Digitale Nostalgie Endlich wieder Windows 95 benutzen!

Screenshot von Windows 95: Im Netz kann man das alte Betriebssystem emulieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Microsoft Paint, Flash, iPods: Verschwindet digitale Technik, kennt die Nostalgie keine Grenzen. Im Netz lässt sich hervorragend in ihr schwelgen.

Von Michael Moorstedt

Wer hat sich nicht aufgeregt letzte Woche, als bekannt wurde, dass Microsoft in der neuesten Windows-Version auf das bekannte Malprogramm Paint verzichten will. Nach 32 Jahren! Auf Twitter und Facebook hagelte es Protestnoten. Bei Microsoft beeilte man sich klarzustellen, dass das Malprogramm mitnichten komplett eingestampft, sondern nur vom Startmenü in den App-Store verschoben wird. Statt drei Klicks braucht es nun also vielleicht zehn Klicks, um Paint starten zu können. Viel Aufregung um nichts.

Doch das bekannte Muster im sozialen Netz war längst in Bewegung - erst kommt immer die Empörung. Was konnte man in den wenigen Stunden zwischen Meldung und Richtigstellung nicht alles über Microsoft Paint lesen: Ein Grundstein der heutigen Digitalkultur sei es gewesen, ein einzigartiges Instrument der digitalen Alphabetisierung einer ganzen Generation, ein Vorgriff auf die Art und Weise, wie die Jugend von heute via Instagram und Snapchat kommuniziert, ja sogar der Geburtshelfer für das Internet, wie wir es heute kennen. Stimmt zwar alles nur bedingt, war aber in dem Moment egal.

Paint war nur das prominenteste Beispiel von veralteter Technik. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Apple fast alle iPods aus seinem Sortiment nimmt oder dass das Softwareunternehmen Adobe schon bald sein Programm Flash einstellen wird. Hier wie dort sprossen die Erinnerungsstücke aus den Netzwelt-Ressorts.

Dankesworte und Sepiafilter-Fotos zum Abschied

Schon klar, die meisten Dinge werden erst vermisst, wenn man sie nicht mehr hat. Man kennt das von Kleinkindern. Was aber doch ein bisschen verwunderlich ist, ist der auf sozialen Netzwerken grassierende Wille zur sofortigen und maximalen Nostalgie. Da wird das Ableben jeder noch so obskuren Medienpersönlichkeit der letzten Jahrzehnte aufs Energischste betrauert.

Ein jeder schreibt, wie er von dem vermeintlichen Star geprägt wurde, Anekdoten von Konzertbesuchen und Autogrammstunden aus der Vergangenheit werden ausgetauscht. Man schickt Dankesworte und in Sepiafilter getünchte Fotos in die Welt hinaus und hach ja, was waren wir damals noch jung. Freilich geht es dabei wie immer auch um den Nutzer selbst: Wessen Gedenken ist am denkwürdigsten?

Dieser Mechanismus betrifft heutzutage eben nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen. Dabei gibt es längst Gelegenheiten, die Sehnsucht nach Technik von gestern zu stillen. Und damit ist nicht nur deren Simulation gemeint, also die Lederkladden-Optik der Notizbuch-App, der Schreibmaschinen-Font oder das 8-Bit-Gedudel auf Soundcloud, sondern das echte Zeug: Auf Seiten wie tenyearsago.io kann man sich auf den Tag genau ansehen, wie das Netz vor zehn Jahren ausgesehen hat. Dort tauchen krude Versionen von Youtube oder Amazon auf.

Das Internet Archive lagert sogar Tausende in die Jahre gekommene Programme auf seinen Servern. Jeder könnte mit ihnen herumspielen, doch die Zugriffszahlen tendieren gegen null. Vielleicht, weil es schon seinen Grund hatte, wieso all die Software das Zeitliche segnete: Sie war ungelenk, unpraktisch und unansehnlich.

Wer aber partout nicht auf seinen Retro-Kick verzichten will, der kann unter win95.ajf.me sogar das komplette Windows-95-Betriebssystem in seinem Browser emulieren. Und dann dort das Paint-Programm benutzen. Es ist die Simulation der Vergangenheit in einer Simulation der Vergangenheit. Nostalgie zweiter Ordnung. Wie futuristisch.

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