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Digitalisierung:Traut euch!

Als die ersten E-Mails verschickt wurden, war Deutschland vorne dabei. Jetzt hinkt es hinterher. Fünf Thesen zur Digitalisierung.

Von Helmut Martin-Jung

Womit alles anfängt. Oder: Warum wir Bildung neu denken müssen und Kleinstaaterei dabei keine Hilfe ist

Illustration: Stefan Dimitrov

In der langen Geschichte der Sonntagsreden hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch niemanden gegeben, der nicht voller Inbrunst darauf hingewiesen hätte, wie wichtig Bildung sei. Zumal in einem Land wie Deutschland, das kaum über natürliche Ressourcen verfüge. Es läuft auch nicht alles schlecht im Bildungssystem, beileibe nicht. Es gibt gut ausgestattete Schulen, engagierte Lehrer, Bildungspolitiker, die ans große Ganze denken.

Aber es gibt eben auch so viel vom Gegenteil, dass es eines so reichen Landes wie Deutschland einfach unwürdig ist. Schulen mit verdreckten Toiletten, mit undichten Dächern, mit ungenügender Internetversorgung. Mit Lehrern, die innerlich aufgegeben haben, Politikern, die sich in erster Linie um sich und ihre Pöstchen kümmern. Es wird also höchste Zeit, die Versprechen und Bekundungen aus den Sonntagsreden wahr zu machen und der Bildung auch real den Stellenwert zu geben, den sie verdient.

Dass es dabei nicht nur (aber natürlich auch) um Geld geht, verdeutlicht kaum etwas besser als die Posse um den Digitalpakt Schule. Da gibt der Bund nach Jahren des Zögerns und Zauderns endlich eine Milliardensumme für die digitale Ausstattung der Schulen frei, doch die Umsetzung bleibt hängen - vor allem wegen bürokratischer Hemmnisse.

Die haben oft mit dem föderalen System zu tun. Es hat seine Berechtigung, die Dinge dort zu erledigen, wo sie anfallen. Berlin muss nicht über ein Schulhaus in Niederbayern oder in Ostfriesland entscheiden. Aber müssen Schüler in Niederbayern und Ostfriesland wirklich verschiedene Bücher haben, andere Lehrpläne?

Vielleicht liegt es ja daran, dass die Schule es weitgehend versäumt, auf eine entscheidende Entwicklung unserer Zeit vorzubereiten: die Digitalisierung. Nein, es geht nicht darum, die Jugend zu willfährigen Technokraten zu erziehen. Aber auch wer eher musisch begabt ist, sollte ein Grundverständnis mitbekommen von dieser nicht mehr ganz neuen Kulturtechnik.

Viele haben schon jetzt den Eindruck, die Digitalisierung habe uns bereits voll erfasst. Doch das stimmt nicht. Wir stehen noch immer am Anfang. Technologien wie maschinelles Lernen werden künftig kaum ein Berufsfeld aussparen. Wer dem mit einem Grundverständnis begegnet, was solche Technologien leisten können und was auch nicht, wird das mit weniger Angst tun und mit mehr Realitätssinn.

Die Hemmnisse, das Geld des Bundes abzurufen, sie sollten also schnellstmöglich beseitigt und die digitale Ausstattung der Schulen verbessert werden. Was nicht bloß die Hardware betrifft, sondern auch die Software. Auf weichgespültes und interessengeleitetes Lehrmaterial von Konzernen sollte dabei so weit wie möglich verzichtet werden. Ebenso heißt es Vorsicht bei Tech-Unternehmen, um nicht in eine Abhängigkeit von einem oder wenigen Herstellern zu geraten. Ein guter Weg dazu ist Open-Source-Software. Auch in der Wirtschaft gibt es längst sehr erfolgreiche Beispiele dafür, wie gut das funktionieren kann.

Worauf alles gründet. Oder: Digitalisierung braucht leistungsfähige Netze

Illustration: Stefan Dimitrov

Eigentlich ein Unding: Schon als die Kanzlerin 2013 bekannte, dass das Internet für viele in der Politik noch Neuland sei, war klar: Das Thema hatten die Regierenden kolossal verschlafen. Dass man allerdings heute, sieben lange Jahre und etliche Digitalisierungsgipfel später, noch immer konstatieren muss, dass Deutschland beim Netzausbau weit hinterherhinkt, ist beschämend. Deutschland war einmal vorne dabei, als die ersten E-Mails um die Welt geschickt wurden. Davon ist wenig geblieben. Wie soll ein Unternehmen in der Provinz teilhaben an der Digitalisierung, wenn es keine leistungsfähige Netzanbindung hat? Sogar in Großstädten tröpfeln die Bits an manchen Stellen nur langsam durchs Netz, Home-Office und Online-Unterricht bei ruckelndem Bild und Ton aber ist eine Zumutung.

