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Debatte über Gamer-Szene:Highscore fürs Morden

Julia ebner

Extremismusforscherin Julia Ebner hat online unter Rechtsextremen recherchiert.

(Foto: Suhrkamp Verlag)

Extremismusforscherin Julia Ebner erklärt, wo Seehofer mit seinem Kommentar zur Gamer-Szene recht hat, wo nicht - und wie sich Communitys von Gamern, Rassisten und Antifeministen überlappen.

Julia Ebner, 28, ist Extremismusforscherin am Institute for Strategic Dialogue in London. Für ihr Buch "Radikalisierungsmaschinen" hat sie auch in den Netzwerken recherchiert, in denen sich die Attentäter von Christchurch und Halle mutmaßlich radikalisierten und Inspiration für ihre Terroranschläge fanden.

Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt über Rechtsextremisten: "Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene." Daraufhin empörten sich viele Computerspieler, sie würden unter Generalverdacht gestellt. Hat Seehofer recht?

Natürlich ist es falsch, die gesamte Gaming-Community so darzustellen, als wäre sie in rechtextremen Netzwerken aktiv. Aber es gab in den letzten Jahren immer wieder Versuche rechtsextremer Aktivisten, sich Zugang zu Gaming-Subkulturen zu verschaffen, dort Werbung zu machen und Mitglieder zu rekrutieren. Und es ist auch richtig, dass es Überlappungen zwischen Gaming-Community, weißen Nationalisten, Antifeministen und der Community der Verschwörungstheoretiker gibt.

Woher kommen solche Überschneidungen?

Ungefähr seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben sich diese unterschiedlichen Communitys immer mehr vermischt. Angefangen hat das mit dem Gamergate-Skandal, als Journalistinnen über die negativen, vor allem frauenfeindlichen Tendenzen in der Computerspiel-Branche berichtet hatten. Teile der Szene reagierten damals mit einer Art Backlash, die Autorinnen sahen sich massiven Hasskampagnen ausgesetzt. Dieser Antifeminismus hat sich dann vermischt mit Rassismus und anderen antiliberalen Strömungen. Und in diesem Umfeld sind auch Rechtsextreme unterwegs und suchen Menschen, die für ihre Ideologie empfänglich sind.

Seehofer sprach auch davon, dass sich die rechtsextremen Terroristen Computerspiele zum Vorbild nehmen, vor allem Ego-Shooter.

Eine gewisse Beeinflussung gibt es schon. In rechtsextremen Ecken der Communitys wurden nach den Anschlägen von Christchurch computerspielartige Bearbeitungen der Videos geteilt, die dann für jeden erschossenen Moslem einen Score, also einen Punktewertung anzeigen. Das gab es auch nach Halle, wo oft ein "low score" verteilt wurde, weil er nicht so viele Menschen erschossen hat wie der Christchurch-Attentäter. Das bedeutet aber nicht, dass von Computerspielen die Radikalisierung ausgeht, es ist eher so, dass Rechtsextreme deren Kulturelemente kapern. Sie verwenden dazu einerseits Sprache und Insiderwitze der Szene, und andererseits deren Plattformen.

Was sind das für Plattformen?

Sehr viele rechtsextreme Gruppen haben zum Beispiel auf der von Gamern beliebten Kommunikationsplattform "Discord" Gruppen aufgemacht, angefangen bei den Organisatoren der rechtsextremen Demo in Charlottesville in den USA, aber auch immer mehr in Europa und in Deutschland. Die bekannteste ist "Reconquista Germanica", aber auch noch ein Dutzend weitere deutschsprachige Server mit Namen wie "Patriotische Heldenschule".

Wieso ist Discord so beliebt?

Die Plattform eignet sich erstaunlich gut für beinahe militärisch organisierte Trollkampagnen. Man kann Mitgliedern Ränge zuweisen, sodass Neumitglieder sich erst beweisen müssen, bevor sie aufsteigen und mehr Einblicke in die Gruppe bekommen. Gerade Neonazigruppen legen auf diese Organisationsmöglichkeiten sehr viel Wert.

