Künstliche Intelligenz Wenn das Idioten-freie Unternehmen kommt, sind viele Jobs bedroht

Das Panel zur künstlichen Intelligenz auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel: Markus Gabriel, Yvonne Hofstetter, Vishal Sikka, Hans-Christian Boos (v. l.)

(Foto: Johannes Simon)

Nehmen Algorithmen den Menschen alles Unangenehme ab, wird es vielleicht unangenehm, wie auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel diskutiert wird.

Von Jannis Brühl, Berlin

Am Ende soll das "Arschloch-freie Unternehmen" stehen. Diese Art von Kollegen überflüssig zu machen, so geht die Legende, ist die wahre Mission von Chris Boos' Unternehmen: Arago automatisiert mit Hilfe künstlicher Intelligenz IT-Abläufe, um die sich sonst Menschen kümmern müssten. Aber dass ein Plakat, das das Motto mit der arschlochfreien Zone ausgibt, tatsächlich in der Firmenzentrale in Frankfurt hängt, bestätigt der Chef Boos auf der Bühne des SZ-Wirtschaftsgipfels. Dass er das überhaupt gefragt wird, amüsiert ihn sichtlich.

Die folgende Debatte ist ernst: Intelligente Algorithmen sollen den Menschen das Unangenehme abnehmen. Aber was, wenn die Algorithmen selbst unangenehm werden?

KI wird in immer mehr Bereichen eingesetzt, und sie macht vielen Angst. Weil sie den Menschen zum "Datenhaufen" degradiere, der nur noch zur Auswertung da sei und kein eigenständiges Subjekt mehr. Denn eben jene Datenhaufen, die den Algorithmen als "Lehrmaterial" dienen, anhand derer sie Muster und Zusammenhänge lernen, sind eben auch die Grundbausteine eines Überwachungsstaates. Das sagt Yvonne Hofstetter, die zwei Stühle neben Boos sitzt. Wenige warnen so vehement vor den gesellschaftlichen Kosten von Algorithmen wie die Chefin des Big-Data-Unternehmens Teramark. Wie Maschinen Industriearbeiter ersetzten, werde künstliche Intelligenz nun einfache geistige und Verwaltungsarbeiten übernehmen. Nun müsse die Gesellschaft diskutieren, was mit den Menschen passiert, die derzeit diese Jobs machen. "Wie kriegen wir sie satt? Wie kriegen wir deren Kühlschränke voll?", fragt Hofstetter.

Gut oder Böse? Die Debatte über künstliche Intelligenz verrät viel über die Menschen

Die Gruppe auf dem Podium bildet die Komplexität der Debatte ab: Neben der Mahnerin Hofstetter sitzen zwei Praktiker aus der IT-Wirtschaft: Neben Boos ist das Vishal Sikka, der den IT-Konzern Infosys leitet. Beide erklären nüchtern, was die Technik derzeit kann: Zum einen menschenähnlich erscheinende Dinge wie das Erlernen von Sinnesfähigkeiten durch Algorithmen, etwa maschinelles Hören und Sehen, wie es in selbstfahrenden Autos eingesetzt wird. Anderes klingt völlig profan, wenn Boos es formuliert: Künstliche Intelligenz übernehme die "Abarbeitung von Prozessen". Ängste vor politischer Einflussnahme, etwa durch Meinungsbots, wie sie in Donald Trumps Wahlkampf massenweise eingesetzt wurden, hält Boos für einen Witz: "Über diese Wahlbots lacht jeder, der Künstliche Intelligenz macht. Das sind ja ganz primitive Konstrukte."

Der vierte Podiumsgast hat die Draufsicht: Markus Gabriel. Der Philosophieprofessor von der Universität Bonn ordnet die Debatte als Geisteswissenschaftler ein. Dazu gehört die Absage an naive Science-Fiction-Vorstellungen: "Starke Künstliche Intelligenz" - also jene Form, die tatsächlich denken kann wie ein Mensch, werde es nicht geben, sagt Gabriel. "Das ist seit den Achtzigern zwischen Forschern und Philosophen geklärt." Also kein Terminator, keine Menschen aus Silizium. Warum reden dann alle davon?

"Jetzt kommt eine neue ideologische Welle, die uns die starke künstliche Intelligenz wieder als Möglichkeit verkaufen will." Gabriel meint wohl den Kreislauf der Aufmerksamkeit: Start-ups, besonders aus dem Silicon Valley, preisen ihre Technik in übertrieben hohen Tönen, unkritische Tech-Journalisten verursachen weiteren Auftrieb - und kritische Autoren wie Hofstetter beschreiben sie als Gefahr.

Wie steht der Computer zum Brexit? Und wer will das wissen?

Das kann den Blick auf die tatsächlichen Entwicklungen aber verstellen. Eine der wichtigsten ist, dass Google und Facebook viel Geld investieren, die besten Forscher zu künstlicher Intelligenz von Universitäten und kleineren Unternehmen abwerben und so ihre Macht zementieren. Auf dem Podium ist Hofstetters Argument der Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung und künstliche Intelligenz die überzeugendste Kritik. Auch die beiden IT-Unternehmer schaffen es nicht, die zu entkräften.

Philosoph Gabriel findet an der Debatte wichtig, was sie über uns selbst erzählt: "Sie sehen nur zwei Meinungen zur künstlichen Intelligenz: Sie wird entweder verteufelt oder zum Göttlichen erklärt. Es geht einfach um Gut gegen Böse." Er mahnt, künstliche Intelligenz nicht zu sehr zu vermenschlichen. Es gebe zwar immer bessere Schachcomputer, aber: "Es gibt keinen, der Schach spielt, dann italienisch kocht, sich überlegt, welcher Rotwein dazu passt und danach Stellung zum Brexit bezieht."

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