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Computerspiel "Cyberpunk 2077":"Wir müssen keine Superhelden sein"

Screenshot des Spiels Cyberpunk 2077

Screenshot aus dem Computerspiel "Cyberpunk 2077", das im September erscheinen soll. Das Genre sei in sich politisch, sagt Erfinder Mike Pondsmith.

(Foto: PR / CD Projekt Red)

"Cyberpunk 2077" ist eins der am sehnlichsten erwarteten Computerspiele des Jahres. Die Vorlage liefern die Rollenspiele von Mike Pondsmith. Ein Gespräch über den politischen Kern des Cyberpunk-Genres.

Vor einigen Tagen hatte ein Teilnehmer eines Forums auf der Diskussions-Webseite Reddit, eine recht originelle Idee, um die Verbreitung des Coronavirus zu stoppen. Er forderte in einer Petition, das Unternehmen CD Projekt Red möge sein Videospiel "Cyberpunk 2077" sofort veröffentlichen - statt wie geplant am 17. September. Dann würden alle zuhause vor den Bildschirmen bleiben und seien sicher vor dem Virus. Der Zuspruch der Reddit-Gemeinde war immens. Die Petition ist zwar nur ein Scherz, zeigt aber, wie viele Gaming-Fans dem Erscheinen des Computerspiels entgegenfiebern.

In Cyberpunk 2077 hat der Rechtsstaat versagt, korrupte Konzerne und kriminelle Banden regieren eine hochtechnisierte Welt. Typisch für das Science-Fiction-Subgenre Cyberpunk zeichnet das Spiel keine ferne Zukunft auf fremden Planeten, Night City ist vielmehr eine Metropole, wie wir sie uns jetzt schon vorstellen können - mit Neonleuchtreklamen und verregneten Straßen. Mit dem Unterschied, dass Technologien wie künstliche Intelligenz und Augmented Reality die Welt beherrschen. Mikrochip-Implantate und Armprothesen mit eingebauten Waffen gehören für die Menschen zum Lifestyle. Der Spieler sucht als Söldner oder Söldnerin den Schlüssel zur Unsterblichkeit. Dabei handelt es sich - ganz im Sinne des Genres - um einen Computerchip.

Dass die Erwartungen an das Action-Rollenspiel so hoch sind, liegt zum einem sicherlich am immensen Erfolg des polnischen Entwicklerstudios CD Projekt Red mit "The Witcher 3" (2015). Zum anderen gibt es aktuell kaum andere Games auf Blockbuster-Niveau, die in der Welt des Cyberpunk spielen. Zumal CD Projekt Red neben Matrix-Star Keanu Reeves auch mit Mike Pondsmith zusammenarbeitet, Erfinder der Pen-and-Paper-Rollenspiele "Cyberpunk 2013" (1988) und "Cyberpunk 2020" (1990).

Pondsmith hat das Cyberpunk-Genre maßgeblich geprägt, das seiner Meinung nach in sich politisch ist. Sollte das neue Spiel seiner Vorstellung folgen, könnte das einen erfrischenden Gegensatz zu den sonst eher unpolitischen AAA-Games darstellen, jenen teuer produzierten Spielen für den Massenmarkt.

SZ: Mike Pondsmith, wie viel von Ihren Ideen steckt in Cyberpunk 2077?

Mike Pondsmith: Ich habe mit unterschiedlichen Teams zusammengearbeitet, an der Handlung, an den Spielregeln und deren technischer Umsetzung sowie daran, wie die Dinge im Spiel aussehen. Zum Beispiel hatte ein Team silberne Strahlenpistolen entwickelt. Ich habe ihnen erklärt, dass die Waffen in Cyberpunk groß, schwarz und gefährlich sind, ein bisschen so wie in "Star Wars". Aktuell arbeiten wir an einem kohärenten Zeitstrahl für die Jahre zwischen der Handlung von Cyberpunk 2020 und 2077. Dazwischen liegen 57 Jahre, da ist im Cyberpunk-Universum viel passiert.

Auch in der realen Welt ist es mehr als dreißig Jahre her, seit Ihr erstes Cyberpunk-Spiel erschienen ist. Wie hat sich das Genre seitdem verändert?

