Energieverbrauch-Sensor Dieser Sensor soll Warmduscher einschüchtern

Schauen Sie doch nur, wie traurig der Eisbär guckt!

(Foto: Amphiro / PR)

Ein neuer Energieverbrauch-Messer macht alle, die gern gemütlich duschen, zu rücksichtslosen Eisbärkillern. Braucht man das?

Von Matthias Huber

Der kleine Eisbär muss einem leidtun. Er sitzt auf seiner Eisscholle, die immer weiter schmilzt, und schaut traurig auf das Pixelmeer. Ein ebenso rücksichtsloser wie nackter Mensch sieht ihm dabei zu, während er selbst unter dem gemütlich-warmen Strahl steht und Shampoo im Haar verteilt. Und dann ist die Eisscholle am Ende, ein paar Pixelstriche sollen die Wellen darstellen, die der ins Wasser plumpsende Eisbär geschlagen hat. Der rücksichtslose Mensch hat schon wieder zu lange geduscht, der Eisbär ertrinkt.

Die Macher des Amphiro b1 connect - ein Energieverbrauchs-Messgerät für die Dusche - geben sich alle Mühe, ihr Gerät nicht allzu unsympathisch erscheinen zu lassen. Der traurige Eisbär auf dem Display ist ja ein niedliches Symbol für den Klimawandel, und gegen den will man bei Amphiro offenbar kämpfen. Dass dem Testmuster ein Quietscheentchen beiliegt, ist auch ein Plus. Aber das ändert nichts daran, dass man sich mit dem b1 einen unangenehmen Erzieher ins Badezimmer holt, der selbst die sparsamsten Duscher vor unmögliche Aufgaben stellt.

Zumindest, wenn man zur gemütlichen Gattung der Warmduscher gehört. Vom Display des b1 lassen sich - neben dem Knut-artigen Bildchen - eine Reihe von Informationen ablesen. Einerseits läuft ein Zähler durch, der ständig den Wasserverbrauch seit Beginn der Dusche misst. Eine andere Displayzeile zeigt abwechselnd die Wassertemperatur und eine Bewertung der Energieeffizienz des aktuellen Duschgangs an, auf einer Skala von A+ bis G-, wie man es von Kühlschränken kennt.

Erzieherisches Feingefühl eines unangenehmen Lateinlehrers

Die Erkenntnis lautet: Ein duschender Mensch ist kein Kühlschrank. Bei 38 Grad warmem Wasser braucht es gerade mal acht Liter, bis die Anzeige von A+ auf A umspringt. Noch ehe man zur Shampoo-Flasche greift, ist man bei D angekommen. Der Eisbär hat kaum eine realistische Überlebenschance. Wer dagegen bei nur zehn Grad duscht, kann stundenlang Eisbären retten. Wenn er nicht vorher erfriert. Wer gar nicht duscht, tut für die Umwelt übrigens noch mehr Gutes. Wenn auch nicht für die persönliche.

Immerhin: Für die wenig überraschende Erkenntnis, dass warmes Wasser mehr Energie verbraucht als kaltes, funktioniert die Schlechtes-Gewissen-Maschine von Amphiro problemlos. Mit ein paar Handgriffen ist das Gerät zwischen Duschkopf und Schlauch installiert, den nötigen Strom für seinen Betrieb erzeugt es aus dem durchfließenden Wasser. Wer seinen Dusch-Fortschritt in Tabellen festhalten will, kann die Daten per Bluetooth an die Smartphone-App übertragen.

Aber was soll das bringen? Amphiro setzt bei seinen ehrbaren Energiesparzielen auf das erzieherische Feingefühl eines unangenehmen Lateinlehrers. Das mag bei Kindern funktionieren, halbwegs aufgeklärte Erwachsene werden den Eisbären vermutlich schon nach kurzer Zeit achselzuckend ertrinken lassen. Die Nerd-Freude an der Datensammlung hält sich in Grenzen. Das Erlebnis ist eher vergleichbar mit einer Tochter oder Schwester im Teenager-Alter, die morgens quengelnd vor der verschlossenen Badezimmertür steht. Ob sich auf diesem Weg per Strom- oder Heizrechnung jemals die fast 80 Euro Kaufpreis einsparen lassen, ist jedenfalls zweifelhaft.

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