Gelernt aber hat man wenig in der Politik. Bei der Vergabe der Frequenzen für den Mobilfunk der jüngsten Generation, 5G, flossen wieder Milliarden an den Staat, die irgendwo versickern werden, aber nicht für den Netzausbau zur Verfügung stehen. Besser wäre es gewesen, die Frequenzen unter harten Ausbauauflagen kostenlos zu vergeben. Auch ökonomisch übrigens: Wo es gut ausgebaute Netze gibt, steigt die Produktivität.

So sehr man es sich wünscht - herbeizwingen lässt sich Glasfaser für die ganze Republik nicht in wenigen Jahren. Dafür fehlen schon schlicht die Bautrupps. Wo immer man aber eine Straße ohnehin aufreißt, sollte es eine Pflichtabfrage geben, ob nicht auch Leerrohre für Glasfasern mit verlegt werden könnten, und Sanktionen, wenn das unterbleibt.

Investmentfirmen haben Deutschland übrigens längst als Markt entdeckt, in dem es in Sachen Glasfaser viel aufzuholen gilt, und pumpen Milliarden in Unternehmen, die vor allem auf dem Land und in kleineren Städten Glasfaserleitungen verlegen. Ihnen sollte man möglichst bürokratische Hürden aus dem Weg räumen.

Das Haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Problem. Oder: Warum uns das Festhalten am Altbewährten nicht weiterbringt

Illustration: Stefan Dimitrov

Als in dieser Zeitung das erste grafisch bedienbare System zum Seitenlayout eingeführt wurde, bestanden führende Mitarbeiter der Layout-Abteilung darauf, man müsse Texte, Bilder, Grafiken usw. nicht bloß mit der Maus, sondern auch durch Eingabe von Zeilen und Spaltenzahl auf einer Seite platzieren können. Das alte System arbeitete so, und so war man es gewohnt.

Eine beispielhafte Geschichte, die zum Glück gut ausging, denn benutzt wurde die Funktion so gut wie nie, das Platzieren und Verschieben per Maus war um ein Vielfaches schneller und komfortabler. Oft aber läuft es andersherum: Die alte Zöpfe werden nicht abgeschnitten, sondern behindern die Weiterentwicklung.

Es wäre illusorisch zu glauben, man könne in einem Unternehmen alle davon überzeugen, bei dieser Entwicklung mitzumachen. Bremser wird es immer geben - sie dürfen nur nicht die Oberhand gewinnen. Und sie sollten nicht in der Chefetage sitzen. Erneuerung muss von oben kommen, muss gewollt sein und muss den Ausführenden die volle Rückendeckung geben. Lässt der Vorstand nur leise Zweifel daran erkennen, ziehen viele nicht richtig mit.

Doch Weiterentwicklung ist essenziell, und neuere Entwicklungen wie maschinelles Lernen erfordern neue Denkansätze. Die meisten größeren Unternehmen schaffen das nicht von sich aus, sondern müssen sich Experten holen, einfach kaufen kann man es nicht. Und es muss die Bereitschaft vorhanden sein, die Abläufe eines Unternehmens bis hin zum Geschäftsmodell in Frage zu stellen.

Fürchtet euch nicht. Oder: Warum Angst ein schlechter Ratgeber ist

Illustration: Stefan Dimitrov

Zugegeben: Wie die Digitalisierung sich auf unser Leben auswirkt, ist nicht immer so leicht zu fassen, sie hat ja so viele Aspekte, vieles ist abstrakt. In diese Deutungslücke sind schon immer gerne Science-Fiction-Autoren und besonders das bildmächtige Hollywood gestoßen. Der einerseits tapsige, dann aber auch wieder seelenlos brutale Terminator hat sich ebenso ins Gedächtnis eingegraben wie die alles beherrschende Matrix, die den Menschen bloß vorgaukelt, was die für ihr Leben halten.

