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Schwerpunkt: Games in der Pandemie:Meine kleine Farm

Säen und ernten. Wie kommt man auf einem virtuellen Bauernhof durch die Pandemie?

(Foto: Alper Özer, Visual Generation/Adobe Stock)

In normalen Zeiten liefern Games Adrenalin-Kicks. Und nun? Erscheint es plötzlich reizvoll, im "Landwirtschafts-Simulator" virtuell Heu einzufahren. Eine Liebeserklärung an das Genre der Simulationsspiele.

Von Michael Moorstedt

Endlich fertig. Knapp 20 Minuten hat es gedauert, mit dem Mähdrescher über das Feld zu fahren. Noch zwei Runden, dann ist der Weizen eingebracht. 8000 Dollar wird mir für die Ernte gutgeschrieben. Aus dem Radio dudelt Country-Musik. Die Welt scheint in Ordnung zu sein.

Schade, dass sie nur auf meinem Bildschirm existiert - in Form des Landwirtschafts-Simulators, eines Videospiels, in dem man einen Bauernhof leitet. Das Ziel? Die Äcker bewirtschaften, das verdiente Geld in neue Geräte investieren und die Farm erweitern.

Der Titel ist ein sogenanntes Simulationsspiel. Heutzutage gibt es so gut wie keinen Beruf, für den nicht schon eine Simulation entwickelt wurde. Busfahrer, Zugführer und Pilot sind die am häufigsten nachgeahmten Berufe, aber es gibt auch Spiele für Professionen wie Hochseefischer, Windanlagenmechaniker oder Schlittenhundfahrer. Die bekannteren Titel sind extrem beliebt, die einzelnen Versionen des Landwirtschafts-Simulators - das Spiel erscheint seit 2008 und wird beinahe jährlich neu aufgelegt - wurden bislang mehr als 25 Millionen Mal verkauft. Die mobile Version wurde mehrere Hunderte Millionen Mal heruntergeladen.

Woher kommt der Erfolg? Ist es nicht vollkommen verrückt, abends auf der Couch Erwerbsarbeit nachzuahmen? Oder ist es, gerade in Zeiten von Corona, die logische Konsequenz, wenn all die üblichen Pflichten und Beschäftigungen mit jeder Verschärfung der behördlichen Richtlinien weniger werden? Normalität als Eskapismus?

Die Welt draußen ist schon verrückt genug

Der Farming Simulator gibt kein Narrativ und keine externe Motivation vor, die befriedigende Endlosschleife aus Schuften, Investieren und Entspannen fühlt sich bekannt an. Aber es ist für das Belohnungszentrum im Hirn interessanter, wenn der Ertrag des eigenen Aufwands schon nach einer Runde Spielen am Abend sichtbar wird und nicht erst, nachdem man ein paar Jahrzehnte gewartet hat und der Sparplan endlich Rendite abwirft.

Während der Corona-Pandemie steigt der Reiz der Simulationsspiele. Weil viele der externen Signale, die einem sonst Erfolg und richtige Entscheidungen bescheinigen, wegfallen. Hier dagegen bekommt der Spieler stetig Rückmeldungen, die Einnahmen werden direkt reinvestiert. Das Spiel scheut sich nicht, klare Anweisungen zu geben, was als Nächstes passieren soll. Während Games in normalen Zeiten vor allem einen Adrenalin-Kick liefern, bieten sie nun eine wohltuende Verlässlichkeit.

Säen und ernten. Mein Bauernhof ist ein gemütlicher Fluchtpunkt. Die Silos sind voll, und in den Schuppen stehen allerhand originalgetreue Erntemaschinen. Wozu sollte ich Abenteuer in den üblichen Videospielkulissen bestehen, in Weltraumkriegen oder Todessümpfen, wenn die Welt draußen vor den Fenstern im Jahr 2020 schon verrückt genug erscheint? Warum sollte ich meine Retina am Abend mit grellen Blitzen aus Lasergewehren malträtieren, wenn sie nach einem Tag voller Zoom-Sitzungen ohnehin schon müde sind? Stattdessen fahre ich lieber in Schrittgeschwindigkeit über ein Rapsfeld. Transzendentale Langeweile? Oder ein dringend notwendiger Moment, um durchzuatmen? Grün und gelb zieht die Landschaft auf dem Monitor vorbei. In den Kopfhörern rumpelt die digitale Entsprechung eines 500-PS-Traktormotors. Monotonie als Soundtrack der Entspannung.

Das Original aus Stahl und Blech hört sich wahrscheinlich genauso an. Bis hin zu den Lichtern am Armaturenbrett ist alles den echten Maschinen nachempfunden. Teilweise liefern die Traktor-Hersteller dem Entwicklungsstudio sogar die Original-Konstruktionspläne. Wer es wirklich ernst meint, nimmt noch mal knapp 200 Euro in die Hand und investiert sie in das originallizenzierte Landwirtschafts-Simulator-Lenkrad inklusive zweier Pedale und einer Steuerkonsole mit 38 Knöpfen. Diese Liebe zum Detail gibt es auch in den anderen Simulationen. Für den Zug-Simulator haben die Entwickler Ziegelwände in einem Bahnhof abfotografiert, um das Zugführerspiel möglichst lebensnah wirken zu lassen. Alles, damit die Games zum gefahrlosen Alltagsersatz werden - ohne die Gefahr von Viren. Und auch ohne alle anderen Gefahren.

© SZ/phbo/jhl
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