Süddeutsche Zeitung

Digitalisierung von Büchern:Willkommen in der größten Bibliothek aller Zeiten

  • Viele E-Book-Leser fragen sich, wie sie die digitalen Bücher längerfristig aufbewahren und auch in fernerer Zeit noch nutzen können.
  • Öffentliche Bibliotheken investieren Millionen in die Digitalisierung älterer Bücher und die Archivierung von E-Books.
  • Die Bayerische Staatsbibliothek in München ist zu einem zentralen Labor der Digitalisierung geworden.
  • Gleichzeitig beobachten die Bibliotheken aber stetig wachsenden Besucherzahlen in ihren - analogen - Lesesälen.

Von Johan Schloemann

Wer sich ein paar E-Books auf sein Kindle geladen hat oder auf sein iPad oder sonst ein Lesegerät, der stellt sich die Frage ja nicht sofort. Erst mal weiter im Text: klicken, tippen, wischen. Und nachts im Bett leuchten die Bücher sogar! Doch je mehr wir uns an das digitale Lesen gewöhnen, je mehr es den Kreis der "Early Adopters" verlässt, und auch: je älter die Nutzer solcher Geräte werden, desto dringlicher wird die Frage: Welche Haltbarkeit hat denn das Ganze? Kann ich meine E-Books eigentlich längerfristig aufbewahren, verleihen, verschenken, vererben? Oder sind die Dateiformate nicht ohnehin irgendwann unlesbar, wenn es wieder neue Firmen und Techniken gibt?

Die Antwort der kommerziellen Anbieter lautet bisher überwiegend: Pech gehabt. Ihr habt für den Zugang gezahlt, vielen Dank, liebe Kunden; ob er auch zum richtigen Besitz werden kann, ist uns ziemlich egal. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht aber, die Rettung der Bücher, kommt aus öffentlichen Einrichtungen. Sie heißt "Langzeitarchivierung". Was für alle normalen Computernutzer, die immer neue Apparate kaufen und immer neue Software beherrschen müssen, intuitiv unwahrscheinlich klingt, das ist so ziemlich felsenfest sicher: Wenn die Welt dann noch steht, werden die E-Books und die digitalisierten älteren Bücher auch in fünfzig oder hundert Jahren und länger noch gespeichert und lesbar sein. Leibhaftige sowie automatische Überspiel-Profis in staatlichen Bibliotheken sorgen dafür.

"Wir haben das Problem technisch gelöst", versichert uns Rolf Griebel. Der Mann muss es wissen: Er hat zwanzig Jahre lang an der Bayerischen Staatsbibliothek in München gearbeitet und zuletzt gut zehn Jahre lang als deren Generaldirektor. An diesem Donnerstag wird Griebel feierlich verabschiedet. Und auch wenn die Anfänge der "elektronischen Datenverarbeitung" und der Computer-Katalogisierung schon Jahrzehnte zurückliegen, so sind es doch genau diese letzten zwanzig Jahre, in denen die Digitalisierung und das Internet die Bibliotheken und Archive im Sturm erfasst haben und damit den gesamten Wissensspeicher der Welt.

"Konservativ" als technologische Herausforderung

In der föderalen Bibliothekslandschaft Deutschlands, die keine wirkliche Nationalbibliothek kennt, aber ein paar sehr große, wichtige Institutionen, die gemeinsam eine Nationalbibliothek bilden, ist München in dieser Zeit zu einem zentralen Labor der Digitalisierung geworden. So wurde in Bayern der Begriff "konservativ" neu interpretiert: als technologische Herausforderung. Als erste der großen Universal- und Forschungsbibliotheken Kontinentaleuropas stieg München im Jahr 2007 beim großen Büchersammeln der Firma Google ein, beim Scannen der urheberrechtsfreien Bücher wurde vor zwei Jahren der einmillionste Band erreicht. Ebenfalls elektronisch eingelesen, aber ohne Google, wurden wertvolle Handschriften und Wiegendrucke, hinzu kommt alles Digitale, was neu publiziert wird.

An zwei Zahlenverhältnissen zeigt sich der gewaltige Umbruch: Gab es in den Geisteswissenschaften vor zwanzig Jahren praktisch nur gedruckte Publikationen, so erscheinen dort jetzt nur noch 50 Prozent ausschließlich im Print, die andere Hälfte kommt parallel digital und gedruckt heraus; in anderen Fachgebieten, wo die Monografie nicht den sogenannten Goldstandard für akademische Karrieren darstellt, sind die elektronischen Texte noch viel dominanter. Und die Bayerische Staatsbibliothek verzeichnete zuletzt 1,8 Millionen Bände, die pro Jahr physisch ausgeliehen wurden ("Ortsleihe") - gleichzeitig lagen die Downloads übers Netz bei 800 000.

