegen im Universum von No Man's Sky abgestürzt. Rötlich-braun und weiß und verdammt kalt ist der Planet, auf dem ich gestrandet bin. Außerdem stehen überall Nadelbäume herum. Taiga in Fehlfarben - warum nicht? Auch mir fällt auf, dass außerirdisches Klima nicht unbedingt gut für mich ist und versuche, meine Ausflüge weg vom kaputten Raumschiff nicht allzu lang ausfallen zu lassen. Bei minus 33 Grad Celsius am Tag und minus 75 in der Nacht macht schließlich auch der ausgeklügeltste Science-Fiction-Raumanzug irgendwann schlapp. Was für ein Glück, dass man hier überall Höhlen findet, in denen man sich wieder aufwärmen kann.
Recht gut meinen es die Elemente mit einem, wenn man bedenkt, dass Plutonium hier auf natürliche Weise als rote, an Salzkristalle erinnernde Gebilde vorkommt, die frei an der Planetenoberfläche aus dem Boden sprießen. Man baut es schnell ab und packt es in den Rucksack, ganz als wäre das Zeug nicht radioaktiv. Gut, dass No Man's Sky ein eigenes Periodensystem hat und Plutonium hier nicht dasselbe ist wie in der Realität.
M.H.: Wenige Minuten und einige Millionen Kilometer später - auf dem Weg zum nächsten Planeten - weisen ein paar Weltraumpiraten mein neu gewonnenes Selbstbewusstsein als intergalaktischer Revolverheld in die Schranken. Der anschließende Weg zu meinem Grabstein, um das durch meinen zweiten Bildschirmtod leergeräumte Inventar wieder aufzufüllen, gestaltet sich als schwierig. Der Navigationsmarker am oberen Bildschirmrand eignet sich kaum für den dreidimensionalen und ziemlich leeren Weltraum. So dauert es etwa zehn Minuten, bis ich mitten im Garnichts endlich mein eigenes Raumschiffwrack wiedergefunden habe.
Als dann schon wieder Weltraumpiraten auftauchen - ich habe auf dem letzten Planeten beachtliche Goldvorräte angehäuft - lande ich hektisch auf dem nächstgelegenen Himmelskörper, um sie abzuschütteln. Dort konzentriere ich mich erst einmal darauf, meinen Raumanzug-Rucksack zu vergrößern: In abgestürzten Rettungskapseln, die man finden kann, wenn man an den Radarstationen nach "Shelter" scannt, liegen meist Zusatztäschchen herum. Die erste ist gratis, die zweite kostet 10 000 Credits, die dritte 20 000, und so weiter. Immerhin kann ich jetzt mal etwas länger draußen bleiben, ohne eine Handelsstation suchen zu müssen. Aber wirklich nur etwas länger - denn allzu viel Abhilfe gegen das immer noch lächerlich mickrige Inventar verschaffen auch diese Rucksack-Anhängsel nicht.
Die Flitterwochen von No Man's Sky und mir nach der Drohnenkampf-Euphorie sind also schneller vergangen als erwartet. Es wird wohl Zeit, dass ich meinen Hang zum Komplettismus überwinde und mich auf die Suche nach Atlas mache, dem Gott-ähnlichen Wegweiser und Einflüsterer, der mich ins Zentrum der Galaxie geleiten soll. Aber wo fange ich damit an?