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Spieletest:Nächste Runde: Nazi-Sabotage

Szene aus „Through the Darkest of Times“.

(Foto: Paintbucket)

Die NS-Zeit ist in Computerspielen oft eine Kulisse für völlig überzeichnete Ballerspiele. "Through the Darkest of Times" versucht dagegen geschickt, den Widerstand gegen Hitler erlebbar zu machen.

Was hätte man getan? Hätte man es selbst gewagt, in der NS-Zeit Widerstand zu leisten? Öffentlich gegen das Regime aufzustehen, Flugblätter zu verteilen, Verfolgten zu helfen? Diese Frage muss auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft immer wieder gestellt werden.

Unerwartet ist es, wenn diese Frage von einem Computerspiel gestellt wird. Die Nazi-Zeit ist eine beliebte Kulisse für Spiele, meistens für sehr kompetitive oder völlig überzeichnete Ballerspiele, in denen der Holocaust und die NS-Ideologie weitgehend ausgeblendet werden. Entwickler und Spieler betonen immer wieder, diese Spiele seien völlig unpolitisch.

Das Berliner Studio Paintbucket Games, das Entwicklerkollektiv Saftladen und der Publisher HandyGames haben mit "Through the Darkest of Times" (PC, ca. 13 Euro) ein Spiel veröffentlicht, das genau das Gegenteil versucht: Es ist dezidiert politisch - nämlich antifaschistisch - und es konfrontiert den Spieler mit dem Holocaust und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Das ist nicht ganz ungefährlich. Anders als Filmen, Büchern, Ausstellungen und Theaterinszenierungen wird Computerspielen oft noch immer nicht zugetraut, sich mit ernsten Themen wie dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Und selbst diese scheitern ja regelmäßig daran. Umso größer die Überraschung, dass "Through the Darkest of Times" die Auseinandersetzung gelingt.

In dem Spiel muss man sich nicht durch Nazihorden ballern und auch keine Armeen mit Mausklicks über Kontinente schicken. In einfacher, aber stilvoller Comicgrafik wird der Spieler im Frühjahr 1933 zum Mitglied einer Widerstandsgruppe. Hitler hat die Macht ergriffen, aber trotz seiner Popularität gibt es in allen Schichten und politischen Lagern Gegner der Nazis. Auf einer Karte von Berlin kann der Spieler jede Spielwoche verschiedene Aktionen planen und durchführen, um das NS-Regime zu bekämpfen.

Der Kampf gegen die Nazis ist hier mehr als nur Vorwand für die Spielhandlung

Das beginnt mit dem Drucken und Verteilen von Flugblättern und geht bis hin zu Anschlägen und Sabotageakten. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe, die der Spieler ein wenig wie bei einem Brettspiel für diese Aufgaben einsetzen kann, haben verschiedene Eigenschaften und gehören verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen an. Von diesen Faktoren hängt der Erfolg der Aktion ab. Eine Figur mit geringer Bildung wird Probleme haben, eine Akademikerin von der Arbeit der Widerstandsgruppe zu überzeugen, und wer schlecht ist in "Geheimhaltung", für den wird das Ausspionieren von SA-Mitgliedern schnell gefährlich.

Dazu gilt es, die stetig schrumpfende Moral der Gruppe im Blick zu behalten. Geht eine Aktion schief, kann es sein, dass nach dem Gruppenmitglied gefahndet wird oder es zu einer Verhaftung kommt. Manche Widerstandskämpfer verlassen die Gruppe, wenn es ihnen zu gefährlich wird, alle haben eine eigene Hintergrundgeschichte. Das macht sie glaubwürdiger, stellt den Spieler aber auch vor Entscheidungen: Soll er die Schwangere, die so gut darin ist, andere von der Sache der Gruppe zu überzeugen, zu ihrer eigenen Sicherheit entlassen oder sie weiter einsetzen?

Das ist ein manchmal etwas starres Spielprinzip, doch es entwickelt einen Sog, doch noch die nächste Runde und die nächsten Aktionen auszuprobieren. Dem Spiel gelingt es dabei, den Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht nur als Hintergrund für ein Rundenstrategiespiel zu nutzen. In jeder Spielwoche dokumentieren fiktive Zeitungsschlagzeilen das immer brutalere Vorgehen der Nationalsozialisten. Zwischen den Spielrunden finden historische Ereignisse wie der Brand des Reichstags statt, zu denen sich der Spieler verhalten muss.

Schon zu Anfang des Spiels wird man Zeuge, wie eine Gruppe SA-Mitglieder auf offener Straße einen Juden bedroht. Soll man die eigene Spielfigur eingreifen lassen oder lieber wegsehen? Hier vermischt das Spiel nun geschickt die Sogwirkung der Spielmechanik mit der Darstellung der historischen Ereignisse.

Denn tatsächlich macht man sich kurz Sorgen um die Spielfigur, die man gerne in den nächsten Runden wieder einsetzen würde. Was, wenn ihr etwas zustößt? So gelingt es dem Spiel, die Gefahren, das Risiko und die schwierigen moralischen Abwägungen der Widerstandskämpfer zumindest im Ansatz erfahrbar zu machen und den Spieler immer wieder mit der Frage zu konfrontieren, wie er gehandelt hätte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes wurde versäumt zu erwähnen, dass das Spiel von HandyGames herausgegeben wurde. Wir haben die Information ergänzt.

© SZ vom 07.02.2020/mri
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