In ganz Europa sind riesige digitale Bestände frei zugänglich

Und jetzt noch eine Zahl: 1,5 Millionen Euro im Jahr gibt die Münchner Bibliothek für ihre digitale Infrastruktur aus - also nicht für das Einscannen, nicht für Bücherkäufe oder Lizenzen, sondern nur für den Apparat, für die ständige Bereitstellung ihrer digitalen Angebote. Anderthalb Millionen, das kostet bei Google oder Facebook wahrscheinlich nur die Stromrechnung für ein paar Tage - aber für diese wichtige öffentliche Dienstleistung zahlt selbst der noch vergleichsweise großzügige Freistaat Bayern nur weniger als ein Drittel, der Rest ist Defizit. Vielen IT-Spezialisten kann die Bibliothek, in Konkurrenz mit starken privaten Firmen in München, nur magere befristete Stellen anbieten. Eine Diskrepanz, die anschaulich macht, welche Mammutaufgabe die öffentlichen Bibliotheken da übernommen haben.

Für den Maschinenraum interessiert sich eben kaum jemand, aber funktionieren soll alles schnell und schick wie sonst im Internet gewohnt: So ähnlich verhält es sich auch mit der landesweiten, gesamtdeutschen und europäischen Digitalisierung des kulturellen Erbes insgesamt. Die Anfänge sind da gemacht, sie heißen Bavarikon, Deutsche Digitale Bibliothek und Europeana. In ganz Europa sind bereits riesige digitale Bestände überall frei zugänglich. Und doch fällt jedem Nutzer schnell auf, dass es noch an Übersichtlichkeit wie auch an Inhalten fehlt. Die öffentlichen Einrichtungen stöhnen unter der Doppelaufgabe des digitalen und analogen Betriebs.

Die Zahl der Besucher im analogen Lesesaal steigt immer weiter

Nun könnte man sagen: Das sind doch bloß Kinderkrankheiten, ein paar technische und finanzielle Probleme, und am Ende flutscht alles ins Netz. Und das heißt in der Konsequenz auch: Es muss bald keiner mehr eine Bibliothek aufsuchen. Aber gerade an den großen Bibliotheken zeigt sich das Zwitterwesen unserer gegenwärtigen Wissenskultur: Während die Bayerische Staatsbibliothek die Scanner anwarf, erweiterte sie auch die Öffnungszeiten ihres Lesesaals von acht Uhr morgens bis Mitternacht, und das jeden Tag, auch sonntags. In der Amtszeit des scheidenden Direktors, der als geschickter Manager der Digitalisierung gilt, stieg die Zahl der Besuche im Lesesaal in München von einer halben Million auf knapp 1,2 Millionen im Jahr. Ein ziemlich analoges Gedrängel.

Und auch sonst ist die Sehnsucht nach materieller Präsenz groß: Das ergibt sich allein schon aus den historischen Beständen einer über 450 Jahre alten Sammlung, die auf die frühere Hofbibliothek der Wittelsbacher zurückgeht. Man zeigt mit Erfolg Ausstellungen, man entdeckt Übersehenes im Bestand - zuletzt etwa eine Solokantate von Georg Friedrich Händel oder Predigten des Kirchenvaters Origines. Und gelegentlich kommt man mit Hilfe von Stiftungen sogar gegen den Kunst- und Auktionsmarkt an und kann dann neue historische Schätze ankaufen, im Falle Münchens zum Beispiel die opulente "Ottheinrich-Bibel" und vor Kurzem das einzigartige Archiv des Musikverlags Schott.

Nein, die Bibliothek ist als Ort nicht tot, nicht einmal altmodisch. Auch gibt es hier und dort spektakuläre Neubauten. Gleichwohl ist der Wandel durch die Digitalisierung gigantisch. Alles zu haben, das war immer der Traum und zugleich der Albtraum des Bibliothekars. Die leichte Verfügbarkeit ist aber nur das eine. Die andere Frage ist, was man mit Information, Bildung und Wissenschaft dann anstellt. "Jetzt kommt die Zeit der Ernte", so sagt es der Bibliotheksdirektor zum Abschied. Daten-Verarbeitung eben: Es muss ja immer noch gelesen, verstanden, genossen und nachgedacht werden, und das geht heute auch nicht wesentlich schneller als in der Gutenberg-Ära. Und doch ändern sich Methoden, Wahrnehmungen, Arbeitsweisen radikal. Willkommen in der größten Bibliothek aller Zeiten.

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Quelle:
SZ vom 12.02.2015/luk
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