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Militär:Was heute den Unterschied macht

Was heute den Unterschied macht, ist die exponentiell gewachsene Rechenleistung. Sie ermöglicht es, bisher unvorstellbare Datenmengen zu verarbeiten - und damit Algorithmen zu füttern, die nicht nur eine analytische Auswertung liefern, sondern aus den Daten lernen. Zudem ist die Verfügbarkeit von Daten so groß wie nie, was schon mit der Menge an Informationen beginnt, die Menschen heute im Internet preisgeben. Bessere Daten und Rechenleistung ermöglichen bessere Prognosen und damit bessere Entscheidungen. Künstliche Intelligenz könnte theoretisch politische oder militärische Handlungsempfehlungen liefern - oder sogar solche Entscheidungen eigenständig übernehmen. An diese Vorstellung knüpfen Dystopien wie die der "Terminator"-Filme an.

Die Verfügbarkeit neuer Technologien allein garantiert aber noch keine militärische Übermacht. Entscheidend ist, wie gut sich eine Armee anpassen kann, wie gut sie die Technologie integriert in ihre Strategie, ihre Taktik, ihre Ausbildung. Großbritannien erfand den Flugzeugträger, allerdings setzte die Königliche Marine nach dem Ersten Weltkrieg weiter auf Schlachtschiffe. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die Briten ihren Vorsprung auf Japan und die USA verloren. Diese sind heute die einzige Macht, die eine Flotte von Trägerverbänden betreibt, maßgeblich für die Fähigkeit, weltweit militärische Macht projizieren zu können.

Bei der künstlichen Intelligenz sind weder Rüstungskonzerne noch militärische Forschungslabore die Innovationstreiber. Sondern Privatfirmen, die kommerzielle Nutzungen entwickeln. Ihr Verhältnis zum Militär ist unterschiedlich: Manche Konzerne und viele Forscher in den USA haben sich Selbstbeschränkungen unterworfen, sich nicht an der Entwicklung der militärischen Nutzung künstlicher Intelligenz zu beteiligen. Andere arbeiten mit dem Pentagon zusammen. Chinesischen Firmen hat Peking hingegen die "militärisch-zivile Fusion" verordnet, die Technologien hervorbringen soll, über die kein anderes Land verfügt. In Russland ist die zivile IT-Industrie kleiner, wichtigster Akteur bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz ist dort die zumeist staatliche Rüstungsindustrie.

Tech-Pioniere warnen vor dem Horrorszenario des automatisch ausgelösten Dritten Weltkriegs

Die drei Staaten unterscheiden sich auch in ihrer Ambition: China verfolgt den radikalsten Ansatz und zielt darauf, eine neue Generation künstlicher Intelligenz zu entwickeln als "starke Unterstützung für Befehls- und Entscheidungsfindung, militärische Ableitungen, Rüstungsgüter und andere Anwendungen". Damit strebt China in Teilen nach generalisierter oder starker künstlicher Intelligenz, die Aufgaben erfüllen könnte, die bisher nur Menschen zu leisten vermögen - etwa die komplexe Lage auf einem Schlachtfeld einzuschätzen und daraus Befehle abzuleiten. Supercomputer, die von der Zahl der ausgeführten Operationen dem menschlichen Gehirn überlegen sind, besitzt China bereits. Das Problem ist die Komplexität der Software, der Algorithmen.

Die USA verfolgen einen zurückhaltenderen, pragmatischen Ansatz, der davon ausgeht, dass die Entwicklung menschengleicher Maschinenintelligenz Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Sie setzen auf spezialisierte oder schwache/enge künstliche Intelligenz, die auf konkrete Anwendungsprobleme zugeschnitten ist. Derartige Algorithmen können sich selbst optimieren, aber nur für für begrenzte Bereiche Handlungsempfehlungen auf Basis einer Wissensdatenbank ableiten.

In diesem Feld könnten sich fortschrittliche Mittelmächte wie Kanada, Australien, Frankreich, Israel, Südkorea und selbst kleine Staaten wie Singapur herausragende militärische Fähigkeiten verschaffen - womöglich aber auch Länder wie Iran.

Russland will mit künstlicher Intelligenz einfach bessere Waffen bauen

Einen dritten Weg geht derzeit noch Russland. Moskau strebt weniger an, mit künstlicher Intelligenz die Geschwindigkeit und Qualität der Entscheidungen der militärischen Führung zu verbessern. Es will einfach bessere Waffen bauen. Beispiele sind selbststeuernde Raketen, die Luftabwehrsysteme wirkungslos machen sollen oder die Unterwasserdrohne Poseidon, die Atomsprengköpfe unbemerkt an die US-Küsten tragen können soll.

Weil sich der militärische Wert neuer Entwicklungen bei der künstlichen Intelligenz kaum abschätzen lässt, aber alle Akteure auf den entscheidenden Technologiesprung hoffen, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich auf Beschränkungen der militärischen Nutzung einlassen, nicht einmal bei eng umgrenzten Feldern wie autonomen Waffensystemen. Zugleich könnten Transparenz und Offenheit bei Forschung und Entwicklung dabei helfen, das Horrorszenario zu verhindern, vor dem Tech-Pionier Elon Musk warnt: dass künstliche Intelligenz einen Dritten Weltkrieg auslöst.

An Musks eigenem Produkt zeigt sich, warum manche Experten die Debatte für einen Hype halten, die wenig gemein hat mit der Realität auf dem Schlachtfeld: Der chinesische Tech-Konzern Tencent verleitet mit drei Aufklebern auf der Straße einen autonom fahrenden Tesla Model S, in den Gegenverkehr zu fahren. Ein verstecktes Muster in einem Fernsehbild gaukelte Sensoren vor, dass es regne - die Scheibenwischer wischten. Fehler, die der menschliche Tesla-Fahrer problemlos korrigieren kann - die bei einem militärischen System aber große Probleme darstellen. Die Technik-Schmiede des Pentagon, die Defense Advanced Research Projects Agency, arbeitet bereits daran, Algorithmen robust zu machen gegen solche Täuschungen. Doch bleibt dabei ein Dilemma: Dass sich künstliche Intelligenzen letztlich immer wieder gegenseitig überlisten, ist nie ganz auszuschließen.

© SZ vom 13.02.2020/hij

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