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Mail-Flut bei Microsoft:Wenn eine Antwort an 52 000 Mitarbeiter geht

Bill Gates Steps Down From Microsoft's Board

Vergangene Woche flutete eine E-Mail die Postfächer der Microsoft-Angestellten

(Foto: Jeenah Moon/AFP)
  • Eine E-Mail, die über Rabatte für US-Angestellte informierte, landete weltweit in den Posteingängen der Microsoft-Mitarbeiter.
  • Die Nachfrage, ob das Angebot international gelte löste per "Allen Antworten" eine E-Mail-Flut aus, die die Microsoft-Mitarbeiter auf Twitter öffentlich machten - inklusive guter Ratschläge.

Der kürzeste Artikel, den die New York Times in ihrer bald 150-jährigen Geschichte veröffentlicht hat, besteht aus zwei Buchstaben. Sie lauten: "No". Das Wort enthält eine der wichtigsten Internet-Regeln. Es beantwortet die Frage: "Wenn ich versehentlich auf einem E-Mail-Verteiler lande, soll ich dann 'Allen Antworten' klicken und darum bitten, entfernt zu werden?"

Was nach einer simplen Anweisung klingt, scheint äußerst komplex zu sein. "Noooooo", fluchte eine Microsoft-Entwicklerin am vergangenen Donnerstag auf Twitter. "Nicht allen antworten, ihr Volltrottel". Mit ihrer Verzweiflung war sie nicht allein: Dutzende Kollegen ließen die Twitter-Öffentlichkeit an dem Drama teilhaben und beteiligten sich mit wenig hilfreichen Ratschlägen: "Alles was ihr tun müsst: 1. Allen antworten: 'Antwortet nicht allen, ihr Idioten' 2. Allen antworten: 'Bitte nehmt mich von der Liste' 3. Von vorne anfangen".

Albtraum aller Manager

Es war zu spät, die Lawine ließ sich nicht mehr aufhalten. Microsofts Servers ächzten unter einer Allen-Antworten-Kette mit mehr als 52 000 Empfängern. Wie das Tech-Portal The Register berichtet, löste ein gut gemeintes Angebot das Chaos aus. Eine E-Mail, die über Rabatte für US-Angestellte informierte, landete weltweit in den Posteingängen der Microsoft-Mitarbeiter. Prompt folgte die Nachfrage, ob das Angebot international gelte - per "Allen Antworten".

Im Fünf-Sekunden-Tag habe Outlook geblinkt und gepiept, berichtet ein Microsoft-Entwickler. Der-riesige E-Mail-Verteiler wurde zum Albtraum aller Manager, die Wert auf Produktivität legen: Menschen begannen, Mems zu teilen und schickten Zehntausenden Kollegen Fotos ihrer Haustiere. Während sich auf der Welt ein Virus ausbreitet, wurde Microsoft von einer "Reply Allpocalypse" heimgesucht - und natürlich dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand meinte, den gesamten Verteiler auf diese Parallele aufmerksam machen zu müssen.

Langjährige Microsoft-Angestellte kennen diese Situation. 1997 entdeckte ein Mitarbeiter, dass seine Adresse auf einem Verteiler namens "Bedlam DL3" stand, den er nicht kannte. Er schrieb eine Rundmail und verlangte, von der Liste entfernt zu werden. Seine Nachricht alarmierte 25 000 Kollegen. Sie schlossen sich seiner Bitte an oder forderten den gesamten Verteiler auf, bloß nicht dem gesamten Verteiler zu antworten. Innerhalb einer Stunde wurden mehr als 15 Millionen E-Mails und Lesebestätigungen verschickt. Der Server brach zusammen, und es dauerte Tage, bis das System wieder funktionierte.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden Dutzende Unternehmen und Behörden von solchen digitalen Tsunamis lahmgelegt, darunter das US-Ministerium für Innere Sicherheit, der deutsche Bundestag und die New York Times - was zu jenem passiv-aggressiven Ein-Wort-Artikel führte, der bei Microsoft offenbar unbekannt ist. Dabei sollte die mahnende Erinnerung noch lebendig sein: Anfang 2019 wiederholte sich der Bedlam-Vorfall, diesmal mit mehr als 11 000 Empfängern. Danach kündigte Microsoft eine Funktion an, um ein drittes Bedlam für alle Microsoft-Kunden zu verhindern. Sie soll im Herbst 2020 eingeführt werden - zumindest für Microsoft selbst kam das zu spät.

© SZ.de/mri/mxm
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