Dies sind wichtige Gedankenexperimente, doch sie greifen den tatsächlichen Entwicklungen weit voraus. Sie nehmen es als gegeben hin, dass sich Intelligenzen entwickeln können, die der des Menschen ebenbürtig, ja sogar überlegen sind. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und einige Denkfehler verhindern, die Sache realistisch zu sehen. Erster Fehler: Die meisten Experten nehmen an, die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten von Computern werde immer weitergehen, sich sogar exponentiell beschleunigen. Das ist richtig, doch die Probleme werden auch komplexer. Computer können heute einfache Texte ausreichend gut in andere Sprachen übersetzen, doch sobald es komplex wird, gar um Literatur geht, scheitern sie kläglich - die Prozent, die jetzt noch fehlen, werden die schwersten, und das gilt für viele Bereiche.

Zweiter Fehler: Terminatoren & Co. verfügen über eine schon halbwegs gut funktionierende allgemeine Intelligenz. Die Systeme von heute dagegen sind Spezialisten in ihrem Fachgebiet und darin schneller und konsistenter als Menschen. Doch außerhalb dieses Fachgebietes sind sie völlig aufgeschmissen.

Dritter Fehler: Viele haben Angst, durch lernende Systeme ihren Job zu verlieren. Meistens aber wird den sogenannten künstlichen Intelligenzen aber zu viel zugetraut, oft steigen sie schon aus, wenn ein Vorgang ein wenig von der Routine abweicht. Die Menschen werden also eher mit ihnen arbeiten als durch sie ersetzt zu werden. Die dafür nötigen Kenntnisse zu erwerben, wäre daher eine gute Investition in die Zukunft und ein probates Mittel gegen die Angst.

Die richtige Einstellung. Oder: Just do it

Illustration: Stefan Dimitrov

Armes Kaninchen! Es sieht nur, was sich bewegt, die Schlange erscheint ihm als unbewegtes Objekt. Doch plötzlich schnappt die zu, und das war's dann. Eigentlich ein schlechtes Beispiel, denn zu übersehen, wie sehr die Digitalisierung die Welt verändert, dazu muss man schon eher - um im Tierreich zu bleiben - den Kopf in den Sand stecken oder unter einem Stein leben. Doch vielen scheint immer noch nicht bewusst zu sein, wie sehr diese Technologie alles verändert. Oder aber, sie wollen es nicht wahrhaben, aus Angst, es könnte sie betreffen oder sie könnten etwas falsch machen. Dabei ist das Falscheste, das man tun kann, nichts zu tun.

Während der Corona-Pandemie haben die Inhaber vieler stationärer Geschäfte erlebt, wie wichtig es sein kann, auch digital vertreiben zu können oder wenigstens gut erreichbar zu sein. Was sollen auch Digitalaffine denken, wenn ein Laden nicht einmal eine Webseite oder eine E-Mail-Adresse hat? Das erwartet man einfach, und für manche, die dafür ein Händchen haben und sich die Zeit nehmen, hat die Investition in digitale Vertriebsmöglichkeiten geholfen, den Kundenstamm zu erweitern.

Wenn aber schon kleine Läden profitieren können, um wie viel mehr dann größere Unternehmen? Dabei geht es beileibe nicht nur (aber freilich auch) darum, die Zettelwirtschaft abzuschaffen. Das eigentliche Ziel muss sein, die gesamte Wertschöpfungskette daraufhin durchzugehen, warum die Prozesse so sind, wie sie sind, und wie man es besser machen könnte. Die alten Prozesse einfach ins Digitale zu übertragen, wäre genauso wenig sinnvoll wie im Fernsehen bloß ständig Nachrichten vorzulesen.

Oft lässt sich ein Geschäft zum Beispiel als Abonnement anbieten. Man verkauft nicht mehr ein Produkt, sondern eine Leistung. Also etwa keinen Generator, sondern das Versprechen, dass der Strom fließt. Keinen Kompressor, sondern - ja, tatsächlich - Luft. Und bei der Überwachung der vermieteten Maschinen hilft maschinelles Lernen, etwa weil es aus Sensordaten früher als ein Mensch erkennen kann, wenn eine davon Wartung nötig hat.

Aber wie geht man's an? Viele Fehler wurden schon gemacht - es wäre nicht schlau, sie zu wiederholen. Schließlich gibt es allerlei Angebote etwa der Wirtschaftsverbände, der Kammern. Dazu natürlich Berater sowie Unternehmen. Vor allzu großspurigen Versprechungen und übertriebenen Erwartungen sollte man sich allerdings hüten. Erst klein anfangen und dann mit mehr Erfahrung und Wissen die nächsten, größeren Projekte angehen. Und - ganz wichtig - keine Angst davor, mit einem Projekt zu scheitern. Lieber früh scheitern als lange leiden (und viel Geld rauswerfen). Also: Nur Mut!

© SZ vom 06.11.2020

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