Datendebakel bei Enthüllungsplattform:Wikileaks scheitert am eigenen radikalen Anspruch

Es hätte niemals passieren dürfen. Nach der Datenpanne kämpft Wikileaks eine Schlacht um Glaubwürdigkeit, die nur schwer zu gewinnen ist. Julian Assange forderte radikale Transparenz und muss feststellen: An diesem Anspruch scheitert die Enthüllungsplattform nun selbst.

Andrian Kreye

N un ist passiert, was nie passieren sollte - der Datensatz mit sämtlichen 251 287 diplomatischen Depeschen, den die Enthüllungsplattform Wikileaks in Besitz hatte, ist im Internet im freien Umlauf.

Julian Assange

Wikileaks-Gründer Julian Assange hat Weltgeschichte geschrieben - doch bleiben die Enthüllungen aus dem Jahre 2010 ein einmaliges Ereignis?

(Foto: AP)

Anstatt die Akten kontrolliert zu veröffentlichen, anstatt sie also wie im vergangenen Herbst gemeinsam mit Medienpartnern wie dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel und den Tageszeitungen Guardian und New York Times zu bearbeiten, zu analysieren und in geringen Mengen ins Netz zu stellen, stellte sie Wikileaks allesamt und im Rohzustand ins Netz.

Das könnte bedeuten, dass Informanten und Aktivisten in Diktaturen und Kriegsgebieten in Lebensgefahr geraten, weil eben auch Geheimdienste und Kriegsparteien die vertraulichen Daten einsehen können.

Das war auch schon im November vergangenen Jahres die Befürchtung, als die ersten Depeschen in Zusammenarbeit mit internationalen Medien veröffentlicht wurden. Bisher sind keine Fälle bekannt, dass Informanten oder Aktivisten Gefahr wegen Wikileaks-Veröffentlichungen drohte.

An die Grenzen gestoßen

Sogar Dinah PoKempner, Juristin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sagte in der New York Times: "Uns ist nicht bekannt, dass jemand verhaftet oder verletzt wurde, weil er in einer der Depeschen genannt wurde."Doch gerade in Ländern mit schwierigen politischen Verhältnissen habe Wikileaks große Dienste geleistet: "Es gab enorm positive Auswirkungen, was den Zugang von Menschen zu Informationen über ihre eigenen Länder betrifft." Vor allem in Tunesien und Ägypten spielten die Enthüllungen eine wichtige Rolle für die Protestbewegungen.

Und doch scheint Wikileaks nun an seine Grenzen gestoßen zu sein. Fast alle relevanten Enthüllungen, die Wikileaks seit dem Herbst 2010 lancieren konnte, stammen aus einem einzigen Datenpaket. Das soll laut amerikanischen Behörden der Obergefreite Bradley Manning der Plattform Wikileaks zugespielt haben.

Der hatte als Datenanalyst Zugang zum geheimen Computernetzwerk des Außen- und Verteidigungsministeriums SIPRNet. Mannings Schuld ist bis heute nicht bewiesen. Doch es ist klar, dass Wikileaks bis heute von diesem Datenpaket zehrt - das nun eben komplett im Umlauf ist.

Glaubwürdigkeit leidet

Da sind zum einen die Intrigen und Querelen rund um Wikileaks-Gründer Julian Assange, die Vergewaltigungsklage in Schweden, das juristische Drama um seine Auslieferung, die Beschreibung seiner Person als machthungriger Fanatiker. Assange mag sie zu Recht als unwürdiges Geschwätz abtun. Er kann seinen ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, der ein sehr hartes Buch über Assange geschrieben hat, als niederträchtigen Verräter beschimpfen. Und doch hat die Glaubwürdigkeit von Wikileaks gelitten.

Nun sind Visionäre keine Heiligen, egal ob sie Steve Jobs, Frank Zappa oder eben Julian Assange heißen. Doch seit der Aufregung um die diplomatischen Depeschen im vergangenen Winter hat Wikileaks keine wertvollen Informationen mehr zugespielt bekommen.

Das mag zum einen daran liegen, dass Daniel Domscheit-Berg und die anderen sechs Aussteiger im vergangenen Herbst wichtige technische Voraussetzungen aus Wikileaks abzogen und der tote Briefkasten im Netz, der Informanten Anonymität zusichert, nicht mehr funktioniert. Es liegt aber auch daran, dass Assange und Wikileaks viel zu sehr selbst zum Politikum geworden sind.

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