Fairphone und Shift:Modulare Bauweise und Youtube-Anleitungen

Beide Anbieter setzen mittlerweile auf modulare Bauweisen, um die Lebensdauer zu verlängern: Komponenten wie Frontkamera, Rückkamera und USB-Anschluss sind als getrennte Module verbaut und lassen sich über ein paar Schrauben austauschen. Das steht im Kontrast zu den Telefonen von Samsung oder Apple, bei denen viele Teile verklebt werden und die dadurch sehr schwierig vom Besitzer selbst zu reparieren sind. Die modulare Bauweise kann jedoch auch selbst zu Problemen führen: "Die ersten verfügbaren modularisierten Smartphone-Designs, die es auch Nutzern selbst erlauben, das Gerät vollständig zu öffnen und Teile wie die Kamera auszutauschen, stecken noch in den Kinderschuhen und können anfällig für Wackelkontakte, Verschleiß oder Benutzerfehler sein", sagt Erik Hansen.

Entspannter als bei Samsung oder Apple soll auch die Garantie geregelt sein. Die erlischt nämlich bei den meisten Anbietern, wenn man das Gerät öffnet - das ist bei Fairphone oder Shift nicht der Fall. Man darf allerdings die Module des Fairphone nicht öffnen oder durch Module von Drittanbietern austauschen, wenn man den Garantieanspruch erhalten will. Bei Shift finden sich online keine offiziellen Angaben zur Garantie. Was es gibt, sind vereinzelte Aussagen von Mitarbeitern im Shift-Forum und ein Versprechen im 2016er Bericht: "So ist es bei einem Shiftphone erlaubt, das Gerät zu öffnen ohne dass die Garantie verfällt." Entsprechend gehört bei den neuen Shift-Modellen ein Schraubendreher zum Lieferumfang. Das ist allerdings auch nötig, denn im Gegensatz zum herkömmlichen Kreuzschlitz, mit dem sich Fairphone-Schrauben lösen lassen und der häufig bereits zum Hausrat gehört, benötigt man für die Geräte von Shift einen speziellen sechseckigen Schraubenzieher.

Von Samsung und Apple unterscheiden sich aber auch die Verkaufszahlen der fairen Anbieter deutlich: Fairphone hat bis Mitte August dieses Jahres 155 000 Geräte verkauft, davon 95 000 des neueren Modells Fairphone 2. Apple allein hat im letzten Jahr mehr als 200 Millionen iPhones abgesetzt. Das sind 1300 Mal so viele iPhones wie Fairphones. Shift ist noch etwas kleiner aufgestellt: Bisher wurden 25 000 Shiftphones verkauft. Auf die Größe von Apple wollen die Anbieter fairer Handys aber auch gar nicht kommen, behaupten sie: "Je größer Unternehmen werden, desto schwerer ist es, jeden Mitarbeiter im Blick zu behalten - genau das ist ja unser Wunsch", sagt Samuel Waldeck, der die Shift GmbH zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater 2014 gegründet hat. Fabian Hühne äußert sich ähnlich: "Das Ziel ist nicht, den Markt zu übernehmen, sondern die Bedingungen darin zu verändern. Wir wollen also Apple oder Samsung dazu bringen, anders zu produzieren. Dafür müssen wir vor allem zeigen, dass es einen Markt für nachhaltigere Produkte gibt."

Auch Fairphone wurde erst 2013 gegründet. Im selben Jahr brachte es das Fairphone 1 auf den Markt. Der Käufer konnte das Modell mit Teilen aus dem Onlineshop selbstständig reparieren. Für die Produktion wurden laut eigener Aussage Zinn und Tantal aus konfliktfreien Minen im Kongo verwendet.

Zwei Jahre später folgte das Fairphone 2, das modular aufgebaut ist. Für dieses Modell verwendete Fairphone nach eigenen Angaben zusätzlich Fairtrade-Gold aus Peru und konfliktfreies Wolfram aus Ruanda. Die Organisation Flocert prüft das Gold für den Verein Fairtrade International mindestens zweimal in drei Jahren. Ihr geht es zum Beispiel darum, ob der Produzent Regeln für Arbeitssicherheit und Umweltschutz einhält. Als "konfliktfrei" gelten Rohstoffe, wenn sich durch den Handel mit ihnen keine Kriegsparteien wie Milizen finanzieren.

