Datenschutz bei Google App-Entwickler dürfen weiter bei Gmail mitlesen

Googles Mail-Programm Gmail steht in der Kritik.

(Foto: dpa-tmn)
  • Entwickler von Drittanbieter-Apps, die mit Gmail verknüpft sind, haben Zugriff auf private E-Mails von Nutzern.
  • Google hat jetzt mitgeteilt, dass man das Vorgehen beibehalten werde.
  • In einigen Tausend Fällen sollen App-Entwickler Mails tatsächlich gelesen haben, um ihre Programme noch zielgenauer zu machen.
Von Malte Conradi, San Francisco

Googles wichtigste Ressource sind möglicherweise nicht die vielbeschworenen Daten, sondern das Vertrauen seiner Nutzer. Denn so reibungslos auch seine Suchmaschine, sein Kartendienst oder sein Mail-Programm funktionieren mögen: Ist das Vertrauen einmal verloren, könnten sich die Nutzer der Konkurrenz zuwenden.

Schließt man sich dieser Sichtweise an, dann geht Google gerade sehr leichtfertig mit seinem größten Schatz um. Denn auf die Recherchen des Wall Street Journal, denen zufolge Google anderen Firmen Zugriff auf E-Mails seiner Nutzer gewährt, reagiert Google nun mit einem lapidaren: Alles in Ordnung, das bleibt so.

Googles Verhalten ist umso bemerkenswerter, als Bedenken wegen des Datenschutzes sein Mail-Programm Gmail begleiten, seit es 2004 erstmals angeboten wurde. Damals glaubten zunächst viele an einen Scherz, denn Google versprach jedem Nutzer so viel Speicherplatz, dass er nie mehr eine E-Mail würde löschen müssen. Doch die Begeisterung wich bei vielen Nutzern bald Besorgnis, als sich herausstellte, wie Google diesen für die Nutzer kostenlosen Service finanzieren würde: Mit Werbung, die jeder anderen an Treffsicherheit überlegen war. Denn Googles Software analysierte die Mails seiner Nutzer, um ihnen passende Werbung anzeigen zu können. Wer also in seinen Mails von Plänen erzählte, Paris zu besuchen, der bekam möglicherweise bald Werbung für Pariser Hotels zu sehen.

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Google konnte noch so oft erklären, dass keineswegs Mitarbeiter die Mails lesen, sondern dass lediglich Software-Programme die Nachrichten analysierten, das Misstrauen blieb. Im vergangenen Jahr dann gab Google die Erklärungsversuche auf und verkündete, man höre auf, Mails zu scannen. Damit wollte das Unternehmen den Kunden zu versichern, dass ihre Daten geschützt seien.

"Schmutziges Geheimnis" der Branche

Wohl kaum ein Nutzer rechnete damit, dass diese Erklärung genau genommen nicht ausschloss, dass Google anderen Unternehmen dieses Recht einräumen könnte. Das Wall Street Journal berichtete vor einigen Wochen, dass zahlreiche Entwickler von Apps Zugriff auf die Mail-Inhalte von Gmail-Nutzern haben. Dabei geht es zum Beispiel um Apps, die helfen, Mails zu sortieren oder Reisepläne auszuarbeiten. Zwar müssen Nutzer diesen Programmen ausdrücklich den Zugriff gewähren, doch war bis dahin unklar, in welchem Ausmaß die App-Entwickler die Nachrichten auch analysierten.

In einigen Tausend Fällen hätten Entwickler Mails sogar tatsächlich gelesen, um ihre Programme noch zielgenauer zu machen. In dem Bericht bezeichnet der Cheftechniker einer der beteiligten Unternehmen das Vorgehen als "üblich" und als "schmutziges Geheimnis" der Branche.

Aufgeschreckt durch den Bericht hatten einige US-Senatoren Google schriftlich zur Stellungnahme aufgefordert. In einem Brief schrieb der Konzern nun, er gewähre Entwicklern weiterhin Zugriff auf persönliche Mails seiner Nutzer und räume ihnen sogar das Recht ein, die Inhalte mit anderen zu teilen. Das alles geschehe aber nur, wenn sichergestellt sein, dass die Nutzer darüber aufgeklärt würden, was mit ihren Daten geschehe. Darüber hinaus prüfe man regelmäßig den Umgang der App-Entwickler mit den Inhalten der Nutzer.

Auch Nutzer ohne Gmail könnten betroffen sein

Google geht in seiner Stellungnahme nicht auf die Rechte jener ein, die zwar mit Gmail-Nutzern Mails austauschen, die aber niemals einer Analyse ihrer Nachrichten zugestimmt haben, weil sie selbst gar keine Google-Kunden sind.

Für Firmen, die an Kundendaten interessiert sind, gibt es kaum einen größeren Schatz als die Nachrichten der 1,4 Milliarden Gmail-Nutzer. Sie beinhalten wertvolle Informationen über Kaufverhalten, Reisepläne, Finanzen und persönliche Vorlieben. Um an diese Informationen zu gelangen, bieten solche Firmen gerne kostenlose Apps an, in deren Nutzungsbedingungen Zugriff auf die Mails verlangt wird.

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