Mozilla-Geschäftsführer Mark Surman "Google bedroht das freie Netz, Facebook bedroht die Demokratie"

Mit Chrome dominiert Google den Browser-Markt. Mozillas Firefox ist einer der wenigen verbliebenen Konkurrenten.

(Foto: dpa/Bearbeitung SZ.de)

Mit dem Firefox-Browser will die Mozilla-Stiftung das Gegengewicht zu Chrome sein. Das werde aber immer schwieriger, sagt Geschäftsführer Mark Surman. Doch Nutzer könnten die Macht der großen Plattformen brechen.

Interview von Simon Hurtz

Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Christus. Das ganze Netz ist von Google besetzt ... Das ganze Netz? Nein! Ein von unbeugsamen Idealisten betriebener Browser hört nicht auf, Widerstand zu leisten.

Wenn Firefox das gallische Dorf unter den Browsern ist, kann man Mark Surman auch Asterix nennen. Der Geschäftsführer der gemeinnützigen Mozilla-Foundation setzt sich für ein freies Netz und Open-Source-Software ein. Eines der wichtigsten Mozilla-Projekte ist der Firefox-Browser. Weltweit dominiert Chrome mit einem Desktop-Marktanteil von knapp 70 Prozent und 60 Prozent auf Smartphones. Aber zumindest in Deutschland surft jeder vierte Desktop-Nutzer mit Firefox. Mozilla ist damit einer der wenigen verbliebenen Konkurrenten von Google.

"Konkurrenz?", fragt Surman beim Treffen in Berlin und lächelt etwas spöttisch. "Sagen wir es so: Wir versuchen es zumindest." Im Interview erklärt er, was Firefox von Chrome unterscheidet, warum Facebook eine Gefahr für den sozialen Frieden ist und wie Nutzer sich gegen die Macht der Tech-Giganten wehren können.

Mark Surman ist Geschäftsführer der Mozilla-Foundation.

(Foto: Joi Ito)

SZ: Microsoft hat eine neue Beta-Version seines Edge-Browsers vorgestellt. Auf den ersten Blick bleibt alles gleich, dabei gibt es einen Unterschied: Der Browser arbeitet jetzt mit derselben Technik wie Googles Chrome. Mozilla hat die Entscheidung heftig kritisiert. Warum glauben Sie, dass die Entscheidung von Microsoft gefährlich ist?

Mark Surman: Um diese Frage zu beantworten, muss ich zurück auf die Ursprünge des Webs blicken. Damals war es eine revolutionäre Idee, dass alle Menschen alles Mögliche online stellen können, und dass es in allen Browsern gleich aussieht. Jeder kann die Sprache des Netzes lernen, sie ist Open Source. Lange Zeit gab es mehrere Engines, die bestimmt haben, wie dieser Programmcode interpretiert wird und was wir online machen können. Aber Google ist immer einflussreicher geworden. Sie kontrollieren bereits große Teile des Netzes. Und jetzt hat Microsoft ihnen noch mehr Macht gegeben.

Aber es gibt doch auch noch Mozillas Firefox-Browser, der seine eigene Quantum-Engine nutzt.

Mozilla stemmt sich mit dem Firefox gegen Google, und Apple hat den Safari-Browser. Trotzdem ist Google extrem dominant. Sie können bestimmen, wie das Netz funktionieren soll, und es gibt niemanden, der ihre Entscheidungen hinterfragen kann. Google ist nicht böse, aber wenn ein einzelnes Unternehmen so viel Macht hat, ist das immer riskant. Sie kontrollieren fast die komplette Infrastruktur unserer Online-Leben. Mit dem Firefox versuchen wir, ein Gegengewicht zu bilden. Aber selbst mit 300 Millionen Nutzern ist es schwer, mit Google zu konkurrieren. Sie können mehr oder weniger machen, was sie wollen.

Microsofts Internet Explorer war früher noch weiter verbreitet als Chrome jetzt - und heute wissen Jugendliche nicht mal mehr, was der Internet Explorer ist. Wer sagt, dass Chrome nicht das gleiche Schicksal droht?

Chrome ist auf dem besten Weg, der Internet Explorer von vor 15 oder 20 Jahren zu werden. Aber es ist schwer vorstellbar, dass er einen vergleichbaren Niedergang erlebt. Es gibt einen großen Unterschied: Chrome ist tief in all die anderen Google-Dienste integriert. Als Chrome-Nutzer werden Sie eingesperrt. Google will nicht, dass Sie zu einem anderen Browser wechseln. Die sehen alles, was Milliarden Menschen online machen und sammeln derart viele Daten. Das ist gefährlich für den fairen Wettbewerb und für das Netz an sich.

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Okay, vielleicht wäre es gut für das viel beschworene freie Netz, wenn mehr Menschen Firefox nutzen würden. Aber Chrome ist schnell und sicher, ein solider Browser. Warum sollte ich wechseln?

Einerseits ist der neue Firefox genauso schnell und zuverlässig wie Chrome. Andererseits unterscheidet er sich fundamental von Googles Browser. Firefox respektiert und schützt Ihre Privatsphäre: Das ist möglich, weil hinter uns eine gemeinnützige Organisation steht und wir Ihre Daten nicht zu Geld machen. Deshalb können wir Sie zum Beispiel vor Tracking im Netz schützen. Das ärgert einige in der Branche. Aber für uns zählen die Nutzer und nicht die Aktionäre. Wir können Menschen besser vor Überwachung schützen, weil unsere wirtschaftlichen Interessen anders gelagert sind.

Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Wird Google seiner Verantwortung gerecht, oder missbraucht es seine Macht?

Das ist eine schwierige Frage. Aber letzten Endes ist die Antwort gar nicht so entscheidend. Google mag seine Macht nicht missbrauchen wollen, aber es gebraucht sie. Und sie sind so mächtig, dass bereits der Gebrauch dieser Macht missbräuchlich ist, unabhängig davon, was sie wollen. Nehmen Sie das AMP-Projekt. Mit dem Format laden Webseiten schneller, und man könnte das für eine gute Sache halten, weil das Netz leichter zugänglich wird. Man könnte aber auch sagen, dass Google versucht, das World Wide Web in ein Google Web zu verwandeln.