Gamescom "Du musst niemanden töten, um zu gewinnen"

Hunderte Millionen Menschen spielen "Fortnite" oder "PlayerUnknown's Battlegrounds". Im Interview erklärt Genre-Erfinder Brendan Greene, warum sich Battle-Royal-Shooter auch für Pazifisten eignen.

Interview von Caspar von Au

In Kinderzimmern, auf Pausenhöfen und selbst bei der WM in Russland, wo Fußballstars bekannte Jubeltänze aus dem Spiel imitierten: "Fortnite" ist überall. Mehr als 125 Millionen Menschen weltweit spielen den Shooter, der auf dem Prinzip von "PlayerUnknown's Battlegrounds" (PUBG) basiert.

Beide Spiele basieren auf dem sogenannten Battle-Royal-Modus: Jeweils hundert Spieler kämpfen gegeneinander, alle gegen alle. Zu Beginn landen sie mit Fallschirmen auf einem verlassenen Gebiet. In den leerstehenden Häusern finden sie Waffen, Munition und Verbandszeug. Eine kreisrunde Zone schrumpft stetig und treibt die Spieler zusammen. Wer zuletzt übrigbleibt, gewinnt. Ausgedacht hat sich das Prinzip der Ire Brendan Greene, der PUBG als Creative Director mitentwickelt hat.

SZ: 2013 lebten Sie noch in Brasilien, arbeiteten als Fotograf und Web-Designer und legten als DJ auf. Hätten Sie damit gerechnet, dass ihr erfolgreichstes Projekt ein Computerspiel sein wird?

Brendan Greene: Nein, das hätte ich mir niemals erträumt. Ich war damals ja nicht mal ein ernsthafter Gamer.

Das müssen Sie erklären.

Ich habe nebenher ein bisschen "Arma 2" gespielt, eine taktische Militärsimulation. Das hat meine Liebe zum Gaming wieder entfacht. Viele Blockbuster-Spiele sind entweder sehr linear oder immer nur das Gleiche - loslegen, sterben und von vorne. In der Welt von Arma 2, besonders in der Zombie-Mod des Spiels "DayZ", musst du nur existieren und überleben. Als ich das erste Mal gespielt habe, bin ich vier Stunden nur rumgerannt. Daran erinnere ich mich noch heute, das hat mich fasziniert. Spieler können relativ einfach ihre eigene Version des Spiels weiterentwickeln. Also habe ich angefangen, mit dem Programmiercode zu experimentieren. So ist der Battle-Royale-Modus entstanden.

Erfinder des Battle-Royale-Modus: Brendan Greene.

(Foto: oh)

Dabei konnten Sie nicht mal richtig programmieren.

Zumindest keinen Spielecode. Als Web-Designer kenne ich mich ein bisschen mit HTML, Javascript und ein paar anderen Programmiersprachen aus. Ich konnte sie zwar lesen, aber ich war nie besonders gut im Programmieren.

Der Durchbruch kam Anfang 2017 mit PUBG. Obwohl das Spiel zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fertig war, verkauften Sie vor der Veröffentlichung schon 30 Millionen Exemplare. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Gott, ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, es ist die Freiheit, die der Spieler im Battle Royale hat. Alle starten mit den gleichen Voraussetzungen. Du weißt nicht, welche Waffen und Ausrüstung du findest. Du weißt nie, wo das Spiel endet. Jede Partie ist ein Test deiner strategischen Fähigkeiten als Spieler. Dabei gibt es keine Regeln: Du musst dich nicht verschanzen, du musst nicht aggressiv spielen. Wenn du mit einer Bratpfanne herumrennen und kämpfen möchtest, kannst du das tun. Ich würde es nicht empfehlen, aber es ist möglich.

Muss ein Computerspiel heute brutal sein, um Erfolg zu haben?

Nein. Es gibt Hunderte von Spielen, die keine Shooter sind und Kinder unterhalten. Es gibt sehr viel blutigere Shooter als unser Spiel. PUBG ist in dieser Hinsicht nicht wirklich realistisch. Wir zeigen keine Verstümmelung, keine Schusswunden, keine Blutlachen.

100 Spieler, jeder gegen jeden, auf Leben und Tod. Das klingt gnadenlos.

PUBG ist ein taktisches Erkundungsspiel, um mit Freunden zusammenzuspielen. Es ist nicht nur Action. Die meiste Zeit erkundet man die Gegend oder versteckt sich. Ja, es werden Gewehre benutzt. Aber es geht eher darum, die anderen Spieler zu überlisten, als sie zu töten. Es ist ein Survival-Game, kein Killerspiel. Das Schöne an PUBG ist: Du musst niemanden töten, um zu gewinnen. Du kannst auch Pazifist sein. Ich kann verstehen, warum es als blutrünstiges Spiel betrachtet wird - aber in Wirklichkeit ist es das nicht.

"Fortnite" setzt auf dasselbe Prinzip wie PUBG. Auch andere Spiele, wie "Battlefield 5" kopieren den Battle-Royal-Modus. Ärgert Sie das?

Nein, mich persönlich nicht. Der Battle-Royale-Modus ist eine beliebte Idee ...

Ihre Idee.

Dass man mit einem Fallschirm das Spielfeld betritt und dass es eine runde Zone gibt, die immer kleiner wird, war ursprünglich meine Erfindung, glaube ich. Ich wollte Battle Royale schon immer als Modus in Computerspielen haben. Deshalb ist es wunderbar, dass das Genre so explodiert. Damit es noch stärker wird, brauchen wir unterschiedliche Ansätze, Battle Royale umzusetzen. Das Genre lässt Platz für jede Menge andere Spiele.

Immerhin haben Sie sich mit Ihrem Namen im Spieltitel verewigt. "PlayerUnknown", so nennen Sie sich im Spiel.

Wenn das Spiel gefloppt wäre, wäre es das mit meiner Karriere in der Games-Branche gewesen. Durch den Erfolg ist mein Name weltberühmt. Das war ein surreales Jahr. Ich weiß nicht, ob ich darauf vorbereitet war, eine Person des öffentlichen Lebens zu werden. Jetzt muss ich damit umgehen.

Werden Sie auf der Straße erkannt?

Zu einem gewissen Grad. Noch kann ich auch auf Messen und Kongressen rumlaufen, ohne dass mich die meisten Leute erkennen. Aber ich liebe es, dort Fans zu treffen. Und ich liebe die Gamescom. Auch wenn die echt riesig ist und meine Füße am Ende wieder wehtun werden.