Es gibt vor allem mehr Arten von Cyberpunk. Als ich das erste Spiel veröffentlicht habe, gab es eigentlich nur den Film "Blade Runner" und William Gibsons "Neuromancer"-Trilogie. Viele Menschen wussten nichts von Cyberpunk. Aber über die Jahre sind die Tropen des Genres - die verregneten Straßen, das Neon, die japanischen Schriftzüge an den Wände - Teil der Kultur auf der ganzen Welt geworden.

Mike Pondsmith, 65, hat mit seinen Pen-and-Paper-Rollenspielen "Cyberpunk 2013" und "Cyberpunk 2020" das Genre maßgeblich geprägt.

(Foto: flickr (CC0 1.0 Universell))

Die Zeit hat die dystopische Zukunft in Ihren beiden Spielen "Cyberpunk 2013" und "Cyberpunk 2020" überholt. Welche Ideen und Erfindungen aus ihren Büchern gibt es auch in echt?

Zum Beispiel Cybernetics...

...Implantate oder technische Körpermodifikationen - ein wichtiger Bestandteil für die Menschen in der Welt von Cyberpunk...

Mit Beginn des 3D-Drucks konnte man solche Bauteile einfach drucken. Plötzlich waren Cyber-Arme möglich und du siehst sie im echten Leben. Manche sehen sogar genauso aus, wie wir sie beschrieben haben.

Pondsmith zückt sein Handy und zeigt ein Foto von einem jungen Mädchen mit Armprothese. "Hier, die hat meine Tochter entworfen", sagt er. "Sie ist auch eine Designerin und Künstlerin."

Inwieweit sieht die Welt heute anders aus, als Sie sich das seinerzeit vorgestellt haben?

Es ist nicht ganz so verkorkst, wie ich dachte. Als ich in den 1980ern Cyberpunk geschrieben habe, sah es sehr schlimm aus. Dann wurde es ein bisschen besser, weil wir uns eine Weile mehr um die Umwelt gekümmert haben. Es gab weniger Kriege, stattdessen interessierten sich die Menschen mehr für die Wirtschaft. Mittlerweile sehe ich die Gefahr, dass es wieder bergab geht. Wir haben zum Beispiel weiter Autos gebaut, die eine Menge fossile Brennstoffe verbrauchen. Aber wir können gegensteuern. Meine Frau fährt zum Beispiel ein E-Auto und in unserer Firma nutzen wir erneuerbare Energien.

Das klingt klimapolitisch ziemlich grün. Schlägt sich Ihre Haltung auch im Spiel nieder?

In Cyberpunk geht es nicht um rechts oder links. Es geht auch nicht um eine bestimmte politische Richtung einer Partei oder die Kritik an einem Wirtschaftssystem. Obwohl sich das Genre natürlich stark mit dem Kapitalismus auseinandersetzt, allerdings einem, der außer Kontrolle geraten ist. Cyberpunk ist politisch, weil es sich mit Machtungleichgewicht beschäftigt. Es geht um Menschen, die eine Menge Macht, Geld und so weiter haben, und versuchen, alle anderen davon fernzuhalten. Cyberpunk thematisiert, wie diese Ungerechtigkeit mit Hilfe von Technologie, die für alle zugänglich ist, beseitigt werden könnte.

Heißt das, "Cyberpunk 2077" wird ein politisches Statement?

Nein, das ist nicht der Plan, und ich glaube nicht, dass es das braucht. Politik ändert sich, die Leute in bestimmten Machtpositionen werden abgelöst, die Ansichten der Menschen verschieben sich. Die Kernprobleme - Machtgefälle und Unterdrückung - sind größer als das. Aber Cyberpunk ermöglicht es den Spielern, unabhängig von der tagesaktuellen Politik über diese Probleme zu reden. Das ist meiner Meinung nach wichtiger, als einer Seite recht oder unrecht zu geben.

Was soll der Spieler davon mitnehmen?

Wir müssen keine Superhelden sein, um eine ähnlich düstere Zukunft zu verhindern. Aber wir müssen einige Entscheidungen treffen, für die wir einstehen.

© SZ.de/mxm/mri

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