Krankheiten durch Technik Der Nintendo-Nacken und das Wii-Knie

Asthma durch Facebook und steifes Handgelenk durch Atari: Bringen neue technische Spielzeuge auch neue und gefährliche Leiden mit sich? Eine Suche nach den Hintergründen verrückter Krankheitsfälle.

Von Berit Uhlmann

Ob die junge Italienerin tatsächlich atemberaubend schön war, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall raubte ihr Foto im sozialen Netzwerk Facebook einem 18-jährigen Bewunderer buchstäblich den Atem. Ein medizinischer Zwischenfall, der jedoch die Liste sogenannter Technik-assoziierter Symptome, man könnte auch sagen Absurditäten der modernen Welt, um einen neuen Eintrag wachsen: Facebook-induziertes Asthma.

Soziale Netzwerke

Die Galerie der Facebook-Typen

Der neapolitanische Arzt Gennaro D'Amato beschrieb den Fall im Fachblatt Lancet: Der junge Asthmatiker lebte verhältnismäßig gut mit seiner Krankheit, bis er von seiner Freundin verlassen und aus deren Facebook-Freundeliste gestrichen wurde. Unter falschem Namen erschlich er sich neuen Zugang zu ihrem Facebook-Profil.

Doch das virtuelle Versteckspiel bekam ihm schlecht. Immer wenn er das Foto der Ex-Freundin sah, bekam er einen Asthma-Anfall. Der Arzt verordnete Abstinenz vom Netzwerk und das Symptom verschwand. Die Geschichte aber lebt im Internet weiter: Google zählte in den Tagen nach Erscheinen des Lancet-Artikels mehr als 40.000 verschiedene Erwähnungen des Facebook-Asthmas.

Seit Jahrzehnten sind ähnlich seltsame Fallberichte im Umlauf; es geht um Gameboy-Nacken, Mobilfunk-Daumen und "Wiiitis", also chronische Leiden infolge Intensiver Technik-Nutzung. Handelt es sich dabei um Wandersagen? Ernsthafte Warnungen? Technikkritik? Immerhin: Die meisten der kolportierten Symptome entsprangen renommierten medizinischen Fachzeitschriften.

Urvater aller Technikgeschädigten ist vermutlich jener Student, der 1981 auf seiner Atari-Spielkonsole einen Monat lang "ziemlich regelmäßig" Außerirdische abschoss, bis sein Handgelenk schmerzte, sich versteifte und schließlich - nach dem Atari-Spiel benannt - als "Space Invaders Handgelenk" Erwähnung im angesehenen Fachblatt New England Journal of Medicine fand.

Weihnachten 1990 feierte eine 35-jährige US-Amerikanerin fünf Stunden lang den Neuerwerb einer Nintendo-Spielekonsole. Als ein Arzt anschließend ihren schmerzenden Daumen zu sehen bekam, war die "Nintendinitis" geboren. Die Zusammensetzung aus dem japanischen Markennamen Nintendo und Tendinitis, dem medizinischen Fachbegriff für Sehnenentzündung, schaffte es ebenfalls ins New England Journal of Medicine - und von da aus in Dutzende von Folgeartikeln.

In ihnen bekam die "Nintendinitis" Varianten und Unterformen, wie die "Eitrige Nintendinitis", die in Australien beschrieben wurde, nachdem eine Neunjährige zwei Stunden lang bei "Mario Party" derart heftig am Joystick gerütteltet hatte, dass sie eine entzündete Wunde im Handteller davontrug. Pädiater stellten die "Nintendo Enuresis" fest. Damit wird die Beobachtung wiedergegeben, dass kleinere Kinder so sehr in elektronische Spiele versinken können, dass sie vergessen, rechtzeitig die Toilette aufzusuchen.

Nicht auszuschließen, dass diese Vorkommnisse die Verbreitung des tragbaren Gameboys vorantrieben, den Nintendo 1989 auf den Markt brachte. Beschwerdefrei blieben allerdings auch seine Nutzer nicht. Das Canadian Medical Association Journal beschrieb 1991 als Folge eines missglückten Weihnachtsgeschenkes den schmerzenden "Nintendo-Nacken".

Als die japanische Firma 2006 die mit Bewegungssensoren ausgestattete Spielkonsole Wii herausbrachte, dauerte es nicht einmal ein Jahr, bis ein spanischer Arzt im New England Journal of Medicine die "Akute Wiiitis" beschrieb. Die schrille Bezeichnung galt den Schulterschmerzen eines 29-Jährigen, der stundenlang virtuelles Tennis gespielt hatte.