bedeckt München
vgwortpixel

Geheimdienst-Überwachung:Die CIA lauscht an jeder Schwachstelle

thema110317

Die Angst ist groß, dass Geheimdienste die Bürger bald bis in jedes Zimmer verfolgen können.

  • Von Wikileaks enthüllte CIA-Dokumente zeigen, dass der US-Geheimdienst wohl Cyberwaffen entwickelt, die Nachrichten vor der Verschlüsselung abfischen.
  • Zwischen Unternehmen und Geheimdiensten ist längst ein Rüstungswettlauf entstanden: Immer bessere Verschlüsselung gegen bessere Abhörmethoden.
  • Den Schaden tragen die Bürger, die sich gegen die Überwachung nicht wehren können - es sei denn, sie können die geleakten Papiere lesen.

Im November 2015, wenige Tage nach der Terrorwelle in Paris, beklagte der damalige CIA-Chef John Brennan den großen Missstand, der den Terror angeblich erst ermöglicht hat. "Die Terroristen haben gelernt, was sie tun müssen, um ihre Aktivitäten vor dem Staat zu verheimlichen", sagte Brennan, der den US-Auslandsgeheimdienst leitete. "Es gibt jetzt viele technische Mittel, die es den Geheimdiensten außerordentlich schwer machen, sich Einblick zu verschaffen."

Die Toten waren noch nicht beerdigt, die Ermittlungen noch ganz am Anfang, aber Brennan schien schon zu wissen, dass verschlüsselte Kommunikation es den Tätern erlaubt hatte, das Blutbad unbemerkt vorzubereiten. In Europa und den USA müsse man sich jetzt fragen, sagte Brennan, ob es "Lücken" gebe in jenem Instrumentarium, mit dem Geheimdienste Extremisten beobachten.

Doch Brennan übertrieb. Geheime Dokumente der CIA legen jetzt nahe, dass der US-Geheimdienst damals gar nicht so hilflos war. Tausende Seiten vertraulicher Papiere sind in dieser Woche von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht worden. Sie scheinen zu belegen, dass die CIA eine eigene Hackertruppe beschäftigt, die es auf Handys, verschlüsselte Messenger-Apps, das Microsoft-Betriebssystem Windows und sogar auf Smart-Fernseher abgesehen hat.

Rüstungswettlauf zwischen Unternehmen und Geheimdiensten

Anwendungen für Mobiltelefone wie Signal oder Whatsapp verschlüsseln Nachrichten, damit sie auf dem Weg vom Sender zum Empfänger nicht für Fremde zu lesen sind. Die CIA aber ist offenbar unter bestimmten Umständen in der Lage, diese Nachrichten mitzulesen, noch während der Text eingetippt wird, also bevor er überhaupt verschlüsselt wird.

Die neuen CIA-Papiere zeigen, dass ein Rüstungswettlauf entstanden ist - auf der einen Seite die Unternehmen, die sichere Kommunikation anbieten möchten, auf der anderen Seite manche Regierungen, die um jeden Preis diese Kommunikation überwachen wollen und sich dafür ein Arsenal an Cyberwaffen zulegen. In den USA liegt die Besonderheit darin, dass sich die Technikkonzerne aus dem Silicon Valley in einem Wettrüsten mit ihrer eigenen Regierung befinden.

Nutzer müssen damit rechnen, dass der Staat zum Mitwisser wird

Die alten Zeiten, in denen Telekomfirmen eng mit den Geheimdiensten ihrer eigenen Länder kooperierten, sind vorbei. Heute versprechen US-Produkte wie Whatsapp (das zu Facebook gehört) oder der iPhone-Hersteller Apple einen gut geschützten Austausch von Nachrichten, während Geheimdienste wie die CIA mit enormem Aufwand versuchen, am vertraulichen Austausch trotzdem teilzuhaben. Kaum wurden in dieser Woche die Sicherheitslücken bekannt, welche die CIA ausgenutzt hatte, erklärte Apple, diese Lücken "rasch" schließen zu wollen. Die CIA dürfte derweil schon auf der Suche nach den nächsten Lücken sein.

Ausgetragen wird dieser Kampf zu Lasten der Verbraucher. Sie betreiben einen wachsenden, auch finanziellen Aufwand, um ihre Kommunikation zu schützen - müssen am Ende aber damit rechnen, dass der Staat zum Mitwisser wird, wenn er es will. Die Digitalisierung und ihre großartigen Möglichkeiten sind dadurch kompromittiert, und der Staat steht unter dem Verdacht, stets mit zwei Gesichtern aufzutreten: einerseits als fürsorglicher Aufklärer, der seine Bürger und Firmen dazu ermutigt, ihre Kommunikation vor Kriminellen, Konkurrenten oder ausländischen Spionen zu schützen. Andererseits als einer, der mit Viren hantiert und im Internet Schwachstellen schafft, um selbst zugreifen zu können. Zu leiden hat unter diesem Rüstungswettlauf auch die Polizei, selbst bei richterlich genehmigten Überwachungen stößt sie zunehmend auf verschlüsselte Kommunikation.

Zur SZ-Startseite