Sie treiben sich in diesen Plattformen beruflich herum, was war dort nach dem Attentat in Halle los?

Manche haben den Attentäter als Helden glorifiziert. Andere sehen ihn eher als Loser, weil er so wenige Menschen umgebracht hatte. Es gab aber auch einige, die die Gewalt ablehnten. Sie sind zwar mit der Ideologie einverstanden oder fanden die Online-Community gut. Aber bei ihnen zeigte sich, dass sie bis zum Attentat nicht unterschieden hatten, was Spiel und was Ernst ist. Für sie wurde erst nach dem Anschlag klar, wie ernst es einige meinen. Das gab es nach dem Anschlag in Christchurch auch.

Das klingt aber, als hätte Horst Seehofer auch ein bisschen recht. Als gäbe es tatsächlich ein Problem in der Computerspielszene.

Das ist wie Facebook und Extremismus. Natürlich sind nicht alle auf Facebook Extremisten, aber Facebook hat trotzdem ein Extremismus-Problem. Es gibt ja auch Rechtsextremisten in den deutschen Behörden, bei Militär, Polizei, Geheimdiensten. Das muss man sich natürlich genauer anschauen, aber es wäre fatal zu sagen, die gesamten deutschen Behörden sind rechtsextremistisch. Das gleiche trifft auf die Gamer-Szene zu. Ich spiele Computerspiele, meine Freunde spielen Computerspiele. Wir sind keine Extremisten. Gleichzeitig gibt es aber ein ernstes Problem. Extremistische Anwerber versuchen, die Codes, die Sprache und die Community zu kapern, um dort neue Mitglieder rekrutieren.

Sie beraten mit dem "Institute for Strategic Dialogue" in London auch Regierungen zu Extremismus. Wenn der Bundesinnenminister Sie fragen würde: "Was kann ich tun?", was würden Sie ihm raten?

Was uns fehlt, wären zum Beispiel Online-Interventionsprogramme. Offline gibt es Programme zur Deradikalisierung von Anhängern. Online findet das noch kaum statt. Wenn klar würde, dass sich jemand online radikalisiert, könnten ausgebildete Psychologen und Aussteiger aus extremistischen Gruppen das Gespräch mit den Menschen suchen. Auch wichtig wäre bessere Zusammenarbeit mit den kleinen Plattform-Anbietern. Die würden oft eigentlich gerne helfen, haben aber weder die Leute noch die Technologie, um zum Beispiel Mordaufrufe schnell zu finden, den Behörden zu melden oder zu löschen. Da könnten Initiativen wie Tech-Against-Terrorism helfen, wo große Tech-Firmen dazu gebracht werden, kleineren mit ihrer Technologie zu helfen, Terrorpropaganda zu entfernen.

Organisationen wie "Tech Against Terrorism" richtet sich allerdings häufig eher gegen islamistische Propaganda.

Ja, das stimmt, es gibt viel mehr internationale Kooperationen gegen islamistische Inhalte, deshalb wäre mein grundsätzlicher Tipp an Entscheidungsträger in Politik und Sicherheitsbehörden, gleich viel im rechtsextremistischen Bereich zu investieren, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Was internationale Kooperationen angeht, hatten wir schon eine globale Kooperation gegen die Terrororganisation IS, so etwas gibt es beim Kampf gegen Rechtsextremismus immer noch nicht. Was es noch schlimmer macht: Wir haben so traditionelle Vorstellungen von extremistischen Gruppen, die in lokal verankerten, hierarchisch organisierten Strukturen agieren, wie die "Gruppe Freital". Dabei zählen lose internationale Netzwerke, wie die, die den Attentäter in Halle inspiriert haben, gar nicht in die Kategorie von extremistisch oder potenziell terroristisch.

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