Süddeutsche Zeitung

Usound:Wie ein Start-up den Lautsprecher neu erfinden will

Das österreichische Start-up Usound will die Technik von Lautsprechern für Handys revolutionieren - mit Silizium. Das hat bisher noch keiner geschafft.

Smartphones sind so leistungsfähig und klein, weil alles in ihrem Inneren digital funktioniert. Alles? Nicht ganz. Lautsprecher arbeiten noch immer analog, sie brauchen verhältnismäßig viel Platz und klingen nicht gut. Doch nun kommt ein österreichisches Start-up und will das ändern. Es könnte die wichtigste Weiterentwicklung der Lautsprecher-Technik seit Jahrzehnten werden.

Das Schlüsselwort dazu lautet MEMS, Mikrosystemtechnik. Smartphone-Besitzer nutzen sie längst, wenn auch meist unbewusst: Sie drehen ihr Gerät von der vertikalen in die horizontale Position und automatisch wechselt die Anzeige ins Querformat. Eingebaute Lagesensoren, die in Massenproduktion aus Silizium hergestellt werden, erkennen schnell, zuverlässig und energieschonend, wie das Handy gehalten wird. Die dafür eingesetzten Bauteile sind winzig. Auf derselben Technik basieren auch die Mikrofone, die mittlerweile in nahezu allen Smartphones stecken. Trotz ihrer geringen Größe liefern sie eine verblüffend gute Qualität.

Als erstes Produkt sollen In-Ear-Kopfhörer auf den Markt kommen

Was es bisher noch nicht zu kaufen gibt, sind Lautsprecher, die ebenfalls auf Basis von Silizium massenhaft produziert werden können. Jahrzehntelang haben viele Firmen daran geforscht. Und nun kommt das österreichische Start-up Usound mit einer interessanten Lösung. Usound hat, basierend auf exklusiv erworbenen Forschungen des Fraunhofer Institutes für Siliziumtechnologie (ISIT) in Itzehoe, eine Technologie entworfen, die überall da erfolgreich werden könnte, wo es auf geringe Größe und niedrigen Energieverbrauch ankommt.

Die Technologie der Grazer Firma funktioniert so: Auf einen Silizium-Träger wird eine Piezo-Schicht aufgebracht. Piezo-Material zeichnet sich dadurch aus, dass es elektrische Energie in Bewegung umsetzt. Legt man also eine Wechselspannung an, beginnt die Piezo-Schicht zu schwingen - und erzeugt durch die Bewegung Schall.

Besonders klare Höhen

Das Besondere daran: "Der Motor wird von der akustischen Membran entkoppelt", erklärt Usound-Geschäftsführer Ferruccio Bottoni. Bei klassischen Lautsprechern ist eine Spule mit der Lautsprecher-Membran verbunden. Um sie herum befindet sich ein Magnet, in dessen Feld sich die Spule befindet. Wird an die Spule eine Spannung gelegt, ändert sich die Stärke des Feldes und die Membran bewegt sich. Anders bei dem Piezo-Lautsprecher. Nur die Piezo-Schicht bewegt sich. Ein Hohlraum wie bei anderen Lautsprecher-Technologien ist hier nicht nötig. Das spart Platz, Gewicht und Energie, außerdem werden die Klangerzeuger nicht heiß.

Erstes Produkt von Usound soll ein In-Ear-Kopfhörer sein, die Klangerzeuger darin sind nur fünf mal sieben mal drei Millimeter klein. Auf den Markt kommen werden die neuartigen Ohrenstöpsel Ende des Jahres oder Anfang 2017, sagt Aufsichtsrat und Gesellschafter Herbert Gartner. Bis dahin, verspricht er, wird seine Firma auch ein Problem gelöst haben, das bei den Prototypen noch besteht: Sie produzieren zwar besonders klare Höhen, liefern aber im Bassbereich noch zu wenig Power. CEO Bottoni ist aber nicht nur sicher, dass das zu schaffen ist, sondern prophezeit auch, dass Basstöne unter weniger Verzerrungen leiden würden als bei anderen Lautsprecher-Systemen.

Ebenfalls in der Pipeline sind Lautsprecher für Mobilgeräte wie Smartphones und Tablets. Vor allem der Smartphone-Markt mit seinen Millionen-Stückzahlen ist für das Start-up natürlich besonders attraktiv. Das gilt umgekehrt aber auch für die Handy-Hersteller, denn die neuartigen Lautsprecher werden kaum warm, sind klein, leicht und brauchen keinen Hohlraum - genau das, wonach die Hersteller suchen. Ein weiteres Anwendungsgebiet sind tragbare elektronische Geräte wie Uhren oder Fitness-Armbänder.

Ziel von Usound ist es, die letzte analoge Bastion in elektronischen Geräten zu schleifen und zu digitalisieren. Sie wollen, sagt Gartner, nicht als Lizenzgeber fungieren, sondern die Chips selbst produzieren und "ein wichtiger Player werden, am besten Marktführer." Zunächst sollen die bereits weit entwickelten Projekte marktreif gemacht werden, die Lieferkette muss stehen. "Wir wollen erst einmal umsetzen, was wir in der Pipeline haben", sagt Gartner. Später könnten dann auch andere Märkte wie etwa der für Hörgeräte avisiert werden - gerade dafür würde sich die Technik besonders gut eignen.

Investor Herbert Gartner und die Unternehmensgründer sind keine Neulinge in Sachen Mikrosytemtechnik. Sie alle haben bereits entsprechende Firmen gegründet und hatten für ihr neues Projekt gezielt nach einer Möglichkeit gesucht, wo man die Miniaturbauteile noch einsetzen könnte.

Dass es bei Lautsprechern seit Jahrzehnten keinem gelungen ist, einen Durchbruch zu erzielen, schreckte sie dabei nicht ab. Solche Investitionslücken entstünden, weil viele Firmen nicht den langen Atem hätten um viel Geld in die Technologie zu stecken, sagt Gartner, "wir riskieren alles und gehen da rein." Entsprechend froh sei man gewesen, "als das Ding zum ersten Mal Pieps gemacht hat".

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SZ vom 29.06.2016
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