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Pop-Musik:Wenn künstliche Intelligenz zum Hit-Komponisten wird

Aus für ehemaligen Musikboxen-Hersteller Wurlitzer

Software kann mittlerweile ganz passable Musik komponieren. Noch ist das Publikum nicht vollends überzeugt, doch für Musiker könnten die Maschinen bald veritable Konkurrenz werden.

(Foto: dpa)

Für menschliche Musiker könnten die Maschinen auf Streaming-Portalen bald zu echter Konkurrenz werden. Auch das Urheberrecht könnte noch komplizierter werden.

Von Michael Moorstedt

Wenn das Jahr 2020 eine große Frage hinterlassen wird, dann die danach, was echt ist und was nicht. Der Fake-News-Vorwurf sitzt allenthalben locker wie nie. Verschwörungstheoretiker zweifeln selbst jene Wahrheiten an, auf die man sich schon vor Jahrhunderten geeinigt hatte, und ohnehin kann man nicht mehr sicher sein, ob das, was man im Netz zu sehen bekommt, auch tatsächlich passiert ist oder von KI-Programmen gefälscht wurde. Bislang galt dieser Verdacht hauptsächlich Fotos und Videos. Aber auch in die Welt der Musik, dringt die künstliche Intelligenz immer mehr ein. Man ist sich noch nicht ganz sicher: Ist sie Konkurrenz oder Kollaborateur?

Das Forschungsinstitut OpenAI experimentiert etwa schon seit einer Weile mit einem Programm namens Jukebox. Das generiert selbständig neue Songs im Stil von Pop-Stars, komplett mit Melodien und Versen. Ella Fitzgerald, Bob Marley oder Elvis Presley sind nur ein paar der Größen, mit deren Liedern die Forscher ihre Software trainiert haben.

Klingt gut? Manche finden: eher dämonisch

Aus Sicht des Informatikers ist das sicherlich ein eindrucksvolles Unterfangen. Das Publikum steht dem KI-Projekt durchaus kritischer gegenüber. "Schreie der Verdammten" kommentierte etwa ein Nutzer unter die Hörproben, "klingt dämonisch" ein weiterer, der Guardian spricht dagegen von "traurigen Geistern, verloren in der Maschine". Wenn der computergenerierte Frank Sinatra über Weihnachtsspaß im Whirlpool singt, ist für viele die Grenze zum Sakrileg weit überschritten.

Doch warum so viel Empörung? Wacht da jemand allzu eifersüchtig über dem Andenken der einstigen Idole? Aber macht nicht die kontinuierliche Reproduktion und Umwidmung und Neuinterpretation die Popmusik überhaupt erst aus? Einfacher gefragt: Wo ist der Unterschied zum Remix und zum Sampling, gibt es nicht auch clevere Kopien, die das Original durchaus auch anreichern?

Am Ende geht es auch hier, worum wohl, ums Geld

OpenAI ist aber nicht alleine. Schon heute benutzen Start-ups KI-Programme, um gefällige Jingles am Fließband zu produzieren. Derweil rief ein niederländischer Radiosender den "AI Song Contest" ins Leben. Die teilnehmenden Forschergruppen - oder besser ihre Software - produzierten stampfende Beats und Synthie-Klänge. Hört man mal nur eben so rein, lässt sich kaum ein Unterschied zum Material feststellen, das beim Vorbild Eurovision Grand Prix so rumdudelt. Auch Beliebigkeit kann schließlich ein Qualitätsmerkmal sein.

Das führt dann aber wiederum direkt zu handfesteren Bedenken. Es geht, wie sollte es anders sein, um Geld. Wäre es nicht denkbar, so die Kritiker, dass Streamingportale schon bald KI-Songs abspielen und sich so die Tantiemen an die menschlichen Künstler sparen? Auch Spotify unterhält nebenbei bemerkt ein eigenes Forschungsprogramm für künstliche Intelligenz. Und was ist mit Plagiatsvorwürfen, wenn zwar nicht die echten Stimmen und Melodien verwendet werden, aber nahezu perfekte Kopien? So oder so lässt sich wohl feststellen: Wer glaubt, schon heute hätte digitale Technik Urheberrechtsfragen bis zum Gehtnichtmehr verkompliziert, wird sich noch wundern.

Zum Glück gibt es auch eine optimistische Deutung des KI-Pop. Wenn man Millionen von Songs in ein Computerprogramm einspeist, könnte man es dann doch auch nach dem einen Muster, dem einen Hook, dem einen Refrain suchen lassen, der in der Menschheits-Diskografie noch fehlt. Und daraus etwas neues, bislang Unerhörtes produzieren.

© SZ vom 16.11.2020
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