Gamescom Bundeswehr provoziert mit verharmlosenden Werbeplakaten

Die provokanten Gamescom-Plakate der Bundeswehr: Computerspiele und Krieg würden durch die Sprüche auf eine Ebene gehoben, sagen die Kritiker.

(Foto: Bundeswehr / PR)
  • Die Bundeswehr wirbt auf der Gamescom um neue Rekruten.
  • In Köln hat sie zu diesem Zweck Plakate aufgehängt, die viele als geschmacklos empfinden. Vor allem Nutzer in sozialen Medien kritisieren die Kampagne.
  • Die Messebesucher selbst scheint die Diskussion im Netz kaum zu interessieren.
Von Caspar von Au, Köln

Die Bundeswehr unternimmt in Köln derzeit einiges, um für Nachwuchs zu werben. In Halle 5 der weltgrößten Spielemesse Gamescom steht ein Panzer mit Tarnnetz neben zwei Militärlastern. Zwischen den Fahrzeugen laufen Soldaten herum, die über eine Karriere bei der Bundeswehr informieren, vor allem in deren IT-Bereich.

Was vor allem auf Twitter vielen aufstößt: Um die Besucher zu ihrem Stand zu locken, wirbt das Referat Arbeitgebermarke Bundeswehr außerhalb der Gamescom im Stadtgebiet Köln mit provokanten Plakaten. "Multiplayer at its best!", verspricht das eine, "Mehr Open World geht nicht!", das andere. Multiplayer und Open World sind beides Begriffe aus der Welt des Gaming, die zwar nicht nur, aber auch mit Shooter-Spielen in Verbindung gebracht werden. Auf den ersten Blick stellt die Bundeswehr also Krieg auf eine Ebene mit Computerspielen.

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Dementsprechend kritisieren viele Nutzer die Bundeswehr seit Dienstag über Twitter. "Armes Deutschland", schreibt ein Nutzer, der sich MOK nennt und die Diskussion wohl mit seinem Foto angestoßen hat. Der Journalist Mario Sixtus wirft der Bundeswehr vor, im Gegensatz zu Gamern könne sie "virtuelles Töten von echtem nicht unterscheiden". Der Blogger und Satiriker Schlecky Silberstein erstellt mit Photoshop gleich eine ausgedachte Fortsetzung.

Kein Widerspruch zur Trennung von Ego-Shootern und Bundeswehr?

Am Gamescom-Stand der Bundeswehr reagiert Standleiter Nils Feldhoff gelassen: "Wir sehen das als Einladung, um darüber zu diskutieren." Nur sei bisher noch niemand zum Stand gekommen, um über die Plakate zu reden oder sich zu beschweren. "Bei uns kommt nur das Positive an." Auf Twitter sind die Plakate also ein größeres Thema als auf der Messe selbst.

Aus der Pressestelle des Personalmanagements der Bundeswehr heißt es: Man wolle ein ernstes Thema ansprechen. "Krieg spielen oder für Frieden kämpfen?", laute das Motto. Ein Sprecher weist zudem auf die erläuternden Texte am unteren Ende der Plakate hin. Dort steht kleingedruckt: Multiplayer in Spielen entspreche Kameradschaft bei der Bundeswehr, Open World stünde für Freiheit und Sicherheit auf der ganzen Welt. Man wolle über die "Eye-Catcher" bewusst provozieren und wahrgenommen werden. Anschließend könne man sich mit Widerspruch auseinandersetzen, sagt der Sprecher.

Das klang schon einmal anders. In einem Interview zur Gamescom 2017 sagte Feldhoff, man versuche "eine klare Trennung zwischen Ego-Shootern und der Bundeswehr herzustellen." Doch weder er noch in den zuständigen Pressestellen der Bundeswehr sieht man da einen Widerspruch zu der diesjährigen Aktion.

Gamescom-Besucher empfinden die Werbesprüche als grenzwertig, aber okay

Die Bundeswehr ist seit acht Jahren mit einem Stand auf der Gamescom vertreten und wurde in der Vergangenheit häufig dafür kritisiert. Gezielt versucht das Personalmanagement, so junge und IT-affine Menschen anzuwerben, die womöglich dazu ein gewisses militärisches Interesse mitbringen. Die Veranstalter der Digitalkonferenz Republica in Berlin im Mai haben dagegen keine Werbestände der Bundeswehr zugelassen. Daraufhin demonstrierte die Bundeswehr öffentlichkeitswirksam direkt vor der Konferenz gegen den Ausschluss - und erntete dafür wiederum wütende Reaktionen.

Eine Gamescom-Besucherin taucht am Rekutierungs-Stand der Bundeswehr in die virtuelle Realität ab.

(Foto: Getty Images)

Die Gamer auf der Gamescom scheint die Debatte um die Plakate allerdings nicht zu interessieren. Fast niemandem sind diese überhaupt aufgefallen. Die nahezu einhellige Meinung unter den befragten Messebesuchern: Ja, die Sprüche sind grenzwertig, aber okay. "Mich provoziert das nicht", sagt Patrick Olschofski, 29. "Es ist vollkommen in Ordnung, dass die hingehen, wo die jungen Leute sind und zeigen: Wir sind auch cool." Alexandra Merfort, 25, findet die Aktion fragwürdig: "Spiele sind Spiele, da verliert man nicht sein Leben." Das müsse man mit Humor nehmen, meint dagegen ihr Freund Kai Krieschel, 26. "Das war schlau", sagt die 24-jährige Lisa Schlüter. "Darüber redet man jetzt."

Tatsächlich haben die provokanten Plakate der Bundeswehr vor allem außerhalb der Gamescom jede Menge Aufmerksamkeit beschert. Falls sich an den verbleibenden drei Messetagen doch noch Besucher bei Feldhoff beschweren, heißt das: Die Provokation ist auch bei der Zielgruppe angekommen.

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