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Debattenkultur im Netz:Online-Kommentare: Wo sich der Hass der Menschen entlädt

Republican U.S. presidential candidate Trump addresses a crowd during a presidential forum in Aiken

Donald Trump, die "personifizierte Kommentarspalte".

(Foto: REUTERS)

Donald Trump und Internet-Kommentare haben vieles gemeinsam: Beide sind schrill, selbstgerecht und dummdreist.

Donald Trump, schrieb ein Twitter-Nutzer kürzlich, sei die Personifizierung einer Kommentarspalte. Laut, unbedacht, selbstgerecht, dummdreist, das sind Attribute, die hier wie da passend erscheinen. Hier wie da sind auch eine Menge Menschen betroffen. Während Trump pauschal gegen Muslime und Mexikaner hetzt, gaben laut dem Meinungsforschungsinstituts Pew Internet Research vierzig Prozent aller erwachsenen Nutzer an, schon mal in Kommentaren im Netz belästigt oder beleidigt worden zu sein. In der Altersgruppe von 18 bis 24 sind sogar mehr als siebzig Prozent betroffen.

Nun sprach sich ausgerechnet Google-Chef Eric Schmidt in der New York Times für Mäßigung in der Online-Konversation aus. Ein Mensch also, dessen Firma ihr Geld durch maximales Nutzerengagement verdient, bittet um mehr Rücksicht und Contenance. Es liege sowohl an den Regierungen als auch den großen Internetkonzernen, dafür zu sorgen, dass das Internet nicht zum Vehikel für die falschen Menschen und die falschen Stimmen verkomme. Deshalb sei es an der Zeit, Werkzeuge zur Deeskalation zu schaffen, so Schmidt. Vorstellbar sei eine Art von Rechtschreibkorrektur gegen Hass und Belästigungen.

Online-Medien machen die Kommentarspalten dicht

Bis es so weit ist schließen mehr und mehr große Nachrichtenangebote ihre Kommentarsektionen, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland. Zum einen, weil der Aufwand für die Moderation längst zu hoch geworden ist. Aber auch, um einem sich selbst verstärkenden Mechanismus der Ignoranz entgegenzuwirken: Studien haben gezeigt, dass allein der Grundton der Kommentare die Wahrnehmung des Nutzers gegenüber dem gelesenen Artikel negativ beeinflussen kann.

Die Autorin Sandra Newman bediente sich auf dem Debattenportal Aeon vergangene Woche anthropologischer Werkzeuge und verglich die Gesprächssitten im Netz mit jener ritualisierten Enthemmung, der die Menschheit schon seit Urzeiten frönt. Nur habe man sich früher eine heidnische Maske aufgesetzt, um das Über-Ich außer Kraft zu setzen - heutzutage logge man sich in ein Internet-Forum ein. Das ist umso verwunderlicher, als die Kommunikation im Netz ja keineswegs automatisch anonym vor sich geht. Wenn etwa via Facebook-Plug-In auf anderen Seiten kommentiert wird, versprühen die Menschen ihren Hass oft unter Klarnamen. Es scheint sie nicht weiter zu kümmern.

"Im Cyberspace erschaffen wir eine Zivilisation des Geistes", schrieb John Perry Barlow, der Gründer der Online-Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation in seiner "Unabhängigkeitserklärung" des Cyberspace. "Wir erschaffen eine Welt, die von jedermann betreten werden darf. Ohne Privilegien und ohne Vorurteile gegenüber Rasse, Besitz oder Herkunft." Der verbreitete Denkfehler besteht in der Annahme, dass ein vereinfachter Zugang zur Kommunikation automatisch zu einer besseren, netteren Konversation führen würde. Barlow schrieb sein Manifest 1996. Knapp zwanzig Jahre später ist diese Utopie wohl endgültig gescheitert.

© SZ vom 14.12.2015/sih

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