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Netzkritik:Das Silicon Valley hat die Werbung schon immer verachtet

Aber vielleicht ist das dann ohnehin unser geringstes Problem. Gerade auf diesem rudimentären, infrastrukturellen Niveau sehen die Versprechen des Silicon Valley einer glorreichen, werbefinanzierten Zukunft besonders fragwürdig aus. Kaminska warnt davor, dass eine "Verlangsamung im Fortschreiten der Globalisierung, im Welthandel und im Wirtschaftswachstum" schließlich die tatsächlichen Kosten der Dienste, die wir alle nutzen, enthüllen könnte. Und dann gibt es eine noch andere Gefahr: Die Kernschmelze der Werbung - einer Industrie, von der man sich, wie von Gott, Unfehlbarkeit erwartet.

Wenn man sich all das Auseinanderbröckeln um uns herum ansieht, ist es da vernünftig, anzunehmen, dass die Werbung auf immer und ewig der Goldesel bleiben wird, der gratis Internetzugänge nach Indien und Sri Lanka bringt, damit Millionen Menschen dort kostenlos im Netz suchen und E-Mails verschicken können? Wenn Software "die Welt auffrisst", wie das Wall Street Journal jüngst behauptete, dann beinhaltet diese Welt mit Sicherheit auch Autofirmen, Hotels, Banken und Zeitungen. Werden diese dann wirklich noch genug Geld für Werbung haben - die sie überdies auf eben den Plattformen schalten müssten, die sie bei lebendigem Leib auffressen?

Das gilt insbesondere, wenn sogar die technologieaffinsten Investoren-Lieblinge Geld verlieren - BuzzFeed hat jüngst verfehlte Renditenziele bekannt gegeben -, während Plattformen wie Facebook wachsen. Das Silicon Valley hat die Werbung schon immer verachtet. Sie ist zu plump, zu ineffizient, sie erinnert zu deutlich an die Verbindungen zwischen dem Technologiesektor und ganz vulgärem Kapitalismus. Sergey Brin und Larry Page haben schon früh einen akademischen Artikel darüber geschrieben, in dem sie den potenziellen Einfluss der Werbung auf ihre Suchmaschine brandmarkten. Mark Zuckerberg - der Zen-Liebhaber mit einem Schrank voller identischer, grauer T-Shirts - scheint auch kein allzu glühender Verfechter der Werbung zu sein.

Sie war vielleicht ein notwendiges Übel, damit das Schiff Fahrt aufnimmt, aber bald wird es keinen Grund mehr geben, die Werbung nicht doch über Bord zu werfen. Insbesondere, wenn die Konzerne es schaffen, dass sie in keinem Wettbewerb mehr stehen, weil die ganze Welt von ihren Plattformen abhängt - dann wird man doch wieder für alles bezahlen müssen.

Die Wohlfahrts-Attitüde der Daten-Konzerne wird nicht ewig währen

Für E-Mails, den Besuch von Websites, eines Tages sogar für's Atmen und Blinzeln. Die von der Financial Times vorgeschlagene Lösung, "die Mini-Planwirtschaften zu zerschlagen, die über Quersubventionen innerhalb unseres Systems Konglomerate errichten", ist angesichts der heutigen Politik nicht realistisch. Diese "Mini-Planwirtschaften" zentralisieren auch ganz nebenbei staatliche Überwachungsaufgaben. Und über die besagten, viel gescholtenen Quersubventionen - indem man ein Produkt durch die Profite eines anderen vergünstigt - erfüllen sie elementare Funktionen des Sozialstaats. Für den Staat sind sie ein beliebter Juniorpartner geworden, den man die Moonshot-Innovationsprojekte austüfteln lässt, die man selbst nicht finanzieren will. Der Nachteil ist - vom Zusammenbruch der Privatsphäre mal ganz zu schweigen -, dass sie so gut wie keine Steuern bezahlen. Ihre Vorliebe für Moonshot-Projekte lähmt die eigenen Bemühungen des Staats um technologische Innovationen. Nur leider wird die Wohlfahrts-Attitüde der Konzerne sicher nicht ewig währen. Tatsächlich ist es wahrscheinlicher, dass sie in eine hypermoderne Form des Feudalismus münden wird. In ihr wird man für die informationelle Infrastruktur bezahlen müssen, um Zugang zu irgendetwas zu erhalten, das einen Bildschirm oder einen Knopf hat. Es wird genauso unkompliziert sein, wie eine Fahrkarte für die U-Bahn zu kaufen.

Die Financial Times lehnt Gosplan 2.0 ab - angesichts ihrer Liebe für freie Märkte ist das kein Wunder. Es könnte aber noch ein anderes Gosplan 2.0 geben - eines, das all die Sensoren, Algorithmen, Datenbanken und Echtzeitkoordinationssysteme benutzt, um öffentliche Dienstleistungen außerhalb des Preissystems anzubieten.

Die vor uns liegende politische Aufgabe besteht deshalb darin, die Informationsressourcen im Sinne des größtmöglichen Allgemeinwohls zu nutzen, statt uns vom Silicon Valley in eine neue Form des Feudalismus führen zu lassen - denn angesichts derer würden die ungezügelten Privatisierungen der vergangenen Jahrzehnte aussehen wie der reinste Sozialismus.

Der Autor forscht an der Harvard University. Seine Bücher "The Net Delusion" und "Smarte neue Welt" sind Grundlagentexte der Internetkritik. Aus dem Englischen von Philipp Bovermann.

© SZ vom 02.05.2016
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