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Vorhersage-Algorithmen:Wie Corona künstliche Intelligenzen verwirrt

Shoppen mit Abstand: Tücken beim Möbelkauf über das Internet

Boom in Corona-Zeiten: Fürs Online-Shopping muss man nicht raus.

(Foto: dpa-tmn)

Wenn Nutzer in Online-Shops plötzlich nach Schutzmasken statt nach Kopfhörern suchen, bringt das die Vorhersage-Algorithmen durcheinander.

Von Michael Moorstedt

Man muss schon ziemlich lange suchen, um einen Aspekt des modernen Lebens zu finden, der von der Corona-Krise nicht in Frage gestellt wurde. So viele Selbstverständlichkeiten wurden ruiniert - globale Lieferketten, medizinische Erkenntnisse, mehr oder weniger verbindliche Gesellschaftsverträge oder der kümmerliche Rest Glaube an den gesunden Menschenverstand, der einem angesichts florierender Verschwörungstheorien noch geblieben ist.

Nur die Tech-Konzerne hielten sich angesichts der Pandemie vergleichsweise wacker. Im Gegenteil: Manche Unternehmen verzeichnen die besten Geschäfte ihrer Geschichte. Nutzer- und Zugriffszahlen stiegen zu Beginn der ersten Welle beinahe ähnlich exponentiell wie die Kurven, mit denen die Infektionen beschrieben wurden und die Aktienkurse stemmten sich gegen den globalen Trend Richtung Keller.

Manchen gilt gerade Künstliche Intelligenz als Wundermittel gegen das Virus. Die KI soll auch in der Medizin helfen, sei es bei der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen, beim Nachvollziehen von Infektionsketten, ja sogar dabei, der Triage auf den Intensivstationen Entscheidungen zu treffen, für die eigentlich kein Mensch verantwortlich sein will.

Immer öfter müssen menschliche Mitarbeiter eingreifen

Wie sich aber herausstellt, sind in gewisser Weise auch KI-Programme anfällig für Corona. Am einfachsten lässt sich das wie so oft am Verhalten der Menschen im Netz beobachten. Plötzlich suchten sie, wonach sie zuvor nie gesucht hätten und kauften, was sie zuvor nie gekauft hätten. So dauerte es beispielsweise nicht einmal eine Woche Ende Februar, bis weltweit die populärsten Suchbegriffe auf Amazon von der heraufziehenden Pandemie dominiert wurden. Die Nutzer wollten nicht mehr wie bislang Smartphones, Ladekabel oder Kopfhörer, sondern Schutzmasken, Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel.

Ein so schneller und radikaler Wandel brachte aber die Vorhersage-Algorithmen durcheinander, die sonst Angebot und Nachfrage regulieren. Lagerhaltung und Nachbestellungen, die sonst von automatisierten Systemen gesteuert werden, kommen mit den neuen Umständen nicht mehr zurecht. Das sorgt für Lieferprobleme. Aber auch andere Unternehmen bekommen Ärger. Die Empfehlungen von Streamingplattformen wurden durch den Zustrom neuer Nutzer mit ihren noch nicht normierten Geschmäckern weniger treffend und Unternehmen, die anhand der Abermillionen von Konversationen im Netz mittels KI eine möglichst ausgewogene Ansprache für ihre Werbebotschaften kondensieren, kämpfen nun mit den Auswirkungen der zunehmend düsteren Stimmung im Netz.

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Die Modelle, auf denen KI-Programme basieren, werden durch eine Vielzahl von Daten trainiert. In diesem Fall das Verhalten von Menschen in Zeiten vor Corona. Abweichungen von der Norm können nur bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden, Schnelle oder radikale Veränderungen bringen die fragilen Programme aus dem Gleichgewicht. Oder wie ein Experte ausdrückt: Wann immer ein KI-Programm auf ein Muster stößt, das es nicht erwartet, bekommt man Probleme.

Nicht nur die Welt hat sich durch Corona verändert, sondern dadurch selbstverständlich auch die Daten, die sie generiert. Manche IT-Beratungsfirmen sprechen mittlerweile schon davon, dass die automatisierten Systeme bedenklich ins Trudeln geraten. Immer öfter müssten menschliche Mitarbeiter eingreifen, um zu verhindern, dass die Programme nicht vollends aus dem Ruder laufen.

Man mag Verdruss beim Online-Shopping oder fehlgeleitete Werbung für triviale Beispiele halten. Sie zeigen aber durchaus, wie eng unser Leben inzwischen mit den automatisierten Systemen verknüpft ist, die im Zuge des KI-Hypes der vergangenen Jahre unbemerkt immer mehr Branchen am Laufen halten. Unbemerkt für die meisten Nutzer ist eine Feedbackschleife zwischen Mensch und Maschine entstanden. Das Verhalten der Menschen beeinflusst das Verhalten der KI, die wiederum das Verhalten der Menschen beeinflusst.

© SZ vom 18.05.2020/mri
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