Seit Ende vergangenen Jahres können Besitzer des Fairphone 2 auch ein neues Kameramodul einbauen. Als nächstes soll das Update des Betriebssystems auf Android 7 kommen. "Das ist wichtig, damit das Fairphone 2 auch in Zukunft die Security-Patches von Google bekommt", sagt Hühne.

Fairphone steckt seine Umsätze und die 2,5 Millionen Euro, die das Unternehmen in diesem Sommer in einer Crowdfunding-Runde eingesammelt hat, in Verbesserungen entlang der Lieferkette und in operative Kosten wie Vertrieb und Produktentwicklung. Ein drittes Modell sei derzeit nicht geplant, sagt Hühne.

Das 15-köpfige Team der deutschen Shift GmbH setzt auf mehrere Modelle mit verschiedenen Display-Größen. Die früheren Shiftphones waren nicht modular aufgebaut, wenn der Käufer das Gerät also für die Reparatur nicht einschicken wollte, brauchte er schon mal einen Lötkolben und ruhige Hände. Dafür stellt Shift aber ein eigenes Wiki auf seiner Website und, wie Fairphone, Videoanleitungen auf Youtube zur Verfügung. In denen wird zum Beispiel erklärt, wie Besitzer ihr Shiftphone flashen und rooten können, um tieferen Zugang zu Systemfunktionen zu bekommen, und wie sie Fehler des Touchscreens beheben. Im Onlineshop sind derzeit allerdings nur die Ersatzteile Display, Akku und Rückseitenabdeckung erhältlich.

Das aktuelle Verkaufsmodell Shift 6m gehört zu einer neuen Generation: Das "m" im Namen steht für "modular". Auswechselbar soll daran nahezu alles sein: Display, Batterie, einzelne Kameras, die Kerneinheit mit Chipset, Speicher und Modem, Fingerabdruck-Sensor, SIM- und MicroSD-Karten-Slot, Antennen-Einheit, Mikrofon, Lautsprecher. Das geht allerdings wohl nicht ganz so einfach wie beim Fairphone, wenn man sich das Vorstellungs-Video vom Modell Shift 6m anschaut. Das sei einer kleinteiligeren Bauweise geschuldet, wodurch sich aber die Einzelteile im Recycling sortenrein trennen ließen, sagt Waldeck. Mit den Modellen 5me und 6mq sollen im nächsten Dreivierteljahr noch ein Low-Budget- und ein High-Budget-Modell folgen.

Für die Produktion der bisherigen Modelle versuchte Shift, mit chinesischen Familienbetrieben mit etwa 300 Mitarbeitern zusammenzuarbeiten. Inzwischen ist das Unternehmen aber davon abgekommen und hat in Zusammenarbeit mit der NGO Taos einen eigenen kleinen Standort mit zehn Mitarbeitern in Hangzhou, südwestlich von Shanghai aufgebaut. "Wir mussten einsehen, dass wir über Jahre eingespielte Strukturen nicht einfach verändern können. Für uns war ein Neustart wichtig, raus aus Shenzhen und eine Produktion aufbauen, die wir von Anfang an gestalten können", sagt Waldeck. Er sagt, die zehn Mitarbeiter im neuen Standort arbeiteten 40 Stunden pro Woche - für die chinesische Elektro-Produktion ungewöhnlich kurz.

Statt Coltan aus konfliktfreier Förderung zu beziehen, verwende er keramische Mikrokapazitoren, die kein Coltan enthalten, sagt Waldeck. Eine Herausforderung stelle Zinn dar: Shift bezieht es in Kooperation mit dem Unternehmen Stannol: "Wir testen gemeinsam den Einsatz von fairem Lötzinn in unseren Hauptplatinen. Die Schmelztemperatur des Zinns muss genau stimmen, damit die Fertigung in Serie funktionieren kann."

In Sachen Transparenz hinken die Deutschen den Niederländern von Fairphone noch hinterher. Eine detaillierte Liste der Zulieferfirmen, wie Fairphone sie bereits seit 2014 online für jedermann zugänglich macht, gibt es noch nicht. Shift erklärt, man werde seine Liste für das Modell Shift 6m bald veröffentlichen.

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